„Hätten wir Fenster“ – Wohnen im Bunker

Als der Krieg in Mannheim zu Ende war, lag die Bausubstanz der Stadt zu 76% in Trümmer.  Gerade mal 17% der Wohnungen waren unbeschädigt. Wo sollten nun die Mannheimer wohnen?

Ironischerweise wurden in dieser Notlage die Relikte aus dem Krieg zum Rettungsanker: Die Bunker waren, neben Schulen, die erste Anlaufstelle,  wenn es darum ging, Menschen unterzubringen, vor allem, wenn es größere Gruppen waren.

Notwohnung: Bunker

Aber schon im Oktober 1946 mahnt der Referent für Flüchtlingswesen in Mannheim, Karl Schweizer – an ihn und sein Engagement erinnert heute noch der Karl-Schweizer-Park in Sandhofen –  in einem Bericht an den damaligen OB Josef Braun (1945 – 48): „dass dies nur ein Provisorium, aber kein Daueraufenthaltsort sein könne“.

Foto aus einem Polizeibericht 1949 mit Text darunter: „Man wundert sich nicht mehr über das erschreckende Ansteigen dieser furchtbaren Krankheit in Mannheim, wenn man in den Kellern und Bunkern einmal die menschenunwürdigsten Verhältnisse gesehen hat.“ Foto StadtA MA – ISG

Foto aus einem Polizeibericht 1949 mit Text darunter: „Man wundert sich nicht mehr über das erschreckende Ansteigen dieser furchtbaren Krankheit in Mannheim, wenn man in den Kellern und Bunkern einmal die menschenunwürdigsten Verhältnisse gesehen hat.“ Foto StadtA MA – ISG

Eigentlich hatte der Alliierte Kontrollrat der Besatzungsmächte gefordert, dass alle Bunker, Flakstellungen, Splittergräben etc. zerstört werden. Und der Präsident des Landesbezirks Baden gibt diese Forderung im Oktober 1946 an all Bürgermeister und Landräte weiter und fordert sie auf „die dort lebenden Personen anderweitig unterzubringen“.

Eine Kellerwohnung – fast schon gemütlich wirkend im Vergleich zu anderen Fotos … Foto: StadtA MA - ISG

Eine Kellerwohnung – fast schon gemütlich wirkend im Vergleich zu anderen Fotos … Foto: StadtA MA – ISG

Eine Forderung, der niemand nachkommen konnte: Zum einen stieg, trotz einer im August 1945 verhängten Zugangssperre, die Bevölkerung in Mannheim stetig an, weil alle wieder zurück in die Stadt kamen: Kriegsgefangene, Rückkehrer der Wehrmacht, geflohene und evakuierte Mannheimer, Schulkinder aus der Kinderlandverschickung etc. Und sie alle benötigen einen Platz zum Schlafen.

Zum anderen: ließen sich zwar die Flakstellungen und Splittergräben relativ leicht zerstören. Aber die  Sprengung eines Bunkers wie des Ochsenpferch-Bunkers, hätte auch den Rest der Häuser, die noch in der Neckarstadt-West einigermaßen erhalten waren, dem Erdboden gleichgemacht.

Eine ehemalige Flakstellung, am Flugplatz in Neuostheim. 1949 wohnt dort Familie Weiss. Bomben haben ihre Wohnung in der Innenstadt zerstört. Foto: StadtA MA - ISG

Eine ehemalige Flakstellung, am Flugplatz in Neuostheim. 1949 wohnt dort Familie Weiss. Bomben haben ihre Wohnung in der Innenstadt zerstört. Foto: StadtA MA – ISG

So bleibt in den folgenden Jahren in Sachen „Bunkerwohnungen“ alles beim Alten und eine Bestandsaufnahme der Stadt listet im Mai 1948 als Verwendung der Bunker: zwei als Hotel, 14 als Wohnbunker, zwei Bunker werden als Werkstätten genutzt, neun als Lager und drei sind beschlagnahmt von der amerikanischen Militärregierung.

„Ich bin durch das Bunkerleben ein reines Nervenbündel geworden!“

Auch wenn die Unterbringung im Bunker für viele Mannheimer die einzige Lösung war und besser als das Hausen in zerstörten Kellern oder einem Splitterbunker – das Leben in den kleinen Zellen war alles andere als angenehm:  Die Bewohner beklagten sich immer wieder über die extrem räumliche Enge, das künstliche Licht und die unzulänglichen sanitären Verhältnisse.

Die Luft war feucht, Wasser lief oft an den Wänden herunter oder stand knöchelhoch auf den Böden. Schwere Gesundheitsschäden waren die Folge, vor allem im Bronchial- und Lungenbereich. Kleider und Schuhe begannen in der feuchten Luft zu schimmeln. Und erst die Ungeziefer! Wiederholt gibt es groß angelegte Aktionen, in denen die Bunkerbewohner und deren weniges Hab und Gut mit entlaust wurden.

Die Wohnzellen waren kaum zu lüften und noch viel aufwendiger zu heizen. Da es keine Luftabzüge nach außen gab, waren Holz- oder Kohleöfen tabu. Stattdessen nutze man zum Heizen elektrische Öfen, zum Kochen elektrische Heizplatten und die trieben die Stromkosten in die Höhe.

Dass man der schwierigen Wohn- und Lebenssituation auch noch mit Humor begegnen kann, zeigt diese Karikatur: „S‘ Beschde is, ma dreht de Gashahne uff!! – „Mir hawwe jo kee Gas, mehr wohne jo im Bunga!“. Foto: StadtA MA - ISG

Dass man der schwierigen Wohn- und Lebenssituation auch noch mit Humor begegnen kann, zeigt diese Karikatur: „S‘ Beschde is, ma dreht de Gashahne uff!! – „Mir hawwe jo kee Gas, mehr wohne jo im Bunga!“. Foto: StadtA MA – ISG

Adresse: Ochsenpferchbunker

Im Februar 1947 kommt der Bunker in der Neckarstadt West nach Freigabe der Besatzungsmacht in städtische Verwaltung bzw. an die GBG. Bis Juli 1948 leben dort Kriegsgefangene, die bei der Besatzungsmacht arbeiten. Ein Bunkerwart mit Namen Farschinger kümmert sich vor Ort.  Die elektrischen Anlagen des Gebäudes sind nicht nur mangelhaft, sondern ein Alptraum: Kabel liegen herum, sind nicht geschützt, Steckdosen nicht verputzt. Notdürftig wird im Mai 1949 alles repariert, aber wirklich sicher ist es nicht.

Zermürbt durch die dortigen Verhältnisse schreiben die Bewohner immer wieder Beschwerdebriefe an die Stadt, an den OB direkt und sogar an das Bundespräsidialamt. Sie haben immer den gleichen Grundtenor: Kinder und Frauen sind krank, die Frischluftversorgung ist mangelhaft, die Bunkeratmosphäre schlägt auf das Gemüt, alles ist feucht und schimmelt. Sie haben das Gefühl, dass sie bei der Suche nach Wohnungen benachteiligt werden, als Asoziale eingestuft werden, etc.

Nach einer Besichtigungstour der Stadtverwaltung und GBG im August 1949 durch die Bunker wird Oberbürgermeister Hermann Heimerich (1949 -55) aktiv und ruft seine Referenten zusammen. Das Protokoll vom 10. September spricht klare Worte:  „Es sollen grundsätzlich keine Familien mit Kindern mehr in Bunkern wohnen bleiben“. Die Formulierung „keine Familien mit Kindern“ ist fett unterstrichen.

Die GBG liefert im September 1949 eine genaue Aufstellung: 236 Personen leben im Ochsenpferchbunker: 113 alleinstehende Männer, fünf alleinstehende Frauen, 13 Familien ohne Kinder, zehn Familien mit einem Kind, acht Familien mit 2 Kindern, fünf Familien mit drei Kindern und eine Familie mit vier Kindern. Insgesamt leben in Mannheim in neun Bunkern 984 Menschen. Dazu kommen noch einmal knapp 300 die direkt bei der Betreuungsstelle im Bunker am Georg-Lechleiter-Platz untergebracht sind. Für Heimerich ist das untragbar.

Traurige Auflistung der Bunkerbewohner im September 1949. Foto: StadtA MA – ISG

Traurige Auflistung der Bunkerbewohner im September 1949. Foto: StadtA MA – ISG

Die GBG wird angewiesen zu prüfen, „welche dieser Familien einwandfrei sind“ und dann sie sollen in Neubauwohnungen eingewiesen werden. Aber so einfach ist das alles nicht. Und schnell geht es v.a. auch nicht, bei der Anzahl der Menschen, die in Mannheim auf eine Neubauwohnung der GBG warten.

Die Situation im Ochsenpferchbunker verschärft sich noch einmal, als die GBG Mannheim im März 1950 die Miete auf 1 DM pro Quadratmeter anhebt und den Strom nun nach Verbrauch abrechnet: Es bricht ein Sturm der Entrüstung los. Alle Bunkerbewohner unterschreiben einen Brief an den OB und beschweren sich, dass Mannheimer, die in Schulen untergebracht sind, nur 25 Pfennige pro m2 bezahlen „und dafür haben sie auch noch Licht und Sonnenschein“.

Fakt ist, dass eine Zelle von ca. 20 m2 vor der Erhöhung 30 DM mit Stromverbrauch kostete. Mit der Erhöhung kommen zu den 20 DM Miete nun nochmals ca. 30 DM für den Stromverbrauch extra. Das können sich viele nicht leisten.

Jakob Trumpfheller, als erster Bürgermeister, schreitet ein und weist die GBG an, die Miete um die Hälfte zu kürzen.

Es dauert bis 1954, bis alle Familien mit Kindern aus den Bunkern in Wohnungen unterkommen. In den 1950er Jahren errichtet die GBG im großen Umfang sogenannte Bunkerersatzwohnungen, für die Bewohner des Ochsenpferchbunkers etwa in der Ludwig-Jolly-Strasse: 244 Zweizimmerwohnungen mit 30 qm, WC und Loggia. Die gibt es noch heute.

„Bunkerersatzwohnungen“ Ludwig-Jolly-Strasse in Mannheim, kurz nach der Fertigstellung. Foto: Stadtarchiv MA - ISG

„Bunkerersatzwohnungen“ Ludwig-Jolly-Strasse in Mannheim, kurz nach der Fertigstellung. Foto: Stadtarchiv MA – ISG

Aber bis das Thema „Bunkerbewohner“ von der Stadtverwaltung endgültig zu den Akten gelegt werden kann, dauert es noch bis 1966. Wir werden noch in weiteren Beiträgen berichten.

Quellen:

Ulrich Nieß „… und muss nun notgedrungen im Bunker hausen“, in:  Mannheimer Geschichtsblätter. – N.F. 4. 1997. – S. 597 -620

Stadtarchiv Mannheim: Bildsammlung, Plansammlung, Akten.

Kommentieren