Abstand zum Bestand

Über den Neubau, wie er letztendlich aussehen wird, haben wir schon berichtet. Aber was bedeutet so ein Projekt für den, der es plant? Was sind die Herausforderungen und wie geht man mit der Historie des Gebäudes um?

In einem Interview mit den beiden Architekten Peter Schmucker und Jörg Deffner aus dem Planungsbüro Schmucker und Partner sprachen wir über das Potential, das der Bunker hat.

Wie kam es zu der Idee, den Bunker in Neckarstadt-West für den Neubau zu nutzen?

P. Schmucker: Der Bunker wurde ja bereits vom ISG als Archiv genutzt und funktionierte hierfür mit nur geringstem technischem Aufwand. Da wir um diese Qualitäten wussten und auch die prekäre Situation im Collini-Center kannten, lag es für uns nahe, intensiver über eine intensivere Nutzung als neuen Standort für das Stadtarchiv nachzudenken.

Dieses Projekt unterscheidet sich ja schon sehr von den Bauten, die Sie sonst machen, oder?

P. Schmucker: Das stimmt insofern, dass es meines Wissens der erste Bunker ist, den wir umbauen und erweitern. Allerdings ist das „Bauen im Bestand“ kein neues Thema für uns und wir sind immer auf der Suche nach spannenden Aufgaben, gerade in der Stadt, in der wir uns am besten auskennen.

Wir halten die sinnvolle Weiternutzung gerade in Mannheim mit dem wenigen verbliebenen historischen Gebäudebestand für überaus wichtig. Das Identitätsstiftende durch den Erhalt solcher Wegmarken ist uns dabei genauso wichtig, wie die energetische Seite daran: Rund 80% des deutschen Baubestandes genügt gar keiner Norm. Wir setzen die Standards für Neubauten immer weiter hoch und sehen dabei den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Spätestens seit der letzten Biennale [Architektur-Biennale Venedig] setzt sich diese Erkenntnis aber mehr und mehr durch. Die Förderung durch den Bund zeigt dies, aber eben auch, dass es immer noch nicht sehr viele Umnutzungen dieser Qualität gibt.

Vorher: Ein gutes Beispiel für das Auseinandersetzen mit vorhandem Bestand: Das SÜBA Gebäude aus den 1970er Jahren in der Augustaanlage. Foto: Schmucker und Partner

Vorher: Ein gutes Beispiel für das Auseinandersetzen mit vorhandem Bestand: Das SÜBA-Gebäude aus den 1970er Jahren in der Augustaanlage. Foto: Schmucker und Partner

Wie geht man als Architekt mit der „Historie“ um, die so ein Bau hat?

P. Schmucker: Klar, das ist ein sehr unbequemes Denkmal, mit einer Historie, mit der sich mancher am liebsten gar nicht auseinander setzen möchte. Die Auseinandersetzung mit Bauten des Nationalsozialismus ist heikel und muss mit Respekt vor unserer schwierigen Geschichte erfolgen. Sie sollte uns aber auch nicht komplett lähmen. Wenn wir für diese Bauten keine sinnvolle Nutzung finden, nach dem Motto „nur ein totes Denkmal ist ein gutes Denkmal“ wird man in Zukunft auf Schwierigkeiten bei der Akzeptanz in der Bevölkerung treffen – man verschenkt aber auch schlicht das große Potenzial dieser Gebäude.

Mit unserer generellen Haltung zu solchen Bauaufgaben kommen wir hier in jedem Fall sehr gut zurecht: Wir halten den nötigen Abstand zum Bestand; wir vervollständigen ihn nicht, sondern addieren hinzu. Das Absetzen vom Bestand ist gerade hier besonders wichtig.

Nachher: ein neues Outfit für die Volksbank Rhein-Neckar. Das ehemalige Süba-Gebäude nach der Sanierung 2002. Foto: Schmucker und Partner

Nachher: Ein neues Outfit für die Volksbank Rhein-Neckar. Das ehemalige Süba-Gebäude nach der Sanierung 2002. Foto: Schmucker und Partner

Was meinen Sie mit Absetzen vom Bestand? 

J. Deffner: Die Nationalsozialisten hatten sich über die Weiternutzung nach dem Krieg Gedanken gemacht. Die Planung sah eine steinerne Ordensburg vor; die Gesimsbänder an der Fassade sollten als Auflager für eine Steinverkleidung dienen. Diese Planungen führen wir nicht fort, wir möchten uns nicht zu „Erfüllungsgehilfen“ machen und machen einen klaren Schnitt: Ein neues, aufgesetztes Element – leicht und transparent und damit das genaue Gegenteil einer Bunkerfassade.

P. Schmucker: Diesen Kontrast möchten wir genau herausarbeiten. Es unser Leitfaden, der für den gesamten Entwurf die Grundlage bildet. Wir übertünchen nicht, wir gehen ehrlich mit der Geschichte des Hauses um und stellen das Neue deutlich abgesetzt daneben – woraus sich dann aber ein Gefüge bildet, das seinen eigenen Charakter hat und der sich so bei einem reinen Neubau nicht zeigen würde. Gerade für die Ausstellungsräume, die sich mit den Jahren 1933 – 1945 auseinandersetzen, ist die Atmosphäre, die diese Räume besitzen, zu erhalten.

In der Vergangenheit gab es immer wieder zeitgenössische Versuche, das Gebäude etwas leichter verdaulich zu gestalten. In den 1980er Jahren wurden beispielsweise Muster aufgemalt, die den Bunker aber auch nicht besser gemacht haben.

Ein „Aufhübschen“ des Bunkers würde weder zu unserer Haltung, noch zum Konzept passen. Wir werden die Fassade möglichst nah an ihren Urzustand zurückversetzen.

Was sind die Herausforderungen bei diesem Bau?

P. Schmucker: Bauen im Bestand ist immer eine Art “Wundertüte“. Es wird auch diesmal Dinge geben, die man erst während des Bauens zu Tage fördert und die dann individuell betrachtet und gelöst werden müssen. Allerdings habe ich großes Vertrauen in unsere sehr aufwändige Voruntersuchung. Da wir mit unseren Deckenlasten im Archiv an die absolute Belastungsgrenze gehen, waren umfangreiche Gutachten und Berechnungsverfahren notwendig. Vermutlich haben wir mehr Löcher im Bunker produziert als der gesamte Zweite Weltkrieg. Aber da die Verlegung der Bewehrung in den Decken teilweise alles andere als homogen war, war dies einfach nötig.

Profitieren Sie aus Erfahrungen aus anderen Projekten?

P. Schmucker: Auf jeden Fall. Spätestens mit dem Umbau des Speicher7 in Mannheim ist das Thema „Bauen im Bestand“ zu einer Kernkompetenz unseres Büros geworden. Wir sind gut in der Lage, die vorhandenen Strukturen zu lesen und Lösungen zu entwickeln, die mit dem Haus und nicht dagegen arbeiten.

Erfahrungen aus dem Umbau des Speicher 7 werden beim Neubau des Stadtarchivs genutzt. Foto: Schmucker und Partner

Erfahrungen aus dem Umbau des Speicher7 werden jetzt beim Neubau des Stadtarchivs genutzt. Foto: Schmucker und Partner

Kommentare

  1. Guten Tag!
    Mit großem Interesse folge ich Ihrem Blog. Sie geben sich – erfolgreich – viel Mühe.. WEITER SO!
    Gruß Volker Batz
    Hockenheim

    • Da freuen wir uns aber sehr über das Lob. Das ist uns Ansporn!!! Vielen Dank. Und Grüße gen Hockenheim. S. Köhler

  2. Teile Schmucker/Deffners Ansicht betr. „Bauen im Bestand“ bzw. zum „Aufhübschen“ der Bunkerfassade in den 80ern. Leider geht auch „Kunst am Bau“ allzuoft in die Falle, lediglich kosmetischer Akt zu sein. Positive Beispiele finden sich in Berlin! s. kultisch.net

    • Wir haben noch ein paar andere – sehr ungewöhnliche – Beispiele zur Umnutzung von Bunkern auf der Liste ….

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