Erinnerungen: Ein Film mit Zeitzeugen zum Hochbunker in der Neckarstadt

Es gibt noch viele persönliche Erinnerungen an die Bunker in Mannheim. Auch diese wollen wir in unserem Blog aufgreifen.

Wir beginnen mit einem bemerkenswerten Projekt aus dem Stadtarchiv Mannheim: Ein Film mit Zeitzeugen und ihren Erinnerungen an den Hochbunker in der Neckarstadt-West.

Endlich ist es soweit! Der Film zur Geschichte des Hochbunkers in der Neckarstadt, Mannheims künftigem Haus der Stadtgeschichte und Erinnerung, ist fertig gestellt und kann ab Mai über die Freunde des Stadtarchivs Mannheim – ISG e.V. im Collini Center erworben werden. Der Förderverein des Stadtarchivs gibt die DVD in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Mannheim – ISG heraus und hat die Entstehung maßgeblich unterstützt.

Dreharbeiten im Bunker in der Neckarstadt-West. Foto: INTEX Digital Sound

Dreharbeiten im Bunker in der Neckarstadt-West. Foto: INTEX Digital Sound

Der Film versteht sich als ein Baustein zur Auseinandersetzung mit dem Gebäude und seiner Geschichte aus Anlass des geplanten Umzugs des Stadtarchivs Mannheim – ISG in den Bunker und dessen Wandlung zum MARCHIVUM. Nicht nur der Umbau dieses unter Denkmalschutz stehenden Bunkers nimmt Rücksicht auf das bestehende Gebäude, sondern auch das Stadtarchiv Mannheim respektiert die Geschichte des Bauwerks.

Der Titel „Erinnerungen“ macht bereits klar, dass es nicht vorrangig darum geht, den Bauzustand zu dokumentieren. Im Zentrum des Films stehen die Schicksale von acht Mannheimerinnen und Mannheimern, die sich bereit erklärt haben, ihre persönlichen, meist aufwühlenden Erinnerungen der Nachwelt zu hinterlassen.

Dr. Heidrun Pimpl und Désirée Spuhler vom Stadtarchiv Mannheim – ISG übernahmen die Redaktion und sind verantwortlich für die Auswahl des historischen Bildmaterials und der Akten aus dem Stadtarchiv, die zum Teil schon bei den Dreharbeiten im September 2015 an die Bunkerwände projiziert wurden, zum Teil nachträglich beim Schnitt in den Film eingeblendet wurden.

Nach einer glücklichen Kindheit in der Neckarstadt erlebte Ulla Hofmann die Zerstörung des Stadtteils. Mit ihren Großeltern, die eine Metzgerei in der Riedfeldstraße besaßen, verbrachte sie seit den ersten Luftangriffen ihre Nächte im Bunker, bevor sie in die Kinderlandverschickung kam. Foto: INTEX Digital Sound

Nach einer glücklichen Kindheit in der Neckarstadt erlebte Ulla Hofmann die Zerstörung des Stadtteils. Mit ihren Großeltern, die eine Metzgerei in der Riedfeldstraße besaßen, verbrachte sie seit den ersten Luftangriffen ihre Nächte im Bunker, bevor sie in die Kinderlandverschickung kam. Foto: INTEX Digital Sound

Als Filmproduzent konnte Alexander Theodossiadis (Intex digital sound) gewonnen werden, der Erfahrungen in der filmischen Auseinandersetzung mit Mannheims Geschichte einbringt. An der Kamera war Peter Kozana, Regisseur ist Ralf Herrmann.

Dem engagierten Filmteam gelang es, die authentischen Berichte in eindrücklicher und spannender Weise filmisch festzuhalten und mit dem historischen Material zu verknüpfen.

Regisseur Ralf Herrmann im Gespräch mit Zeitzeugen Dr. Hans Martini, der als Bürgermeister (1961-1981) für die Bunkerräumung zwecks Umbau zum Atomschutzbunker zuständig war. Foto: INTEX Digital Sound

Regisseur Ralf Herrmann im Gespräch mit Dr. Hans Martini, der als Bürgermeister (1961-1981) für die Bunkerräumung zwecks Umbau zum Atomschutzbunker zuständig war. Foto: INTEX Digital Sound

Kurt Ebinger erinnert sich noch besonders gut an den Bau des Bunkers: Vor ungefähr 75 Jahren im April 1941 wurde mit den Betonierarbeiten begonnen, nachdem Oberbaurat Zizler mit der Umsetzung des von Hitler verordneten Luftschutz-Sofortprogramms in Mannheim beauftragt worden war. Die Ereignisse überschlugen sich und der Bunker wurde bereits vor Fertigstellung des Rohbaus im Januar 1943 als Schutzraum genutzt.

Bei dem ersten großen Luftangriff auf die Neckarstadt am 9./10. Mai 1941 stand der Bunker allerdings noch nicht zur Verfügung, wie uns die NeckarstädterInnen Eleonore Kühn und Ulla Hofmann sowie Horst Staub und Kurt Ebinger berichten. Damals musste auf private und öffentliche Luftschutzkeller ausgewichen werden.

Die Zeitzeugen erinnern sich, wie es ihren Alltag in Kriegszeiten prägte, sich als Kinder entweder bei Fliegeralarm in den Bunker zu retten oder Abend für Abend in eine Bunkerzelle einquartiert zu werden, um dort die Nacht zu verbringen. Regulär waren im Bunker fast 2000 Liegeplätze in Zellen eingerichtet; bei Alarm, wenn alle umliegenden Bewohner Schutz suchten, wurde die Höchstbelegung von 7500 Personen oftmals auch überschritten. Seit Frühjahr 1943 erreichten die Luftangriffe auf Mannheim eine neue Dimension.

Die abenteuerliche Flucht aus Oberschlesien führte Elfriede Eisenbeiser als junge Frau zu ihrer Mutter nach Mannheim in die Untermühlaustraße. Mit ihr kam sie in einer Bunkerzelle unter. Ihre schrecklichen Erinnerungen an den Beschuss des Bunkers durch die Amerikaner kurz vor Kriegsende kann sie nicht vergessen. Foto: INTEX Digital Sound

Die abenteuerliche Flucht aus Oberschlesien führte Elfriede Eisenbeiser als junge Frau zu ihrer Mutter nach Mannheim in die Untermühlaustraße. Mit ihr kam sie in einer Bunkerzelle unter. Ihre schrecklichen Erinnerungen an den Beschuss des Bunkers durch die Amerikaner kurz vor Kriegsende kann sie nicht vergessen. Foto: INTEX Digital Sound

In den Augenzeugenberichten werden die Erlebnisse eindringlich geschildert, besonders auch der Treffer des Bunkers am östlichen Treppenturm in der Nacht vom 23. auf den 24. September 1943.

Ein Ereignis, das den Zeitzeugen besonders stark in Erinnerung blieb, fand unmittelbar vor der Einnahme Mannheims durch die Amerikaner am 28. März 1945 statt: der heftige und  unerwartete Artilleriebeschuss des Bunkers, bei dem über 50 Tote und viele Verletzte zu beklagen waren. Wie besonders Siegfried Münzenmayer eindringlich schildert, blieb für viele von Ihnen keine Zeit mehr, sich in den Bunker zu retten. Er musste den Tod zahlreicher Spielkameraden mitansehen. Auch Elfriede Eisenbeiser bleiben diese schrecklichen Erinnerungen für immer im Gedächtnis haften.

Als kleiner Junge erlebte Horst Staub die ersten Luftangriffe auf sein Elternhaus in der Pumpwerkstraße. Wie viele andere suchte er bei Alarm Schutz im Bunker. Nach seiner Einschulung 1942 wurde er mit seine Familie in die Pfalz evakuiert. Foto: INTEX Digital Sound

Als kleiner Junge erlebte Horst Staub die ersten Luftangriffe auf sein Elternhaus in der Pumpwerkstraße. Wie viele andere suchte er bei Alarm Schutz im Bunker. Nach seiner Einschulung 1942 wurde er mit seine Familie in die Pfalz evakuiert. Foto: INTEX Digital Sound

Weiterhin wird im Film von der Wohnungsnot in der Nachkriegszeit berichtet, die viele Rückkehrer aus Krieg und Evakuierung auf der Suche nach Wohnraum zwang, im Bunker unterzukommen. Seit 1950 gingen die gesamten Bunker einschließlich ihrer technischen Einrichtungen in die Verwaltung der sog. Betreuungsstelle gGmbH über, die für die Vermietung und Instandhaltung der 536 Zellen zuständig war. Die Stadt Mannheim war bestrebt, zunächst alle Familien mit Kindern in anderen Wohnungen unterzubringen, was bis Ende der 50er Jahre gelang. Schließlich verblieben nur noch die Ärmsten und Kranken in den heruntergekommenen Zellen, von denen manche jede Hilfe ablehnten, wie in zahlreichen Akten festgehalten ist. Im Rahmen seiner Tätigkeit als junger Polizist in der Neckarstadt hat Norbert Stier dies unmittelbar erfahren.

Dr. Hans Martini, von 1961-1981 Bürgermeister für Sozial- und Gesundheitswesen berichtet davon, dass der Bunker erst 1966 vollständig geräumt werden konnte.

Mit dem jetzt begonnenen Umbau zum MARCHIVUM sollen die Geschichte des Bunkers und die Erinnerung an das Schicksal der Menschen, die dort in Kriegs- und Nachkriegszeit untergebracht waren, nicht verloren gehen, sondern, im Gegenteil, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Der Film ist dazu ein wichtiger Beitrag.

 

Erinnerungen an den Hochbunker in der Neckarstadt (Stadtgeschichte digital 11)

Ein Film der Freunde des Stadtarchivs Mannheim – ISG e.V. in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Mannheim – ISG anlässlich des Bunkerumbaus zum MARCHIVUM

ISBN: 978-3-9817-924-0-9  1. Auflage Laufzeit ca. 50 min, 14,50 Euro

Eine Produktion von: Intex Digital Sound, Mannheim

Regie: Ralf Herrmann

Redaktion: Dr. Heidrun Pimpl und Désirée Spuhler

Kamera: Peter Kozana

Ton: Alexander Theodossiadis | VDT | BVFT

Schnitt: Miriam Seyd

Sprecher: Christian Birko-Fleming und Doris Steinbeißer

Covergestaltung: Steffen Elsishans

Fotos: Alexander Theodossiadis und Stadtarchiv Mannheim – ISG

Herstellung: Verlagsbüro v. Brandt

Zu beziehen ab 2. Mai 2016 bei: Freunde des Stadtarchivs Mannheim-ISG e.V. c/o Stadtarchiv Mannheim – ISG, Collini Str. 1, 68161 Mannheim,
mail: stadtarchiv@mannheim.de, Telefon 0621/293-70 27.

Öffnungszeiten: Montag bis Mittwoch 8.00 – 16.00 Uhr, Donnerstag 8.00 – 18.00 Uhr

Kommentieren