Schutz im Herzen Mannheims: Der Paradeplatzbunker

In einigen deutschen Städten gibt es heutzutage sogenannte Bunker-Hotels. Was mittlerweile eine Touristenattraktion darstellt, war im Mannheim der 1950er Jahre traurige Realität: die Übernachtung in einem Bunker.

Ob auf dem Weg zur Arbeit, in die Universität oder zum Freizeitausflug: Täglich überqueren tausende Menschen den Paradeplatz, das Zentrum Mannheims. Wahrscheinlich dürften nur wenige Passanten dabei die unscheinbaren Lüftungsschächte wahrnehmen, die ein Indiz dafür sind, dass sich unter dem Platz ein unbequemes Erbe aus der NS-Zeit befindet: Der Luftschutzbunker ES 1.

Zur Geschichte des Bunkers

ES 1, auch bekannt als der Paradeplatzbunker, war Teil des Luftschutz-Führerprogramms, in dessen Rahmen im Mannheimer Stadtgebiet insgesamt 32 Tiefbunker gebaut wurden. Der im Quadrat O1 errichtete und circa 5.525 qm umfassende Tiefbunker war so konzipiert, dass er eine planmäßige Belegungskapazität von 510 Schutzplätzen (138 Liege-, 372 Sitzplätze) vorsah. Im Notfall konnte der Paradeplatzbunker aber lediglich 1.500 Personen Zuflucht gewähren: In Vergleich zum Fassungsvermögen anderer Tiefbunker in der Mannheimer Innenstadt eine äußerst gering anmutende Größenordnung. Daher verwundert es nicht, dass der Bunker im Alarmfall stets überbelegt war.

Zu den architektonischen Besonderheiten des Paradeplatzbunkers gehört auch ein unter der Kunststraße verlaufender Verbindungstunnel zum Quadrat N1, in dem sich damals noch die Räumlichkeiten des Mannheimer Rathauses befanden. Es ist daher zu vermuten, das der Tunnel als Fluchtmöglichkeit für die im Gemeinderat sitzenden NS-Politiker angedacht war.

Die Ruhe vor dem Sturm - Zeitgenössische Aufnahme des Paradeplatzes um 1940. Im Hintergrund das alte Rathaus in N1. Foto: StadtA MA-ISG

Die Ruhe vor dem Sturm – Zeitgenössische Aufnahme des Paradeplatzes um 1940. Im Hintergrund das alte Rathaus in N1. Foto: StadtA MA-ISG

Erbaut wurde der Tiefbunker zwischen den Jahren 1940 und 1942, wobei hierfür der Paradeplatz größtenteils zu einer Baugrube ausgehoben wurde. Nach der endgültigen Fertigstellung des Bunkers wurde der Paradeplatz allerdings nur provisorisch wiederhergerichtet: Seine vollständige Restauration war für die „Friedenszeit“ nach einem nationalsozialistischen Endsieg vorgesehen.

Der Paradeplatz wird zu Baugrube. Aufnahme der Bauarbeiten im Jahr 1941. Foto: StadtA MA-ISG

Der Paradeplatz wird zu Baugrube. Aufnahme der Bauarbeiten im Jahr 1941. Foto: StadtA MA-ISG

In diesem Zusammenhang planten die Nationalsozialisten zudem den Tiefbunker umzubauen, um diesen für Zwecke des Stadtarchivs zu nutzen.

Vom Bunker zum Hotel

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Tiefbunker von der US-amerikanischen Militärregierung beschlagnahmt und als Internierungslager für politische Gefangene verwendet. Da Mannheim 1945 ein einziges Trümmerfeld war, sollte der Paradeplatzbunker jedoch zeitnah zur Unterbringung von Zivilpersonen freigegeben werden.
An einer solchen Nutzung des Bunkers waren vor allem die ortsansässigen Unternehmen interessiert, denn die angespannte Wohnraumssituation führte dazu, dass ihre Arbeitnehmer außerhalb des Stadtgebietes wohnen mussten. Daher beauftragte die US-amerikanische Militärregierung die Stadt Mannheim mit der Errichtung eines Bunkerhotels, um Mannheims wirtschaftlichen Wiederaufbau zu fördern.

Mannheim in Trümmern - Der zerstörte Paradeplatz im September 1945. Foto: StadtA MA-ISG

Mannheim in Trümmern – Der zerstörte Paradeplatz im September 1945. Foto: StadtA MA-ISG

Auf die entsprechende Ausschreibung der Stadt meldeten sich zahlreiche Bewerber, von denen sich der Hotelier Erich Schön durchsetzen konnte. Nach diversen Renovierungsarbeiten eröffnete Schön am 1. April 1947 das Bunkerhotel am Paradeplatz, das von nun an zur Anlaufstelle für Reisende und Handelsvertreter wurde.

Zur Ausstattung des Hotels gehörten 29 Einzel- und 15 Doppelzimmer mit Telefonanschluss, eine eigene Hotelbar, ein Gemeinschaftsbad sowie ab 1948 ein Friseursalon.

Der Eingang des Bunkerhotels in einer Aufnahme von 1949. Für die Nutzung als Hotel wurden die ehemaligen Bunkerzellen zu Zimmern umfunktioniert. Eine einfache Übernachtung im Bunker kostete im Durchschnitt 5 DM. Foto: StadtA MA-ISG

Der Eingang des Bunkerhotels in einer Aufnahme von 1949. Für die Nutzung als Hotel wurden die ehemaligen Bunkerzellen zu Zimmern umfunktioniert. Eine einfache Übernachtung im Bunker kostete im Durchschnitt 5 DM. Foto: StadtA MA-ISG

Trotz dieser beachtlichen Grundausstattung dürften die Übernachtungsverhältnisse im Bunkerhotel keineswegs erholsam gewesen sein: Diverse Schriftquellen zeugen von einer porösen Bunkerdecke, durch die Regenwasser eindrang sowie von Ungeziefer und Wanzen in den Hotelzimmern. Zudem verursachte die Abluft der Herrentoilette eine erhebliche Geruchsbelästigung und kondensierende Wasserleitungen begünstigten Schimmelbildungen an den Bunkerwänden.

Nichtsdestoweniger belegt die hohe Anzahl an Zimmerbuchungen, in manchen Monaten übernachteten im Bunker weit über 1.000 Personen, einen regen Zuspruch für das Hotel. Angesichts des Nutzens für die lokale Wirtschaft, erwägte die Stadt Mannheim sogar einen Ausbau des Bunkerhotels. Hierfür war vorgesehen, den Paradeplatz mit einem Hotelgebäude zu überbauen: Eines von vielen abstrusen Bauvorhaben der Trümmerjahre, das glücklicherweise nie realisiert wurde.

Dennoch wurde das Bunkerhotel Ende der 1950er Jahre geschlossen. Eine mögliche Erklärung hierfür könnte im Wiederaufbau oberirdischer Hotels und einem damit einhergehenden Nachfragerückgang liegen.

Die Schließung des Bunkerhotels dürfte aber auch auf politische Motive zurückzuführen sein: Aufgrund eines Beschlusses des Bundesinnenminsteriums sollten deutschlandweit alle zur Verfügung stehenden Bunker geräumt werden, um diese für den Zivilschutz nutzbar zu machen.

Der Bunker im Kalten Krieg

Im Zuge eines Sofortprogramms wurde der Paradeplatzbunker in den 1960er Jahren zunächst notdürftig instandgesetzt. Hierfür wurden die ehemaligen Bunkerzellen herausgerissen, um die Druckwellen einer Atombombenexplosion besser kompensieren zu können. Mangels fehlender Filteranlagen konnte der Bunker jedoch nur bis zu 3 Stunden Zuflucht gewähren.

Angesichts seiner geringen Schutzfunktion plante die Stadt daher, den Tiefbunker zu beseitigen und an dieser Stelle einen Atombunker-Mehrzweckbau zu errichten. Aus Kostengründen wurde dieser Neubau jedoch nie realisiert, obwohl die Planungen bereits weit fortgeschritten waren.

Der Paradeplatz im Jahr 1957. Foto: Foto: StadtA MA-ISG

Der Paradeplatz im Jahr 1957. Foto: Foto: StadtA MA-ISG

In den Folgejahren blieb der Paradeplatzbunker hingegen weitestgehend unbenutzt: Lediglich im Zuge der Errichtung des Atombunker-Mehrzweckbaus in N1 fungierte er, Ende der 1960er Jahre, als Baubüro.

Ende der 1980er Jahre wurde der Paradeplatzbunker allerdings doch noch vollständig instandgesetzt. Nach den Baumaßnahmen, zu denen auch der Austausch der Belüftungsanlage gehörte, hätten 618 Personen für 10 Stunden Zuflucht im Bunker suchen können.

Glücklicherweise bestand hierfür nie die Notwendigkeit, sodass der Bunker erst 2013, im Zuge der Langen Nacht der Museen, für die Bevölkerung geöffnet wurde.

Street-Art bei der Langen Nacht der Museen. Graffitis des Künstlers Hombre im Paradeplatzbunker. Foto: Ulrike Iris Feierabend

Street-Art bei der Langen Nacht der Museen. Graffitis des Künstlers Hombre im Paradeplatzbunker. Foto: Ulrike Iris Feierabend

Quellen:

Stadtarchiv Mannheim: Bildsammlung, Plansammlung, Akten.

Peters, Christian/Caroli, Michael: Mannheim 1945 – 1949: Der Anfang nach dem Ende. Mannheim 1995, S. 91 – 92.

 

Kommentare

    • Liebe LeserInnen,

      vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Beitrag!
      Die im Artikel angegebenen Zahlen entstammen einer offiziellen Auflistung, die in einer Akte des Stadtarchivs enthalten ist. In dieser Auflistung ist für sämtliche Bunker sowohl die planmäßige Belegungskapazität als auch die Belegung im Alarmfall angegeben.

      Mit freundlichen Grüßen
      Das Marchivum-Team

  1. „Eines von vielen abstrusen Bauvorhaben der Trümmerjahre, das glücklicherweise nie realisiert wurde.“
    Solche Bauvorhaben scheinen in Mannheim fast schon eine Art Tradition zu sein. Mit der Stadtplanung hatten sie´s also auch damals schon nicht so.

Kommentieren