Facelift für Mannheims Hochbunker

In den späten 70er Jahren hat die bunte Flower-Power-Bewegung auch Otto Normalverbraucher erreicht. Während der Bundesgartenschau 1975 gibt präsentiert sich Mannheim neu und vor allem bunt. Nur die tristen grauen Kolosse aus einer Zeit, die man jetzt endlich mal vergessen möchte, stören in Mannheims Stadtbild – vor allem in Stadtteilen wie Waldhof, Käfertal, Schönau, genau da, wo die „kleinen Leute“ wohnen.

Am 22. Januar 1975 schreibt Siglinde Wänger an den Oberbürgermeister Ratzel und bittet ihn, den Bunker in der Wachtstrasse (Waldhof) doch endlich etwas schöner zu machen, weil er „tagtäglich mein erster Anblick ist, wenn ich morgens aus dem Küchenfenster schaue“.

Wachtstrasse 1975 – Blick den Frau Wänger täglich hatte. Man kann ihr Anliegen verstehen … Foto StadtA MA- ISG

Wachtstrasse 1975 – Blick den Frau Wänger täglich hatte. Man kann ihr Anliegen verstehen … Foto StadtA MA- ISG

Der OB schreibt ein paar Tage später zurück: „Sie sprechen da ein Problem an, das mich seit langem beschäftigt.“ Mit diesem Brief startet ein mehrjähriges städtisches Projekt, an dessen Ende einzelne Hochbunker in Mannheim von ihrem tristen Grau befreit sind.

Aber so einfach ist eine Verschönerung nicht. Die meisten Bunker werden vom Bundesvermögensamt verwaltet. Die Stadt darf die Grünflächen drum herum bepflanzen, aber nicht die maroden Armier-Eisen von den Wänden schlagen oder den bröckelnden Putz ausbessern. Und das mit dem Grün funktioniert auch nur eingeschränkt: Immer wieder beschweren sich Bürger in Briefen an die Stadt, dass Efeu und Büsche von spielenden Kindern abgerissen werden.

Prioritätenliste zur Verschönerung der Hochbunker, entstanden nach einer Besichtigungstour einiger Stadtämter im April 1975. Foto StadtA MA – ISG

Die Prioritätenliste zur Verschönerung entsteht nach einer Besichtigungstour einiger Stadtämter im April 1975. Foto StadtA MA – ISG

Zur gleichen Zeit werden in Ludwigshafen die Aussenfassaden einiger Bunker vom Land renoviert, und die Stadt startet eine Aktion zusammen mit der Malerinnung, um „für die Bemalung der Bunker künstlerische Entwürfe zu erlangen“.

Das möchte der Mannheimer OB auch – und gewinnt Mannheims Innung der Maler und Lackierer für das Projekt. Aber bemalt werden kann nur, wenn die Fassaden renoviert sind. Und es dauert eine Weile, bis das Bundesvermögenamt sich zu diesem Schritt entschließt. Erst 1980 sind alle Renovierungsarbeiten für Mannheim so weit eingeplant, dass die Verschönerung endlich umgesetzt werden kann.

Als im März 1979 die Rheinpfalz mit einem großen Artikel die geplante Bemalung  des Rohrlach-Bunkers in Ludwigshafen bespricht, vermerkt der Baubürgermeister Niels Gormsen handschriftlich: „Das müssen wir auch nochmal versuchen!“

Der Rohrlachbunker in Ludwigshafen mit seiner Bemalung. Foto: Rodrigo H Gebhard

Der Rohrlachbunker in Ludwigshafen mit seiner Bemalung. Foto: Rodrigo H Gebhard

Ab Sommer 1980 kommt dann erneut Schwung in das Projekt. Die Maler- und Lackiererinnung will zusammen mit der Werbeagentur „Benton und Bowles“ im Auftrag des Deutschen Lackinstituts und dem Bundesverband Farbe mit der Stadt einen Wettbewerb starten. Man einigt sich letztendlich auf die Hochbunker Langer Schlag (Gartenstadt), Danziger Baumgang (Schönau) und den Bunker in der Meerwiesenstrasse (Lindenhof).

Bereits im Frühjahr 1981 wird der Bunker in der Bürgermeister-Fuchs-Straße (Ochsenpferch) von 60 Lehrlingen im Rahmen einer überbetrieblichen Ausbildung verschönert. Der Entwurf stammt aus den Reihen der Malerinnung. Gerüst, Arbeitskraft und drei Tonnen Farbe für den Anstrich der 2.400 m2 Fläche ist ein Geschenk der Maler an die Stadt.

Nach der Bemalung: Wellen und eine Abstufung der Farben von oben nach unten lässt das wuchtige Gemäuer optisch leichter erscheinen und passt sich farblich an die Nachbarbebauung an – auch dies eine Vorgabe vom Bundesvermögensamt. Foto: StadtA-MA-ISG

Nach der Bemalung: Wellen und eine Abstufung der Farben von oben nach unten lässt das wuchtige Gemäuer optisch leichter erscheinen und passt sich farblich an die Nachbarbebauung an – auch dies eine Vorgabe vom Bundesvermögensamt. Foto: StadtA MA-ISG

Der Wettbewerb für die nominierten Hochbunker läuft vom 8. Februar bis 15. März 1982. Das Preisgeld von 5000 DM stiftet das Deutsche Lackinstitut). Auf dem Maimarkt werden am Stand der Malerinnung  die eingereichten Arbeiten ausgestellt.

Aufruf zum Wettbewerb in der Zeitschrift "Mannheim farbig“, 1982. Foto: Silvia Köhler

Aufruf zum Wettbewerb in der Zeitschrift „Mannheim farbig“, 1982. Foto: Silvia Köhler

Aus den 312 eingereichten Entwürfen werden im April 1982 vergleichsweise einfache Entwürfe prämiert. Grund ist das Reglement der Oberfinanzdirektion Karlsruhe: als Verwalter der Bunker legt sie fest, dass die „Fassaden mit einem einfachen, dauerhaften und atmungsfähigen Anstrich in unempfindlichen Farbton zu versehen sind“ und dass sich die Mittelbereitstellung nicht „an den Wünschen Ihrer Bauverwaltung“ oder „am Ergebnis eines Bürgerwettbewerbs“ orientieren darf.

Der Bunker Langer Schlag erhält den Zuschlag für eine aufgemalte Arkadenarchitektur in Hellbraun und Ocker des Mannheimer Malermeisters Werner Oswald. Auch beim Hochbunker in der Meerfeldstrrasse entscheidet man sich für ein schlichtes Muster in ockerbrauner Farbe von Karl Georg Hart aus Schwetzingen. Und für die Fassade am  Danziger Baumgang entwirft der Mannheimer Hans Müller ein einfaches Muster aus ockerfarbigen und blauen Streifen.

Der Hochbunker am Danziger Baumgang erhält am Ende doch ein ganz anderes Motiv: Wolken, Tauben und ein himmelblauer Untergrund erinnern an Motive der Friedensbewegung. Foto: StadtA MA-ISG

Der Hochbunker am Danziger Baumgang erhält am Ende doch ein ganz anderes Motiv: Wolken, Tauben und ein himmelblauer Untergrund erinnern an Motive der Friedensbewegung. Foto: StadtA MA-ISG

Nach der Entscheidung regt sich allerdings der Unmut der Künstler. Manfred Kieselbach und Peter Schnatz sind zwar in der Jury, aber Edgar Schmandt, der um die Ecke vom Ochsenpferchbunker wohnt, kritisiert die nicht öffentliche Diskussion und die politische Verdrängung des Ursprungsnutzens der Bunker:  „achtzig Malerlehrlinge überzogen konditorfarbig seine Fassade zum Renommee ihrer Meister“. Er beklagt, dass die Mannheimer Künstler durch die „Form der Auslobung hintergangen wurden“, dass die Geschichte der Bunker tabuisiert sei und das „ernste Innere“ durch ein „heiteres Äußeres“ flott gemacht werden soll.

Lehrlinge der Malerinnung auf dem Gerüst am Ochsenpferchbunker, Mai 1981. Foto: StadtA MA- ISG

Lehrlinge der Malerinnung auf dem Gerüst am Ochsenpferchbunker, Mai 1981. Foto: StadtA MA- ISG

Bürgermeister Gormsen versteht ihn, hält ihm aber entgegen: „Nur ist zu fragen, ob eine solche Demonstration – nämlich die Geschichte der Bunker in der Bemalung zu thematisieren – in der Wohnwelt der Menschen, die sie täglich sehen, wirklich hilft und ob damit ein echter Beitrag zur Kriegsverhinderung geleistet wird.“

Auch der Bezirksverband Bildender Künstler (BBK) bittet zusätzlich um Einbeziehung, und besteht darauf, dass die Bunkerbemalungen als Thema in den Aufgabenbereich des Gestaltungsbeirats der Stadt Mannheim gehören. Auch der Mannheimer Maler Hans Graeder will keine Illusionsmalerei, sondern ein Widerspiegeln der Kriegswirklichkeit.

Der Bunker in der Meerfeldstrasse wirkt nach der Bemalung freundlicher, als die angrenzenden Häuser. Foto: StadtA MA-ISG

Der Bunker in der Meerfeldstrasse wirkt nach der Bemalung freundlicher, als die angrenzenden Häuser. Foto: StadtA MA-ISG

Gormsen, der in seiner Amtszeit einen wirklich guten Draht zu den Künstlern hat, kann das alles verstehen. Er weiß um die Zwickmühle und hält der Kritik entgegen: „Hätte die Stadt sich nicht in den Sanierungsprozess eingeschalten, wäre „nur grau gestrichen worden und zwar nach RAL“. [Anmerkung: RAL sind normierte Farbmuster].

Der Danziger Baumgang, so wie er sich heute präsentiert. Foto: Silvia Köhler

Der Danziger Baumgang, so wie er sich heute präsentiert. Foto: Silvia Köhler

 Nach einer abschließenden Besprechung im Baudezernat und einer ausgiebigen Bunkerbesichtigung im September 1982 wird wie folgt entschieden:

  • Beim Danziger Baumgang wird nicht der einfache Entwurf von Hans Müller umgesetzt, sondern ein Entwurf von Linde Hollinger aus Ladenburg – in Himmelblau mit weißen Wolken und Tauben. Allerdings führt dieser Entwurf zu Mehrkosten von 21.000 DM.
  • Der Hochbunker Langer Schlag wird zwar nach dem Vorschlag von Malermeister Oswald mit Arkaden, Bögen und Säulen gegliedert. Damit das Ganze nicht so düster wirkt, wird der Durchblick mit Himmel und Landschaft gestaltet – ausgeführt von der Malerfirma Franz aus Schwetzingen.
  • Beim Hochbunker in der Meerfeldstrasse wird der vorgesehenen Entwurf von Karl Hart aus Schwetzingen realisiert. Zusätzlich wird die Fläche im Erdgeschoss zwischen den Eingängen von einer Schulklasse gestaltet.
  • Der Hochbunker im Bäckerweg war zwar nicht im Wettbewerb, aber hier soll ein Motiv mit Riss und Abbröckelung von Walter Brenner aus Mannheim umgesetzt werden. Die Realisierung übernimmt die Malerfirma Franz zusammen mit Frau Hollinger.
Die Farbigkeit der ursprünglichen Bemalung am Langen Schlag ist verschwunden, der Durchblick auf die Landschaftsillusion nur noch angedeutet. Foto: Silvia Köhler

Die Farbigkeit der ursprünglichen Bemalung am Langen Schlag ist verschwunden, der Durchblick auf die Landschaftsillusion nur noch angedeutet. Foto: Silvia Köhler

Bei einigen Bunkern ist diese Bemalung heute noch sichtbar, andere haben ihr Outfit geändert: Die Wellen und Kreise am Ochsenpferchbunker sind in einem beig-grauen Einheitsanstrich ertrunken.  Das strahlende Blau am Hochbunker Langer Schlag ist einem dezenten Grau-Rosa gewichen, Wolken und Tauben verblasst.  Der Riss und das hervorquellende Grün unterhalb der Dachkante am Bäckerweg sind verwaschen.

Aber Frau Wänger würde sich heute sicher freuen, wenn sie morgens aus ihrem Fenster schauen würde: Die Fassade zur Wachtstrasse hin ist mit einer dicken Efeuhecke bewachsen, in der sich lautstark die Vögel tummeln…

Quellen: Fotos und Akten Stadtarchiv Mannheim

Kommentare

  1. Votum eindeutig: Efeuhecke versus Illusionsmalerei´.

    Die Statements aus den 80er Jahren von Edgar Schmandt und Hans Graeder in puncto Bunkerbemalung lassen sich ohne Weiteres auf den aktuellen städtebaulichen Diskurs übertragen.

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