Unbequeme Kolosse – Hochbunker in Mannheim – Teil 2

Im zweiten Teil des Beitrags beschreiben wir die unterschiedlichen Bunkertypen, berichten über die Nutzung nach Kriegsende und die  Revitalisierung der Bunker im Kalten Krieg.

Typen: Kastellbunker und Betonkerne

In der Steubenstraße in Neckarau (Abb., mit der dieser Beitrag beginnt) und am Käfertaler Bäckerweg (Abb. 8) entstanden fünfgeschossige sog. Kastellbunker, die weithin freistehend als mächtige Solitäre wirken. Man bezeichnet sie als Kastellbunker aufgrund ihrer festungsartigen Gestaltung mit Eckbastionen, kräftiger Bänderung und schießscharten-ähnlichen Blendfenstern.

Abb. 9: Kastellbunker Bäckerweg, im Alarmfall 4500 Plätze. Das im Modell dargestellte Kriegerrelief ist nicht ausgeführt. Auf dem Vorbau seit 1990 Sandfilterkammern. Aufnahme 2010, LAD Hausner

Abb. 8. Kastellbunker Bäckerweg, im Alarmfall 4500 Plätze. Das im Modell dargestellte Kriegerrelief (Abb. 3 im ersten Teil) ist nicht ausgeführt. Auf dem Vorbau seit 1990 Sandfilterkammern. Aufnahme 2010, LAD Hausner

In der Feudenheimer Hauptstraße und am Beginn der Neckarvorlandstraße im Jungbusch (s. Abb. 2 im ersten Teil des Beitrags) stehen Luftschutztürme von sieben bis neun Etagen, die Gliederungselemente des Kastelltypus variieren (sie waren für den MVV-Bunker vorgesehen, wurden aber nicht ausgeführt). Der Ochsenpferchbunker (s. Abb. 1 im ersten Teil des Beitrags) am Rand der Neckarstadt, ist ein kastellartiger Großbunker von sechs Etagen mit doppelturmartiger Front, dessen gebänderte Außenwand nach dem Krieg eine Verkleidung aus Klinker und Werkstein erhalten sollte.

Abb. 9. In die Straßenflucht eingepasst: Kastellbunker Meerfeldstraße. Seit der Bombardierung des Lindenhofs 1944 gehört er zu den ältesten Gebäuden des Stadtteils. Aufnahme 2010, LAD Hausner.

Abb. 9. In die Straßenflucht eingepasst: Kastellbunker Meerfeldstraße. Seit der Bombardierung des Lindenhofs 1944 gehört er zu den ältesten Gebäuden des Stadtteils. Aufnahme 2010, LAD Hausner.

In der Wachtstraße (Waldhof) und Meerfeldstraße (Lindenhof) (Abb. 9) sind die viergeschossige Bunker in die geschlossene Blockrandbebauung integriert. Wie die anderen Varianten des Kastelltypus zeigen sie bastionsartige Flanken, breite Bänderung sowie runde Blendfenster in der Attika. In den jungen Siedlungsgebieten Gartenstadt, Schönau und Almenhof sah Zizler in Anpassung an die umgebende Architektur ausschließlich niedrige Langhaus-Bunker von zwei bis drei Etagen vor, die teils im Boden eingelassen sind (Danziger Baumgang, Langer Schlag, Malvenweg, Speckweg, 48er-Platz) (Abb. 10, 11).

Abb. 11: Im Rohbau verblieben: Langhaus-Bunker im Malvenweg. Der schlossartige Friedensentwurf sah Klinkerverkleidung, Turmvorbau und Walmdach vor. Aufnahme 2010, LAD Hausner

Abb. 10. Im Rohbau verblieben: Langhaus-Bunker im Malvenweg. Der schlossartige Friedensentwurf sah Klinkerverkleidung, Turmvorbau und Walmdach vor. Aufnahme 2010, LAD Hausner

Abb. 12: Rohbau Langer Schlag: Aufmarschplatz und Sportgelände kamen ebenso wenig zur Ausführung wie die Aufstockung und Verkleidung aus Sandstein. Aufnahme 2010, LAD Hausner.

Abb. 11. Rohbau Langer Schlag: Aufmarschplatz und Sportgelände kamen ebenso wenig zur Ausführung wie die Aufstockung und Verkleidung aus Sandstein. Aufnahme 2010, LAD Hausner.

Es handelt sich um ungegliederte Betonbauten, die später eine Aufstockung sowie eine aufwendige Verkleidung erfahren sollten. Unter ihnen bewahren die Bunker Danziger Baumgang und Langer Schlag die Zellenstruktur der 1940er Jahre.

Abb. 12. Nachzügler ohne Friedensvision: Erst 1944 erhielt Sandhofen den Blockbunker Birnbaumstraße. Aufnahme 2010, LAD Hausner

Abb. 12. Nachzügler ohne Friedensvision: Erst 1944 erhielt Sandhofen den Blockbunker Birnbaumstraße. Aufnahme 2010, LAD Hausner

Im letzten Kriegsjahr entstanden in Sandhofen, Rheinau und Neuostheim dreigeschossige Block-Bunker, die eine zurückhaltende Gliederung allein durch Tür- und Fensterverdachungen und Lüftungsschlitze zeigen (Durlacher Straße, Birnbaumstraße, Böcklinstraße) (Abb. 12); aufgrund ihres späten Baubeginns sind keine Pläne für Fassadenverkleidungen in Friedenszeiten bekannt.

Notnutzung nach Kriegsende

Die Besatzungsmacht beabsichtigte zunächst, sämtliche Bunker als Verteidigungsanlagen der Deutschen Wehrmacht zu vernichten, und erließ ein Nutzungsverbot. Wiederholte Eingaben der Stadt Mannheim, nur die militärisch relevanten Bunker zu beseitigen und die Zivilschutzbunker für Friedensnutzungen freizugeben, überzeugten die Amerikaner allmählich, ihr Abbruchvorhaben zu differenzieren. Gewicht hatte sicher auch der Hinweis, dass die geplanten Sprengungen weitreichende Schäden am Versorgungsnetz für Wasser, Gas und Strom verursachen würden. Neben der Unterbringung von obdachlosen Mannheimern, Flüchtlingen, Arbeitern, Reisenden (Goetheplatz) und Gefangenen (Friedrichspark, Danziger Baumgang, Speckweg) dienten die Bunker verschiedensten Zwecken von Rot-Kreuz-Station (Luisenring), Möbellager (Q 6), Verkaufsraum (Feuerwache), Werkstätte (Steubenstraße, Malvenweg) und Hotel (Paradeplatz, Schloßplatz) über Pilzzucht (E 6) oder Kühlhaus (Neckarspitze, Abb. 13) bis hin zum provisorischen Gottesdienstraum (Böcklinstraße).

Hochbunker in der Güterhallenstraße. 1941-43 als öffentlicher Luftschutzraum und Werkluftschutz der DAPG errichtet, 1947/48 zu einem Kühlhaus umgenutzt, dabei aufgestockt und mit einem Oberlichtaufsatz versehen. Aufnahme 2011, LAD Hausner

Abb. 13. Hochbunker in der Güterhallenstraße. 1941-43 als öffentlicher Luftschutzraum und Werkluftschutz der DAPG errichtet, 1947/48 zu einem Kühlhaus umgenutzt, dabei aufgestockt und mit einem Oberlichtaufsatz versehen. In jüngerer Zeit verändert. Aufnahme 2011, LAD Hausner

Der wichtigste Aspekt war die Wohnungsnot, die durch die Einquartierung in Bunker gemildert werden konnte. Eine Aufstellung vom Januar 1947 wies etwa 44.000 nutzbare Plätze in 36 Bunkern aus. Der Bau neuer Wohnungen hinkte lange der rasch über die Vorkriegszahlen hinauswachsenden Einwohnerschaft hinterher. Noch 1953 lebten 2.000 Personen in Bunkern, 1959 waren es 587, darunter 154 Menschen, die seit fünf bis zehn Jahren dort hausten. Erst 1963 wurde der letzte Bunker verlassen.

Die vollständige Räumung der Bunker scheiterte lange auch daran, dass eine Bunkerzelle mit einem altem Luftschutzbett wesentlich billiger war als eine Wohnung „in Licht und Sonne“, und man sie überdies für sich allein besaß.

Revitalisierung im Kalten Krieg

Noch während der Zeitspanne der Notnutzungen wurde 1957 das neue Luftschutzgesetz erlassen und damit die Weiternutzung von Luftschutzbauten in ihrer ursprünglichen Funktion beschlossen. Bis 1963 erstellte man für jeden Mannheimer Bunker ein luftschutztaktisches Gutachten, das u. a. das Einzugsgebiet und die Einzugskapazität ermittelte. 1973 wurde der erste Bunker als atomarer, biologischer und chemischer Schutzraum aufgerüstet (Böcklinstraße), die Nutzbarmachung der anderen ausgewählten Bunker zog sich bis 1989 hin. Für die „untauglichen“ Bunker wurden längerfristige Umnutzungskonzepte zugelassen. Die Umnutzung einiger Tiefbunker als Tiefgaragen konnte parallel zur reaktivierten Schutzfunktion umgesetzt werden (Mehrzweckanlagen).

Die technische Ertüchtigung der Bunker für ABC-Schutzzwecke ging mit dem Austausch der gesamten Belüftungs-, Filter- und Versorgungstechnik einher, augenfällig durch die voluminösen Aufsätze auf den Eingangsvorbauten, welche die Sandfilterkammern beherbergen. Weiterhin wurde in den meisten Fällen die Zellenstruktur der Schutzräume zugunsten großer Etagenräume aufgegeben. Fast überall sind die Spuren der ehemaligen Trennwände deutlich ablesbar. Weitgehend original überliefert ist die ursprüngliche, enge Zellenstruktur in den Bunkern Schönau und Waldhof.

Nach der Grenzöffnung und der Wiedervereinigung Deutschlands wurde die Instandsetzung von Bunkern zu ABC-Schutzzwecken eingestellt. Die bereits ertüchtigten Bunker unterlagen hingegen weiterhin dem Veränderungsverbot der Zivilschutzbindung. Im Mai 2007 beschloss die Innenministerkonferenz, das flächendeckende Schutzraumkonzept aufzugeben, die Schutzräume zu entwidmen und an die jeweiligen Grundstückseigentümer zurückzugeben. Den Kommunen wurde angeboten, die Schutzräume weiterhin für Zivilschutzzwecke zu übernehmen und auf eigene Kosten zu unterhalten. Die Stadt Mannheim lehnte dies im Juni 2008 ab. Seitdem läuft die Rückabwicklung.

Teil 3 folgt …

Im letzten Teil des Beitrags werden die Gründe für die Unterschutzstellung erläutert und der Versuch einer Einordnung im süddeutschen Zivilschutzbau unternommen.

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Literatur und Quellen

Mannheim und seine Bauten, Band I, Stadtplanung und Stadtentwicklung, Mannheim 2006, S. 91–93.

Jörg Schadt, Mannheim im Zweiten Weltkrieg, Mannheim 1993, S. 27–35.

Stadtarchiv Mannheim, Bildsammlung, Plansammlung, Akten.

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