Relikte des Kalten Krieges – der Regierungsbunker

Bad Neuenahr-Ahrweiler – ein hübsches Städtchen unweit von Bonn. Mit seinen prächtigen Fachwerkhäusern, der schönen landschaftlichen Lage und heilenden Natriumquellen zieht es viele Besucher an. Doch es gibt noch eine andere, düsterere Attraktion, die die Touristen anlockt. Eine, die eng mit der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland verwoben ist.

Hier, zwischen den Rebhängen des Ahrtals, befinden sich, tief in den Berg gehauen, die Überreste des Bunkers, von dem aus die  Bundesregierung im Falle eines Atomkriegs hätte regieren sollen.

Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges forderte die Nato jeden ihrer Mitgliedsstaaten dazu auf, für den Ernstfall einen atombombensicheren Ausweichsitz zu bauen. Und so begann man auch in Deutschland mit der Suche nach einem geeigneten Unterschlupf. In zwei aus der Kaiserzeit stammenden Eisenbahntunneln wurde man fündig. Die guten natürlichen Schutzeigenschaften in Form von 110 Meter Schiefergestein und die Nähe zu Bonn gaben den Ausschlag, hier im Ahrtal das wohl sicherste Gebäude in der Geschichte Deutschlands zu bauen.

Sicher schien sicher: Drucktor im Inneren des Bunkers Foto: Sascha Kelschenbach

Sicher schien sicher: Drucktor im Inneren des Bunkers
Foto: Sascha Kelschenbach

Ausgehend von diesen Tunneln trieb man ab 1960 in mühevoller Arbeit weitere quer und parallel liegende Stollen in den Berg, verknüpfte die beiden separaten Eisenbahntunnel durch einen tiefer liegenden Verbindungsgang und unterteilte das mittlerweile auf über 17 Kilometer angewachsene Tunnelgeflecht in fünf autarke Abschnitte. Eigene Stromgeneratoren, 2 Tiefbrunnen, Luftfilter und 5 Kantinen sorgten für die Befriedigung der grundlegenden, lebensnotwendigen Bedürfnisse.

Darüber hinaus  gab es einen Friseursalon, mehrere Operationssäle, eine Rohrpost zur bunkerinternen Kommunikation, eine Dekontaminationsanlage sowie eine ökumenische Kirche. Auch ein Ersatzteillager für jeden Gegenstand im Bunker fehlte nicht. Fortbewegt hätte man sich auf Fahrrädern oder Elektrofahrzeugen, fast so, wie man es aus James-Bond-Filmen kennt.

Ein Farbtupfer im Grau des Bunkeralltags: Das ehemalig Mobiliar des Bundespräsidialamtes. Foto: Sascha Kelschenbach

Ein Farbtupfer im Grau des Bunkeralltags: Das ehemalig Mobiliar des Bundespräsidialamtes. Foto: Sascha Kelschenbach

In 936 Schlaf-  und 897 äusserst spartanisch eingerichteten Büroräumen hätten im Ernstfall bis zu 3000 Beamte für 30 Tage überleben können – ohne Angehörige wohlgemerkt. Neben dem Bundeskanzler wären dem Bundespräsidenten, den Mitgliedern von Kabinett und Bundestag sowie dem Bundesverfassungsgericht und den Spitzen von Bundesbank und Bundeswehr ein Platz sicher gewesen.

Für die Regierungsgeschäfte gab es eine Druckerei, ein volleingerichtetes Fernsehstudio sowie einen 125 m2 großen Plenarsaal, in dem ein 22-köpfiges Notparlament hätte tagen können. Ausgestattet mit Kartenwänden, konnten hier Truppenbewegungen anschaulich visualisiert werden. Auch wenn keine genauen Zahlen bekannt sind, ließ sich die Bundesregierung ihren Bunker wohl etwa stolze vier Milliarden Mark kosten.

Rettungsgerät düe die "Bunkerfeuerwehr". Foto: Sascha Kelschenbach

Rettungsgerät düe die „Bunkerfeuerwehr“. Foto: Sascha Kelschenbach

All dies sollte sicherstellen, dass die Bundesregierung auch in einem nuklear geführten Krieg weiterhin regieren und die Bundeswehr führen könnte. Kurzum: an nichts wurde gespart, alles hatte man bedacht, nur eines nicht: Die Geschwindigkeit des Wettrüstens im Kalten Krieg.

Bei Baubeginn der Anlage rechnete man noch mit Atomwaffen von der Stärke der Hiroshima-Bombe, bald jedoch wurden bis zu 250-mal stärkere Bomben wahrscheinlich, so dass die Sinnhaftigkeit des Projekts in Frage gestellt war.

Ob aufgrund der Einsicht, dass sich eben diese Situation wiederholen würde oder schlicht weil man schon zuviel Geld verbaut hatte, man stoppte den Bau nicht, sondern hielt an der Idee von Sicherheit fest.

Die Baustelle für den Regierungsbunker 1967. Foto: Bunker Dokumentationsstätten Marienthal

Die Baustelle für den Regierungsbunker 1967. Foto: Bunker Dokumentationsstätten Marienthal

Offiziell streng geheim, waren Ort und Beschaffenheit des Bunkers de facto ein offenes Geheimnis. Man bemühte sich, schirmte die Baustelle mit Tarnnetzen ab, verbeamtete einfache Handwerker, verpflichtete zur absoluten Verschwiegenheit, doch vergebens: Ein dermaßen hoher Aufwand konnte nicht vollends verschleiert werden, waren doch bis zu 20.000 Arbeiter am Bau beteiligt.

Und genau auf diesem Weg erfuhr dann auch die DDR die intimsten Details des Bunkers. Die Staatssicherheit traf sich nicht nur mit erschöpften Arbeitern zum Bier, nein, sie hatte auch ihre eigenen Männer eingeschleust. Über Jahre hinweg konnte so der Belüftungstechniker Lorentz Betzing sensible Daten weitergeben. Die Vorstellung, dass gerade der Regierungsbunker zielgenau hätte beschossen und zerstört werden können: absurd.

Während der NATO-Übungen mit dem Namen Wintex/Cimex (Winter exercises, Civil military exercises) probte man alle zwei Jahre für jeweils zwei Wochen das Funktionieren einer Notregierung für den Fall des Atomschlags.

Tief im Bunker konnte die Außenwelt dabei leicht in Vergessenheit geraten. So beklagte Günter Leonhart, ehemaliges Mitglied des Verteidigungsausschusses, eine ungesunde, ja, gefährliche Dominanz des Militärs innerhalb der Übungen, die auch die Offiziere selbst bestätigten: „Die Übung beginnt immer mit der Mobilmachung und endet grundsätzlich in einem Krieg. Wir lernen nie, eine Krise zu entschärfen. Das ist ungeheuer gefährlich, weil es im Ernstfall passieren kann, dass nur die geübten Rituale funktionieren, dass wir also zwangsläufig den Krieg beginnen“, schreiben Inge Marszolek und Marc Buggeln in Ihrem Buch „Bunker: Kriegsort, Zuflucht, Erinnerungsraum“, 2008.

Die Komandozentrale des Bunkers. Foto: Sascha Kelschenbach

Die Komandozentrale des Bunkers. Foto: Sascha Kelschenbach

Nach jeder Übung wurde das insgesamt 17 Kilometer lange Bunkergeflecht wieder für zwei Jahre einer 200 Mann starken Betriebsmannschaft überlassen, die in drei Schichten dafür sorgte, dass der „Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall zur Wahrung von deren Funktionstätigkeit“, wie der Bunker im Beamtendeutsch genannt wurde,  rund um die Uhr einsatzbereit war.

Mit dem Mauerfall und dem Ende des Kalten Krieges verlor dann auch der Bunker an Bedeutung. Zwar investierte man nochmals in neue Generatoren, doch 1997 war endgültig Schluss. Eine langwierige Suche nach einer geeigneten Folgenutzung begann. Egal ob Pilzzucht, Erlebnisgastronomie, Kongresszentrum oder Großrechenanlage: Letztendlich scheiterten alle Investoren an den strengen Umwelt- und Brandschutzauflagen.

So begann man 2001 mit dem Rückbau, hielt, angesichts der Anschläge vom 11. September, nochmals kurz inne, nur um dann die vollständige Entkernung fortzusetzen.

Geblieben ist ein 203 Meter langes Stück Stollen – gerettet durch den Heimatverein Ahrweiler. Dieser erhielt schließlich die Erlaubnis, hier ein Museum einzurichten, das sich seit seiner Eröffnung im Jahr 2008 über ein stetes Interesse an Besuchern freut. Sogar ehemals selbst am Bau und Erhalt des Bunkers beteiligte Personen führen hier durch den Stollen und erläutern die zum Teil in mühseliger Arbeit wieder zusammengetragenen Originale.

Ein Friseursalon, inkl. Trockenhaube für die weblichen Mitglieder der Bundesregierung. Foto: Bunker Dokumentationsstätten Marienthal

Ein Friseursalon, inkl. Trockenhaube für die weblichen Mitglieder der Bundesregierung. Foto: Bunker Dokumentationsstätten Marienthal

Die Ausstellung macht aber auch klar, dass selbst für die Elite kein dauerhafter Schutz im Bunker gewährleistet war. Und, wen hätte die Bundesregierung nach einem Atomschlag noch regieren sollen? Wenn schon selbst der Bunker für seine Insassen nicht ausreichend Schutz bieten konnte, was wäre von einer Zivilbevölkerung oder dem Militär übrig geblieben, die nicht über derartige Schutzräume verfügten?

Obwohl der Regierungsbunker tatsächlich existiert hat, war er letztendlich doch immer mehr eine Idee als eine tatsächliche Lösung oder gar die Rettung im atomaren Ernstfall.

Das Museum macht einem die Ausweglosigkeit eines atomaren Krieges auf eindringliche Weise bewusst. Es gäbe im Ernstfall kein Entrinnen: Diese anschauliche Verkörperung dieser Botschaft macht den Bunker zu einem Mahnmal des Friedens, an das es sich zu erinnern gilt.

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