Es tut sich was im Erdgeschoß

Kreischendes Sägegeräusch beim wöchentlichen Besuch der Baustelle. Berge von Bauabfall, Betonbrocken aus denen sich Stahldrähte wie lange Tentakeln durch die Luft schlängeln. Wir drücken uns an Bergen von Bauschutt vorbei. Aber trotzdem: Man kann es schon ahnen, wie der zukünftige Eingangsbereich für das Marchivum einmal aussehen wird.

Die schmalen Ein- und Ausgangstüren, die einen immer zwangen den Kopf einzuziehen, sind verschwunden. Es entsteht ein großer, luftiger Eingangsbereich.

In der zweiten Woche schon fräsen sich die Stahlblätter der Betonsäge und eine Seilsäge durch den dicken Beton im Erdgeschoß. 1,10 Meter ist die Wand im Eingangsbereich dick, erklärt der Polier. Und der Beton mit vielen Stahlmatten durchzogen – Bewehrung, oder Armierung nennt man dies in der Fachsprache des Bauwesens. (Das Wort kommt übrigens aus der Militärtechnik – der Ritter bewehrt sich durch eine Rüstung, oder eine Siedlung durch Befestigungsanlagen.)

Durch die Bewehrung im Beton verstärkt sich das Tragverhalten und die einzelne Bauteile, die Wände und die Decken können den Zug – und Druckkräften viel besser widerstehen – nicht unerheblich für den damaligen gedachten Zweck des Bunkerbaus, aber auch notwendig bei Brücken, Tunneln etc.

Man hat die Bewehrung vor der Planung natürlich untersucht, erklärt der Bauleiter, aber man sei jetzt doch ganz schön beeindruckt von der Menge des Stahls.

Je dicker die Wand, dessto größer der Durchmesser des Sägeblatts. Foto: Silvia Köhler

Je dicker die Wand, dessto größer der Durchmesser des Sägeblatts. Foto: Silvia Köhler

Nicht alle Wände im Bunker kann man mit einer Betonsäge durchsägen – in der Regel ist bei etwa 50 cm Wanddicke Schluss mit sägen, dann kommt eine Seilsäge in Einsatz.

Die wird im hinteren Raum von zwei Arbeiter gerade in Betrieb genommen – hier soll eine Wand von etwa drei Meter Länge und Höhe entfernt werden. Das funktioniert wie bei den Sperrholzarbeiten in unserer Kindheit: Es werden zwei Führungslöcher in die Wand gebohrt – oben und unten und durch diese wird das sogenannte Sägeseil geführt und zu einem Endlosseil verbunden. Das Seil ist ringförmig mit Segmenten aus Diamanten besetzt, dazwischen halten Stahlfedern dem Druck stand. Das Sägen mit Diamantseilen, erfahre ich, wird erst seit Mitte der 1980er Jahre eingesetzt – wie hat man das nur vorher gemacht?

Hier seht man sehr schön das gespannte Sägeseil. Die Wand über den "Ausgang A" im Hintergrund ist schon ausgesägt und muss nur noch herausgebraochen werden. Foto: StadtA MA - ISG

Hier seht man sehr schön das gespannte Sägeseil. Die Wand über den „Ausgang A“ im Hintergrund ist schon ausgesägt und muss nur noch herausgebrochen werden. Foto: StadtA MA – ISG

Ein Antriebsaggregat mit einem Elektromotor hält das Seil auf Spannung und treibt das Seil an. Die Geschwindigkeit, mit der das Sägeseil arbeitet, beginnt langsam aber mit einem extremen Lautpegel. Sie steigert sich bis zur benötigten Schnittgeschwindigkeit. Damit die Seile nicht heiß laufen, werden sie während des Betriebs mit Wasser gekühlt, aber auch um die Staubbelastung zu verringern. Acht bis sechzehn Meter pro Stunde können so pro Stunde geschnitten werden, ein höheres Tempo ist kaum möglich. Wenn rechts und links und über der Wand die Schnitte gesetzt sind, dann wird die Wand mit einem elektro-hydraulischem Kleinbagger zerkleinert.

Es wird lauter und lauter. Wir verlassen den Raum und gehen nach draußen vor den Bunker. Selbst hier versteht man kaum sein eigenes Wort. Wenn man in zweieinhalb Jahren in das Marchivum durch die Eingangshalle betreten wird, wird man kaum mehr eine Vorstellung von diesen Arbeiten haben …

 

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