Das Marchivum und seine Nachbarn – die Neckarstadt stellt sich vor

Zu Besuch in der Neckarstadt, einem Ort „liebevoller Vernachlässigung“ (Dr. Christoph Popp). Ein Ort, der auch in der Mannheimer Stadtgeschichte keine so glanzvolle Rolle wie die Quadrate spielt – und doch spannende Geschichten bereithält. Am Samstag den 21. Mai 2016 hatte das Stadtarchiv anlässlich des Tages für Städtebauföderung zu einer Führung durch Neckarstadt und Jungbusch geladen, um zu erklären und zu zeigen warum das Marchivum genau hier stehen wird.

Stadtführung durch Neckarstadt und Jungbusch: Das (zukünftige) Marchivum. Foto: Sarah Aehnle - www.atelierhinterhaus.de

Stadtführung durch Neckarstadt und Jungbusch: Das (zukünftige) Marchivum. Foto: Sarah Hähnle – www.atelierhinterhaus.de

Von einem Viertel voller Gärten zu einem Zuhause für den Großteil der Arbeiterbevölkerung und später auch Studenten. Die Geschichte der Neckarstadt könnte allgemein betrachtet wohl als, für ein Stadtviertel entstanden während der Industrialisierung, typisch gelten.

Dennoch finden sich bei näherem Betrachten noch heute Hinweise auf die Lebensweise und Alltag der Bewohner. Seine Karriere begonnen hat dieser Stadtteil allerdings nicht als Ackerland vor den Stadttoren, sondern als geplante Grünflächen: Um der Stadt zu entfliehen, hatten die Mannheimer private Gärten vor der Stadt. Diese waren lange aneinandergereihte Grundstücke, die sich bis heute in der Straßenstruktur erhalten hat. Der Zugang war allerdings nur im Sommer möglich, da es keine feste Brücke gab und die Bürger mithilfe von Schiffen den Neckar überquerten.

Die geraden langen Straßen sind ein Relikt aus der Zeit als die Neckarstadt noch aus Gärten bestand. Foto: Sarah Aehnle - www.atelierhinterhaus.de

Die geraden langen Straßen sind ein Relikt aus der Zeit, als die Neckarstadt noch aus Gärten bestand. Foto: Sara Hähnle – www.atelierhinterhaus.de

Mit der Industrialisierung ging nicht nur der Bau einer Brücke, sondern auch die rasche Entwicklung zu einem Wohnviertel einher. Die Bemühungen der Stadt, in das rasch wachsende Viertel planvoll einzugreifen, waren wenig erfolgreich und bald wurden Mietskasernen für die heranströmenden Fabrikarbeiter zu Objekten von Immobielienspekulationen.

Das Viertel sollte zu einem Ort sozialer Konflikte und ein Abbild der neuen sozialen Verteilung in den Städten werden, die Arbeiterschaft ist bis heute geblieben, wenngleich die Welt sich allgemein nicht mehr so leicht in Arbeiter und Akademiker einteilen lässt.

Dieser Standort wurde für das neue Stadtarchiv (Marchivum) ganz bewusst gewählt. Man möchte mehr als nur ein isoliertes Gebäude mit einer streng definierten Funktion, sondern integraler Bestandteil mit positiver Bedeutung für die Bewohner sein. Dazu gehört, Informationen zugänglich zu machen und aufzubereiten: Die Umsetzung soll sowohl durch eine Ausstellung zur Geschichte Mannheims, als auch ein NS- Dokumentationszentrum erfolgen. Auf sieben Stockwerken gefüllt mit 13 km Akten wird eine Glas-Stahl-Konstruktion weiteren Raum für Büros, den öffentlich zugänglichen Lesesaal und einen Saal für Veranstaltungen bieten.

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Wie das Marchivum einmal aussehen wird. Entwurf: Schmucker und Partner

Ausgangspunkt für dieses ganze Projekt ist ein Hochbunker am Rande der Neckarstadt, angrenzend an die Jungbuschbrücke, noch bekannt als Ochsenpferchbunker und im Begriff das Marchivum zu werden. Schon früh kümmerte sich Mannheim um den Luftschutz, darunter fällt auch der 1941 bis 1943 errichtete Ochsenpferchbunker: Hinter den dicken Wänden sollten im Ernstfall 7.000 Menschen Platz finden – nach dem Krieg wurde der Bunker aufgrund des massiven Wohnraummangels sogar als Wohnraum genutzt.

Insgesamt wurde der Bunker auch nach Kriegsende noch 15 weitere Jahr genutzt, und im Rahmen des Kalten Krieges mit zusätzlichen Luftfilteranlagen für einen Atomkrieg aufgerüstet. Mit dem Ende des Kalten Krieges ging der Bunker in den Besitz der Stadt über – er hat eine neue Funktion gefunden und reiht sich an die steinernen Zeitzeugen der Neckarstadt, die von ihrer wechselreichen Geschichte erzählen.

Noch heute finden sich Hinweise auf den Alltag der Neckarstädter: Überquert man die Kurpfalzbrücke, die heute nicht mehr aus Fähren, sondern aus Stahl und Beton besteht, steht man an der alten Feuerwache, eines dieser Gebäude, die eine neue Funktion gefunden haben.

Strategisch günstig durch die Nähe sowohl zu den Quadraten als auch zur Neckarstadt war hier lange Zeit die Feuerwehr stationiert, die alte Wagenhalle, die früher die Einsatzfahrzeuge beheimatete, ist noch heute erhalten, doch statt Löschzügen finden hier heute Partys und andere Events statt. Ebenso hat die Kunst Einzug gehalten: Im 1. Stock gibt es Ausstellungsräume, der Bezirksverband Bildender Künstler betreibt hier seine Werkstätten und auch der Radiosender Bermudafunk hat hier seinen Sitz.

Im Hintergrund: Die alte Feuerwache, im Vordergrund: Ihre Geschichte. Foto: Sarah Aehnle - www.atelierhinterhaus.de

Im Hintergrund: Die alte Feuerwache, im Vordergrund: Ihre Geschichte. Foto: Sara Hähnle – www.atelierhinterhaus.de

Die Architektur der Neckarstadt lässt noch heute den Versuch erkennen, möglichst viele Menschen in möglichst wenig Raum unterzubringen. Ein ambitioniertes Ziel, bei dem Privatsphäre und Luxus meist auf der Strecke bleiben – wobei mit Luxus die eigene Toilette in der Wohnung gemeint ist.

Diese waren – wenn man Glück hatte, auf dem Flur und für die weniger Glücklichen im Innenhof untergebracht. Entsprechend war an eine Dusche oder gar Wanne kaum zu denken und so ist es nur logisch, dass man noch heute bei einem Gang durch die Mittelstraße auf ein ehemaliges Volksbad mit unterschiedlichen Preisen für Brausen und Baden stösst. Auch die Öffnungszeiten sind noch angeschrieben – obwohl diese öffentliche Einrichtung seit über zwanzig Jahren nicht mehr in Betrieb ist.

Aufgrund mangelnder Nachfrage schlossen sich in den 1980er Jahren hier die Tore und Wannen und Brausen wurden durch Büros und Mehrzweckräume ersetzt. Heute beherbergt das Alte Volksbad ein Kreativzentrum, das Existenzgründer unterstützt und es finden regelmäßig Tanzkurse, Lesungen und ähnliche kleine Events statt.

Das alte Volksbad, heute Kreativ – und Kulturzentrum. Foto: Sarah Aehnle - www.atelierhinterhaus.de

Das alte Volksbad, heute Kreativ – und Kulturzentrum. Foto: Sara Hähnle – www.atelierhinterhaus.de

Auch der Neumarkt hat sich verändert, auf ihm wurde eine Grünfläche angelegt, die einen weiteren Zeugen des Krieges verbirgt: Ein Tiefbunker, der jedoch meist voll Wasser steht und deshalb nicht mehr zugänglich ist. Auch die Volksküche, initiiert vom badischen Frauenverein und finanziert von einem Stifter, die vor allem Kindern eine tägliche warme Mahlzeit bieten sollte, gibt es nicht mehr. Das Gebäude steht noch und ist mit u.a. dem paritätischen Wohlfahrtsverband in sozialer Hand geblieben.

Doch die Neckarstadt war und ist mehr als ein Ort für den pragmatischen Alltag: Das Capitol, die Albert-Kahn Bücherei, der Alte Messplatz und Orte wie die Lutherkirche sind noch heute Zeugen dafür.

Die alte Volksküche: Heute Mehr- Generationenhaus und Standort des paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Foto: Sarah Aehnle - www.atelierhinterhaus.de

Die alte Volksküche: Heute Mehr- Generationenhaus und Standort des paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Foto: Sara Hähnle – www.atelierhinterhaus.de

Messe – der Begriff weckt meist Assoziationen mit einer Art von Gottesdienst, das Duden schlägt hier jedoch eine weitere Bedeutung vor: Ein Jahrmarkt. Genau das war die Funktion des alten Messplatzes, bevor er erst zu einem Drehkreuz für Straßenbahnen und dann 2007 zu einem öffentlichen Platz mit Wasserspiel wurde.

Eine modernere Freizeitbeschäftigung ist mit dem Capitol verbunden: Während der 1920er Jahre erbaut, wurde hier der Trend der Lichtspielhäuser aufgegriffen, um die Bevölkerung mit dem neuesten Kunstmedium, dem Film bekanntzumachen. Nach dem Krieg aufgegeben, erlebte das expressionistische Gebäude ein Comeback als Veranstaltungshaus, wo heute regelmäßigen Konzerten und Theaterstücke stattfinden.

Mit der Bernhard – Kahn Bücherei ist zudem das klassische Lesen erhalten geblieben: Gestiftet von einem Mannheimer Industriellen, sollten die Bürger hier die Möglichkeit bekommen, sich mit Zeitungen und Büchern kostenlos zu informieren und zu bilden. Bildung von der Stadt für die, oft zahlreichen, Kinder der Arbeiterfamilien gab es z.B. in der noch heute bestehenden Neckarschule mit den charakteristischen zwei Eingängen: Einer für Jungen, einer für Mädchen.

Die Neckarschule. Foto: Sarah Aehnle - www.atelierhinterhaus.de

Die Neckarschule. Foto: Sarah Hähnle – www.atelierhinterhaus.de

So viel zur Neckarstadt, doch das Marchivum möchte „Scharnier sein“ zwischen Neckarstadt und Jungbusch und damit auch derzeitige regionale Städtebauliche Projekte unterstützen. Die jüngere Geschichte des Jungbuschs ist eine des Umbruchs, denn das Viertel hat sich in den letzten Jahr(zehnt)en sehr gewandelt. Mitunter aufgrund neuer Firmen und der attraktiven Lage am Verbindungskanal, der nicht mehr so stark befahren wird, wie es früher der Fall war.

Mit dem Musikpark und der Popakademie scheint der Jungbusch das akustische Kreativzentrum zu sein. Auch hier findet sich ein Existenzgründerzentrum in dem Mode und Designfirmen und Agenturen z.B. durch kleine und erschwingliche Mieten unterstützt werden. Das der Stadtteil mittlerweile als Szeneviertel verstanden wird, hat neben Studenten auch viele junge Leute angezogen und mit den zahlreichen Bars und Kneipen ist im Jungbusch immer was los. Mit dem Marchivum könnten die Stadtteile eine weitere kulturelle Einheit hinzugewinnen.

Der Verbindungskanal – hier wird die Veränderung des Stadtteils sichtbar: Überall wird gebaut. Foto: Sarah Aehnle - www.atelierhinterhaus.de

Der Verbindungskanal – hier wird die Veränderung des Stadtteils sichtbar: Überall wird gebaut. Foto: Sarah Hähnle – www.atelierhinterhaus.de

 

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