Unbequeme Kolosse – Hochbunker in Mannheim – Teil 3

Im letzten Teil des Beitrags werden die Gründe für die Unterschutzstellung erläutert und der Versuch einer Einordnung im süddeutschen Zivilschutzbau unternommen.

Kriegsarchitektur und Schutzbau

Kulturdenkmale können auch Denkmäler einer Unkultur sein. Als Kriegsarchitektur der Nationalsozialisten stellen die Bunker heute Mahnmale gegen Krieg und Faschismus dar. Sie erinnern an die menschenverachtende Kriegsführung des Dritten Reiches, die ein Bunkerbauprogramm entwarf, das vorgeblich vorrangig der Zivilbevölkerung nützte, tatsächlich aber kriegswirtschaftliche Effizienz im Sinn hatte. Die Klassifizierung deutscher Ortschaften in Luftschutzorte I., II. und III. Ordnung diente der kühl kalkulierten Platzierung bombensicherer Zivilschutzräume in kriegswirtschaftlich wichtigen Städten, die nicht auf die Unversehrtheit der Einwohner sondern auf den Schutz der kriegswichtigen Industrie und Arbeiterschaften abzielte. Erst in zweiter Linie galt es, die angesichts der zunehmenden Gefahren und Verluste verzweifelnde Bevölkerung faktisch und mental zu unterstützen, um den inneren Frieden zu bewahren. Die Durchhalte-Parolen (Abb. 14), mit denen die Fassaden vieler Bunker in großen Lettern beschriftet waren, legen Zeugnis des ideologischen Überbaus ab, der die Nutzung der Bunker stets begleitete.

Hochbunker Steubenstraße Ende 1944. Die als unzerstörbare Festungsbollwerke geltenden Bunker waren als Träger von Durchhalteparolen besonders geeignet. Foto: StadtA MA - ISG

Abb. 14. Hochbunker Steubenstraße Ende 1944. Die als unzerstörbare Festungsbollwerke geltenden Bunker waren als Träger von Durchhalteparolen besonders geeignet. Foto: StadtA MA – ISG

Gleichwohl retteten die Bunker Tausenden von Menschen das Leben. Dass der lebensrettende Schutz nur durch die Kriegsführung notwendig geworden war, mindert nicht seine historische Bedeutung. Je weiter der Krieg voranschritt, desto zentraler wurde die Rolle der Bunker im Alltags(über)leben der Mannheimer Bevölkerung. Die im Bunker verbrachten Stunden und Nächte sind eine kollektive Erfahrung, die sich tief in die Erinnerung der damaligen Einwohner eingegraben hat. Die Kriegsgeneration ist in absehbarer Zeit nicht mehr fähig, persönlich von den Schrecken des Krieges zu berichten. Umso wichtiger sind die materiellen Zeugen wie die über das gesamte Stadtgebiet verteilten Bunker, die in ihrer Präsenz und Unverfälschtheit immer wieder auf die Vergangenheit aufmerksam machen. Sie sind Teil der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, deren Folgen unsere Gesellschaft nachhaltig geprägt hat und die bis in unsere heutige Zeit hineinwirken.

Abb. 13. Meist nur im Grundriss überliefert: Schmale Gänge und Zellen prägten ursprünglich jeden Bunkerraum. Aufnahme 2010, LAD Hausner

Abb. 15. Schmale Gänge und Zellen prägten ursprünglich jeden Bunkerraum. Im Bunker Langer Schlag sind sie baulich überliefert. Aufnahme 2010, LAD Hausner

Die historische Bedeutung der Bunker erstreckt sich auch auf die Epoche des Kalten Krieges. Die ungemein rasche Wiedereinsetzung der Bunker als Schutzbauten im Kriegsfall – 1953 wurde die Bundesanstalt für Zivilen Luftschutz errichtet, 1957 das neue Luftschutzgesetz erlassen – war auf die zunehmende politische Spannung zwischen den Westmächten und den Ostblockstaaten zurückzuführen.

Die anfangs von akuten Krisen diktierten, seit den 1970er Jahren fest installierten Nutzbarmachungsprogramme reaktivierten zahlreiche Bunker des Zweiten Weltkriegs, in Mannheim fast sämtliche Hochbunker des städtischen Bauprogramms von Zizler. Sie sind damit Teil der bundesweiten Aufrüstung vor dem Hintergrund der überwältigenden Bedrohung, der sich die Bundesrepublik ausgesetzt sah. Gleichzeitig dokumentieren sie die Hilflosigkeit des Staates, da sowohl Anzahl der Bunkerplätze (für 12% der Mannheimer) als auch ihre technische Ausstattung (max. 10 Stunden Aufenthalt) der Bevölkerung im Ernstfall wenig genutzt hätten.

Abb. 15. ABC-Schutz: Sandfilterkammer, davor Schutzlüftungsgerät mit Verteilersystem, Bunker Speckweg. Aufnahme 2010, LAD Hausner.

Abb. 16. ABC-Schutz: Sandfilterkammer, davor Schutzlüftungsgerät mit Verteilersystem, Bunker Speckweg. Aufnahme 2010, LAD Hausner.

Einordnung

Im Gebiet des heutigen Baden-Württemberg stellt das Bunker-Bauprogramm der Stadt Mannheim eine Ausnahme dar. Allein Stuttgart und Mannheim waren Luftschutzstädte I. Ordnung. Soweit bekannt, zeigen die Stuttgarter Hochbunker eine jeweils sehr unterschiedliche Gestalt: Turmbunker mit Kegeldach, Kastenbunker mit Walm- oder Flachdach, als landwirtschaftliche Gebäude getarnte Bunker usw. Ein verbindlicher Typus mit Varianten wie in Mannheim scheint es nicht gegeben zu haben. Ebenfalls ist keine allen gemeinsame stilistische Prägung festzustellen. Ob es ein Bunkerbauprogramm in der Art und Organisation wie in Mannheim gegeben hat, ist noch nicht abschließend geklärt. In anderen Städten Baden-Württembergs finden sich vereinzelte Bunkerbauwerke, die eine prägnante Gestaltung aufweisen, etwa in Karlsruhe die 1942/43 von Paul Brömme errichteten Bunker in Daxlanden, Rüppur und in der Hardtwaldsiedlung; ein umfangreiches Bauprogramm mit integrativer gestalterischer Konzeption ist auch hier in diesem Ausmaß nicht nachzuweisen.

Inwieweit das städtische Bunkerbauprogramm in Mannheim auch bundesweit eine Sonderrolle einnimmt, kann zurzeit nicht abschließend beantwortet werden. München scheint ein gestalterisch ähnlich anspruchsvolles Programm realisiert zu haben. Der Blick auf die zahlreichen und großen Bunkerbauten von Frankfurt a. M. verweist hingegen darauf, dass die äußerst repräsentative Ausgestaltung der Mannheimer Kastellbunker, wie sie am Bäckerweg und in der Steubenstraße ausgeführt wurden, auch überregional Ausnahmecharakter besitzen.

 

Quellen:

Stadtarchiv Mannheim, Bildsammlung, Plansammlung, Akten.

Literatur:

Mannheim und seine Bauten, Band I, Stadtplanung und Stadtentwicklung, Mannheim 2006, S. 91-93.

Jörg Schadt, Mannheim im Zweiten Weltkrieg, Mannheim 1993, S. 27-35.

Das Team vom Marchivum-Blog bedankt sich noch einmal ganz herzlich bei Melanie Mertens sowie dem Fotografen Bernd Hausner, dass wir den Beitrag hier veröffentlichen konnten.

 

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