Unbequeme Kolosse – Hochbunker in Mannheim – Teil 1

Jeder kennt sie, die Betonkolosse neben dem Sportplatz oder an Kreuzungspunkten, grün überwuchert, oft beschmiert und meistens ungeliebt. Der Zweite Weltkrieg hat Tausende in der ganzen Bundesrepublik hinterlassen. Auch in Mannheim prägen knapp zwanzig Hochbunker die Ortsteile. Lange sorgte der Katastrophenschutz für ihre Unterhaltung, bis Ende 2009 die Zivilschutzbindung aufgehoben wurde.

Dr. Melanie Mertens vom Landesamt für Denkmalpflege hat 2010 zusammen mit dem Fotografen Bernd Hausner eine Bestandsaufnahme der Mannheimer Hochbunker gemacht. Das Ergebnis: 16 Hochbunker im Stadtgebiet sind seitdem als Kulturdenkmale ausgewiesen.

Marchivum-Blog veröffentlicht ihren Beitrag, der 2011 in der Zeitschrift „Denkmalpflege in Baden-Württemberg“ erschienen ist, in mehreren Teilen.

 

Bunker als Kulturdenkmale?

Die Diskussion um Luftschutzbauten des Dritten Reiches als denkmalwerte Relikte einer von Unmenschlichkeit und Zerstörung geprägten Epoche setzte Ende der 1980er Jahre ein. Bis dahin wurden die Bauten genutzt – in den Jahren nach 1945 als Notunterkunft und seit Mitte der Fünfziger Jahre erneut als militärischer Schutzraum. Mit der Entspannung zwischen Ost und West entfiel ihr unmittelbarer Zweck. In vielen betroffenen Städten setzten sich geschichtsbewusste Initiativen, Mieter und Anwohner massiv für den Erhalt der Bauten ein. Auch die staatliche Denkmalpflege argumentierte für das Fortbestehen prägender Luftschutzhäuser und stellte Bauten unter Schutz. Ob den Protesten oder den gewaltigen Abbruchkosten geschuldet – die Mehrzahl der Bunker blieb bis heute bestehen. Auch in Mannheim wurden im Rahmen von Einzelbewertungen bereits 1992, 1997 und 2003 drei der größten und architektonisch hervorstechendsten Hochbunker als Kulturdenkmale benannt: der Ochsenpferchbunker in der Neckarstadt, der MVV-Bunker im Jungbusch und der Hochbunker in Feudenheim (Abb. 1, 2).

Abb. 1: Im Alarmfall Schutz für 7500 Menschen: Ochsenpferchbunker in der Neckarstadt. Aufnahme 2010, LAD Hausner

Abb. 1. Im Alarmfall Schutz für 7500 Menschen: Ochsenpferchbunker in der Neckarstadt. Aufnahme 2010, LAD Hausner

Für die anderen, zumeist weniger spektakulären Bauten der Gruppe blieb die Denkmaleigenschaft aber ungeklärt. Nach eingehenden Recherchen zur Planungs-, Bau- und Nutzungsgeschichte wurden 2010 diejenigen 16 Hochbunker im Stadtgebiet, die als Bauprogramm des Hochbauamtes Mannheim im Zusammenhang geplant und realisiert wurden, als funktionshistorische und architektonische Einheit von Denkmalwert ausgewiesen.

Abb. 2: Betonturm mit Wasserspeiern und Attika: der sog. MVV-Bunker im Jungbusch. Aufnahme 2010, LAD Hausner

Abb. 2. Betonturm mit Wasserspeiern und Attika: der sog. MVV-Bunker im Jungbusch. Aufnahme 2010, LAD Hausner

Die Benennung einer ganzen Gruppe als denkmalwerte Sachgesamtheit anstelle der bisher üblichen exemplarischen Auswahl liegt in mehreren Punkten begründet: im programmatischen Charakter der Baugruppe, in der stadtteil-spezifischen Ausprägung der Einzelbauten und in der vielschichtigen historischen Dimension der Bollwerke: Nicht nur das Kriegsbauwerk des Dritten Reiches mit Zellen und Stockbetten, sondern auch der ABC-Schutzraum des Kalten Krieges mit Atomfilter und Wasseraufbereitungsanlage ist präsent.

Während die Gruppe die ausgeklügelte Verteilung in der Stadt und das architektonische Konzept der Bauzeit dokumentiert, vermitteln die einzelnen, sehr unterschiedlich erhaltenen Bauten einen unmittelbaren Eindruck der Lebensumstände im Zweiten Weltkrieg und unter der Bedrohung eines bevorstehenden Atomkriegs.

Abb. 3: Kastellbunker mit Eckbastionen, Kriegerrelief und großem Vorplatz: Tonmodell von 1941, Bunker Bäckerweg. Foto: StadtA MA-ISG

Abb. 3: Kastellbunker mit Eckbastionen, Kriegerrelief und großem Vorplatz: Tonmodell von 1941, Bunker Bäckerweg. Foto: StadtA MA-ISG

Planungs- und Baugeschichte 

In Mannheim wurden zwischen 1940 und 1945 über fünfzig Luftschutzhäuser und Tiefbunker errichtet. Ihr Bau geht auf den Befehl Adolf Hitlers vom 10. Oktober 1940 zurück, in den Städten bombensichere Luftschutzräume für die Bevölkerung zu errichten, auch Führerbefehl oder FührerSoforterlass genannt. Alle deutschen Städte waren schon 1934 nach dem Grad ihrer Luftgefährdung in Luftschutzorte I., II. und III. Ordnung eingeteilt worden. Mannheim zählte aufgrund seiner kriegswichtigen Industrie zu den Städten I. Ordnung. Diesen Kommunen stellte die Reichsregierung umfangreiche Mittel für den Bau von Luftschutzräumen zur Verfügung; gebaut wurde auf städtischem Grund, die Bauten selbst waren Reichseigentum. Die Oberleitung des Bunkerbauprogramms oblag dem Reichsminister für Bewaffnung und Munition und Generalbevollmächtigten für die Regelung der Bauwirtschaft Fritz Todt. Die Planung und weitere Organisation in Mannheim wurden dem langjährigen Leiter des Hochbauamts, Josef Zizler (1881-1955), übertragen. Das Bauprogramm beschäftigte Hochbauamt, Tiefbauamt und Maschinenamt. Im Hochbauamt waren insbesondere Peter Urban, Hans Dörr und Christian Schrade mit der Aufgabe befasst.

Im November 1940 ließ Zizler durch Urban in Berlin erste Planungen präsentieren. In kürzester Zeit legte der Bauamtsleiter detailliert ausgearbeitete Zeichnungen, teils auch Modelle, zu 13 Hochbunkern und 14 Tiefbunkern vor (Abb. 3). Bis Mitte Dezember 1940 waren die Erdarbeiten zu 20 Bunkern aufgenommen; ideologisch motiviert erfolgte der erste Aushub am Platz des 30. Januar, dessen Benennung an den Tag der Machtergreifung erinnerte (heute Georg-Lechleiter-Platz). Im September 1941 wurden die ersten neun Bunker zur Benutzung freigegeben, weitere elf folgten Anfang November (Abb. 4). Schon 1942 litt die Ausführung unter dem Mangel an Material und Arbeitskräften. Die technische Ausrüstung mit Luftfiltersystemen, Stromerzeugungsanlagen, Fernsprechanschlüssen u. ä. war vielfach unvollständig oder unterblieb ganz. 1943 hob das Reichsluftfahrtministerium das Bunkerbauprogramm für Mannheim offiziell auf. Dennoch ließ die Stadt nach Klagen der Bevölkerung, es fehle in einigen Stadtteilen gänzlich an bombensicheren Luftschutzräumen, weiterhin Bunker errichten. Noch Ende 1944 waren vier Bunker in Bau, zwei weitere in Planung.

Nach dem Krieg zu ergänzen: Attikageschoss, Klinkerverkleidung und Walmdach, Bunker Malvenweg. Foto: StadtA MA-ISG

Abb. 4. Nach dem Krieg zu ergänzen: Attikageschoss, Klinkerverkleidung und Walmdach, Bunker Malvenweg. Foto: StadtA MA-ISG

Städtebauliches und architektonisches Konzept

Das 1940/41 von Zizler konzipierte Bunkerbauprogramm umfasste 23 Tiefbunker und 16 Hochbunker. Für die barocke Innenstadt und ihre benachbarten, historisch verdichteten Stadtteile sah Zizler vorrangig Tiefbunker vor, um die städtebauliche Struktur und Bausubstanz zu schonen. Die Bevölkerungsdichte von Mannheim erforderte enormen Platz, so finden sich in den Quadraten und in ihren Randbereichen die größten Tiefbunker und die größten Hochbunker der Stadt. In den angrenzenden Wohnvierteln mit geschlossener Bebauung nutzte man Baulücken. In den jüngeren Siedlungen im Norden, Nordosten und Süden waren die Hochbunker integraler Bestandteil der Stadtplanung und nahmen prägnante Positionen in Platzlagen ein.

Abb. 5. Neues Zentrum mit Aufmarschplatz und Sportgelände: Das Modell zum Langhaus-Bunker Langer Schlag in der Gartenstadt. Foto: StadtA MA-ISG

Abb. 5. Neues Zentrum mit Aufmarschplatz und Sportgelände: Das Modell zum Langhaus-Bunker Langer Schlag in der Gartenstadt. Foto: StadtA MA-ISG

Im Unterschied zu den zentralen Vorgaben setzte das Mannheimer Hochbauamt auf Großbunker mit mehreren Tausend Plätzen. Seit Sommer 1943 fanden bis zu 130.000 Menschen Schutz. Dies ist ein Hauptgrund dafür, dass trotz der über 150 Luftangriffe auf Mannheim während des Zweiten Weltkriegs die Zahl der Opfer mit rund 2.000 Personen relativ gering blieb. Dieser glückliche Umstand ist umso bemerkenswerter, als am Kriegsende lediglich knapp ein Fünftel der Gebäude in Mannheim keine nennenswerten Schäden aufwies. In besonders betroffenen Stadtteilen wie der Innenstadt oder dem Lindenhof betrug der Zerstörungsgrad über 90 Prozent.

Der Bau von Bunkern im Sinne bombensicherer Luftschutzbauten ist eine Bauaufgabe, die sich erst im Verlauf des Zweiten Weltkrieges herausgebildet hat. Während für die technischen Aspekte die „Besonderen Bestimmungen für den Bau von LS-Bauten“ von 1941 und ihre zahlreichen Aktualisierungen heranzuziehen waren, lag die äußere Gestaltung in den Händen der Architekten. Abgesehen von dem allgemein formulierten Hinweis, „nach Möglichkeit den Wehrcharakter“ der neuen Bauaufgabe zum Ausdruck zu bringen, existierten keinerlei Vorgaben. Die – gemessen an der sonst wirksamen Gleichschaltung im Dritten Reich – ausgesprochen unterschiedlich geprägte Bunkerarchitektur deutscher Städte geht wohl mitunter auf diesen Umstand zurück.

Auch Zizler nutzte die Gestaltungshoheit weidlich aus. Er verwendete unterschiedliche Bunker-Typen, um die städtebaulichen und architektonischen Belange der einzelnen Stadtteile mit den Erfordernissen des Luftschutzes in Übereinstimmung zu bringen: Kastellbunker, Turmbunker, Langhausbunker und Blockbunker wurden in unterschiedlicher Größe und städtebaulicher Platzierung realisiert. Entwurfszeichnungen und Architekturmodelle dokumentieren, dass die Planungen über den unmittelbaren Kriegszweck hinausgingen. Als Friedensnutzung waren Hitlerjugend-Heime und andere Versammlungsräume, häufig in Verbindung mit Aufmarschplätzen und Sportstätten (Abb. 5), vorgesehen, die durch kleine bauliche Veränderungen wie die Herausnahme von Zwischendecken leicht zu gewinnen waren (Abb. 6).

Abb. 7: Bunkerzellen und niedrige Etagen. Friedensnutzung als Saal für 750 Personen nach Entfernung von Zwischenwänden und Decke. Foto: StadtA MA-ISG

Abb. 6. Bunkerzellen und niedrige Etagen. Friedensnutzung als Saal für 750 Personen nach Entfernung von Zwischenwänden und Decke. Foto: StadtA MA-ISG

Das Äußere sollte durch eine nachträgliche Verkleidung mit Sichtmauerwerk aus Kalkstein oder Backstein im Stil des Klassizismus gehoben und dem Erscheinungsbild kommunaler Verwaltungsbauten angepasst werden (Abb. 7).

Abb. 4: Monumentales Ensemble: Unter der Sandsteinverkleidung Langhaus-Bunker aus Beton, Entwurf Zizlers für Schönau, 1941. Foto: StadtA MA-ISG

Abb. 7: Monumentales Ensemble: Unter der Sandsteinverkleidung Langhaus-Bunker aus Beton, Entwurf Zizlers für Schönau, 1941. Foto: StadtA MA-ISG

Allen gemeinsam war eine monumentalisierende Gestaltung, die sich am Festungsbau des 16. Jahrhunderts, frühklassizistischen Großbauten, auch an Bauten der französischen Revolutionsarchitektur um 1800 orientierte.

Damit schuf Zizler eine für Mannheim charakteristische Bunkerarchitektur, die sich von den Luftschutzbauten anderer Städte deutlich abhob. Sein gestalterisches Konzept bediente überdies die nationalsozialistische Vorliebe für eine klassizistische Bauweise und wurde dem Wunsch nach der „Wehrhaftigkeit“ der neuen Bauaufgabe Bunker gerecht.

Teil 2 folgt …

Im nächsten Teil des Beitrags beschreiben wir die unterschiedlichen Bunkertypen, berichten über die Nutzung nach Kriegsende und die  Revitalisierung der Bunker im Kalten Krieg.

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Literatur und Quellen

Mannheim und seine Bauten, Band I, Stadtplanung und Stadtentwicklung, Mannheim 2006, S. 91–93.

Jörg Schadt, Mannheim im Zweiten Weltkrieg, Mannheim 1993, S. 27–35.

Stadtarchiv Mannheim, Bildsammlung, Plansammlung, Akten.

 

 

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