ES 220 wird zum „Sonnengarten“ Feudenheims

In den nächsten Monaten wollen wir einzelne Bunker aus Mannheim noch etwas näher vorstellen – ihre Entstehung, ihre Geschichte. Einige haben auch interessante Verwandlungen hinter sich, wie zum Beispiel der Bunker in Feudenheim.

Täglich fahren tausende Berufspendler über die Bundesstraße 38 a und stehen an der angrenzenden Auffahrt am Aubuckel vor den Ampeln. Im morgendlichen Berufsverkehr nehmen sie den ehemaligen Bunker wahrscheinlich nur noch als einen unscheinbaren Betonbau wahr, der sich nahtlos in das umliegende Wohngebiet einfügt.

Der Beginn der Arbeiten an der Bunkeranlage. Aufnahme vom 29.04.1941. Foto: StadtA-MA-ISG

Der Beginn der Arbeiten an der Bunkeranlage. Aufnahme vom 29.04.1941. Foto: StadtA MA-ISG

Aber der Luftschutzbunker am Aubuckel mit der ehemaligen „Tarnbezeichnung“ ES220 ist immer noch ein Symbol für die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte: Er war Teil des so genannten Luftschutz-Führerprogramms, in dessen Rahmen im Mannheimer Stadtgebiet 56 Luftschutzbunker errichtet wurden.

Zur Geschichte des Bunkers

Die am westlichen Ortseingang errichtete Bunkeranlage bestand dabei aus der architektonischen Kombination von einem Hochbunker, mit zwei unterirdisch gelegenen Tiefbunkerbauten.

Schon zwei Monate später wuchs der Turm in die Höhe. Aufnahme vom 25.06.1942. Zum Bau des Bunkers wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Foto: StadtA-MA-ISG

Aufnahme des Hochbunkerbaus vom 25.06.1942. Zum Bau des Bunkers wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Foto: StadtA MA-ISG

Erbaut wurde dieser weitläufige Bunkerkomplex in drei Bauabschnitten, zwischen den Jahren 1941 und 1942. In diesen Jahren war die Anlage sogar zwischenzeitlich Deutschlands zweitgrößter Bunkerkomplex. Die 4.000 Quadratmeter umfassenden Tief- und der 28 Meter hohe, 14 x 14 Meter messende Hochbunker waren so konzipiert, dass sie eine Belegungskapazität von 2.119 Schutzplätzen (1.614 Liege-, 505 Sitzplätze) vorsahen. Im Notfall konnte die Feudenheimer Bunkeranlage allerdings bis zu 7.000 Menschen Zuflucht gewähren.

Neben dem Schutz der Zivilbevölkerung diente der Feudenheim-Bunker auch der Abwehr feindlicher Luftangriffe: Auf dem offenen Dach des sechsstöckigen Hochbunkers befand sich eine Flakstation. Darüber hinaus planten die Nationalsozialisten, nach dem von ihnen fanatisch herbeigesehnten Endsieg, den Bunkerkomplex zu einem NS-Repräsentationsbau umzufunktionieren.

Wirkt fast idyllisch: Der Hochbunker 1944 von der Körnerstrasse aus gesehen. Foto: StadtA-MA-ISG

Wirkt fast idyllisch: Der Hochbunker 1944 von der Körnerstrasse aus gesehen. Foto: StadtA MA-ISG

Hierfür war vorgesehen, den gesamten Bunker mit Naturstein zu bedecken, den Hochbunker in einen Glockenturm umzubauen und die offenen Rundbögen mit einem Pyramidendach zu versehen. Auch die Errichtung eines an den Bunker angrenzenden Hitlerjugend-Heimes gehörte zu den nationalsozialistischen Plänen für eine Nachkriegsnutzung des Geländes.

Dass die eigentlich zum Schutz errichteten Bunker jedoch auch zur tödlichen Falle werden können, belegt ein tragisches Ereignis aus dem Jahr 1944: Im Zuge des alliierten Luftangriffs vom 25. September 1944 entstand im Bereich des Eingangs eine Massenpanik, in deren Folge 38 Menschen zu Tode kamen.

Nutzung nach Kriegsende

Unmittelbar nach der Kapitulation des NS-Regimes wurde das Bunkergelände zunächst von der US-amerikanischen Militärregierung beschlagnahmt. Der gesamte Komplex diente unter anderem als Möbellager der Sales Comissary, einem Kaufhaus des US-Militärs, bevor das Areal zum Kasernengelände mit Radar- und Funkstation ausgebaut wurde.

Der Hochbunker, wie er sich heute von der Haltestelle ‚Am Aubuckel‘ aus präsentiert. Foto: Sven Kaulbarsch

Der Hochbunker, wie er sich heute von der Haltestelle „Am Aubuckel“ aus präsentiert. Foto: Sven Kaulbarsch

Doch nicht nur das US-Militär nutzte den Feudenheim-Bunker für militärische Zwecke: Von 1972 bis Anfang der 1990er Jahre lagerte die Bundeswehr hier ihre Ausrüstung und simulierte, in Kooperation mit der NATO, die Vorgehensweise für den Fall eines möglichen Atomkrieges. Ein Zeitvertreib, der durch den Fall der Berliner Mauer und dem damit verbundenen Ende des Kalten Krieges obsolet wurde.

Nach dem Zusammenbruch des Ost-Blocks und dem Ende des Kalten Krieges diente die Bunkeranlage während des Balkankonflikts als Notunterkunft für Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Da diese Unterkunft allerdings nur als Übergangslösung vorgesehen war, eröffnete sich Mitte der 1990er Jahre die Frage nach der zukünftigen Nutzung des Bunkergeländes. Eine mögliche Zukunftsvision war damals auch, das Mannheimer Stadtarchiv im Feudenheim-Bunker einzuquartieren.

Konversion zwischen 1998 und 2012

1998 begann die Firma B.A.U. GmbH mit der Konversion des Geländes: Sie erwarb die beiden Bunker und das insgesamt 20.000 Quadratmeter umfassende Gelände vom Bund. Zwischen den Jahren 2000 und 2002 entstand hier das Quartier „Am Sonnengarten“. Es besteht aus sechs Stadtvillen mit 45 Wohnungen und einem vierstöckigen Bürogebäude.

Wohnanlage Sonnengarten von oben. Foto: Google Maps

Wohnanlage Sonnengarten von oben. Foto: Google Maps

Die beiden Tiefbunker wurden als Keller und Tiefgarage für die Wohnhäuser umgenutzt. Im Rahmen der Baumaßnahmen wurde zudem eine grüne Oase errichtet, zu der 5.127 Pflanzen und Bäume gehören.

Aus Tiefbunker wird Tiefgarage. Die Wohnanlage heute. Foto: Sven Kaulbarsch

Aus Tiefbunker wird Tiefgarage. Die Wohnanlage heute. Foto: Sven Kaulbarsch

Aus Gründen des Denkmalschutzes blieb der Hochbunker von diesen Baumaßnahmen zunächst ausgeschlossen. Einige Jahre später wurde er privat zu einer modernen und mit einem Glaskubus ausgestatteten Penthouse-Wohnung umgebaut. Der Hochbunker steht dennoch weiterhin unter Denkmalschutz.

Quellen:

Stadtarchiv Mannheim, Bildsammlung, Plansammlung, Akten.

Literatur:

Andreas Schenk, Mannheim und seine Bauten 1907–2007, Band 4, Mannheim 2004, S. 124 – 126.

Michael Caroli, Luftschutzbauten. In: Jörg Schadt/Michael Caroli, Mannheim im Zweiten Weltkrieg, Mannheim 1993, S. 27 – 35.

Kommentare

  1. Nachdem ich diesen Artikel gelesen habe, bekam ich als gebürtiger Mannheimer schon fast Schuldgefühle, insofern dass ich so wenig über meine Heimatstadt weiß. Auch ich gehöre leider zu der großen Mehrheit, die sich oft in der B 38 befindet und an der roten Ampel am Aubuckel nie nach rechts in Richtung Feudenheim blickt.
    Im Nachhinein ärgere ich mich darüber, dass ich mein Leben lang eine Goldgrube vor den Füßen hatte und diese nie bemerkt habe.
    Nach der Lektüre bin ich erstaunt darüber wie viel Geschichte eigentlich in Mannheim steckt und um so dankbarer bin ich für die neuen Erkenntnisse, die ich in diesem Artikel über meine Heimat bekommen habe.
    Vielen Dank an den Autor für den geschichtlichen Exkurs und für den neuen Einblick in die Vergangenheit Mannheims.

    • Danke für diesen tollen Kommentar ;-). Das ist der größte Antrieb, weiter im Archiv nach Geschichten zu suchen … Grüße vom Blog-Team

  2. Ich habe den Bunker während meiner Bundeswehrzeit von 1976-1977 kennen gelernt. Die Zeit als „Natosoldat“ innerhalb der Bundeswehr gehört zu mit einer meiner schönsten und aufregensten Jahre.

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