Zeitzeugen auf Großleinwand

Am Samstag, 16. Juli 2016 wurde die Dokumentation „Erinnerungen an den Hochbunker in der Neckarstadt“  im ganz normalen Programm des Cineplex Mannheim gezeigt. Wir wollten wissen, wie das ankam …

Dass der Filmsaal an diesem Samstagmittag nur mäßig gefüllt war und das Durchschnittsalter der Besucher gut und gerne bei 60+ lag, war zu erwarten. Vielleicht wäre der Film in einem der kleineren Kinos Mannheims besser angekommen, da dort eher kulturell Interessierte, die sich für Vorführungen jenseits des Mainstreams begeistern können, verorten lassen.

Nichtsdestotrotz war es eine unterhaltsame Matinee, bei der man trotz der ernsten Thematik hin und wieder einmal schmunzeln konnte. Ein Großteil des Films wird getragen von den Schilderungen der Zeitzeugen. Dies macht die Dokumentation wesentlich lebendiger, als eine reine Zusammenstellung von Fakten.  Andererseits ist der Film aber auch kein überemotionales Doku-Drama – die sparsam eingesetzten Bild- und Toneffekte zeugen nicht nur von einem vermutlich knappen Budget, sondern verschaffen dem Streifen im hohen Maße Authentizität.

„Sehr realistisch“ fand ihn auch eine Zuschauerin, welche die Kriegszeit in der Neckarstadt persönlich miterlebt hat. Mit der Dokumentation war es ihr möglich, ihren zugezogenen Freundinnen nun noch plastischer etwas aus ihrer eigenen Kindheit näherzubringen. Aber auch in anderen Städten haben die Damen vergleichbare Erfahrungen gesammelt. „Wir hatten Glück“ sagt die Alt-Mannheimerin, „dass hier ein wirtschaftspolitisch wichtiger Standort war“. Durch die Infrastruktur mit Hafen und Knotenbahnhof, die Nähe zur Ludwigshafener BASF und anderen ansässigen kriegs- und versorgungsnotwendigen Fabriken war Mannheim eine Stadt, die besonders viele staatliche Zuschüsse für den Bunkerbau bekam.

Blick aus dem Bunker vor dem umbau. Foto: StadtA MA - ISG

Blick aus dem Bunker vor dem umbau. Foto: StadtA MA – ISG

Die Kamerafahrten durch die Gänge des Gebäudes empfinden das eilige Aufsuchen der Schutzräume bei Fliegeralarm nach. „Oft war es knapp“ sagt einer der Interviewten. Es musste immer sehr schnell gesehen. Als heutiger Zuschauer ist man geschockt und ungläubig, als man hört, dass eine Mutter in der Eile sogar ihr Baby zuhause vergaß. Die acht Zeitzeugen des Dokumentarfilms, die vor allem im Bunker selbst interviewt wurden, waren zur Kriegszeit noch im Kindes- oder Jugendalter. Dies prägte ihre unbekümmerte Einstellung. Viele berichteten, dass sie keine Angst im Bunker verspürten. Die ehemalige „Insassin“ Ulla Hofmann konnte dem Aufenthalt gar etwas Romantisches abgewinnen. Der Mannheimer Dialekt der Interviewten und liebenswerte Anekdoten, wie die Verspeisung eines Rehrückens im Bunker oder das Verschlafen des Fliegeralarms (beide von Eleonore Kühn) lassen die geschilderten Erinnerungen persönlich und lebensnah wirken. Parallel wurden Originalaufnahmen aus Kriegszeiten auf einer kleineren Leinwand hinter den Erzählenden projiziert.

Als die Erzählungen bei dem nicht durch Warnsirenen angekündigter Angriff anlangen, der am 28. März 1945 – kurz vor Kriegsende – auf den Bunkervorplatz erfolgte, kippt die bis dahin noch stoische Stimmung. Die meisten wissen noch genau, dass es ein besonders schöner Frühlingstag war, an dem sich viele Menschen im Freien aufhielten. Besonders eindringlich ist die Schilderung der aus Schlesien geflüchteten Elfriede Eisenbeiser, der die Tränen kommen, als sie sich an den Anblick der verstümmelten Leichen erinnert. Daraufhin folgt im Film und im Saal ein Augenblick bedrückter Stille, bevor die Dokumentation mit der Nutzung des Bunkers in der Nachkriegszeit fortfährt.

Blick von Dachdes Bunkers vor dem Umbau über den hinteren Teil der Neckarstadt. Foto: StadtA MA - ISG

Blick von Dachdes Bunkers vor dem Umbau über den hinteren Teil der Neckarstadt. Foto: StadtA MA – ISG

Einer der etwas jüngeren Filmzuschauer, der mit seiner Ehefrau gekommen ist, hat aus der Zeitung von der Kinovorstellung erfahren und interessiert sich dafür, was sich in den unscheinbaren Bauten aus seinem Stadtbezirk damals ereignete. Als Kind seien sie ihm gar nicht weiter aufgefallen, erzählt er. Er sei oft mit dem Fahrrad daran vorbei gefahren. „Aber ich erinnere mich daran, wie sie neu gestrichen wurden, so wie es auch im Film gezeigt wurde“. Dadurch rückten die Bunker wieder etwas mehr in das Bewusstsein der Bürger und man fragte sich als Kind oder Jugendlicher schon mal, was es mit diesen Betonklötzen auf sich hatte.

Der Film regte die Besucher dazu an, vor allem über ihre eigenen Erinnerungen an den Ochsenpferchbunker oder vergleichbaren Situationen wie im Film zu sprechen. Aber auch an die aktuelle Lage im Nahen Osten muss eine der Zuschauerinnen dabei denken. „Typisch deutsch: damals war alles organisiert. Jeder wurde mit Essen im Bunker versorgt. Die Menschen in Syrien heute sind ganz auf sich allein gestellt“. Dies zeigt, dass eine Erinnerungskultur in der heutigen Zeit auch hilfreich für das Miteinander und Verständnis gegenüber Flüchtlingen sein kann. Umso wünschenswerter wäre es gewesen, wenn der Film auch jüngere Interessenten ins Kino gelockt hätte. Das NS-Dokumentationszentrum, welches im fertigen MARCHIVUM entstehen soll, wird eine dauerhafte Möglichkeit dafür bieten, eine breitere Schicht an Bürgern anzusprechen und zum Beispiel Schulklassen Wichtiges über das düstere Kapitel unserer Geschichte zu vermitteln.

Die DVD zu dem FIlm gibt es im Stadtarchiv Mannheim und einigen Buchhandlungen zu erwerben. Preis: 14,50 Euro.

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