Ideenwerkstatt 3: Die Diskussion zu den Fachvorträgen

Im Anschluss an die Fachvorträge gab es eine spannende Diskussion im Plenum über die Vorträge und die Möglichkeiten einer Konzeptentwicklung für das MARCHIVUM.

Wie bringt man Menschen dazu, das neue Marchivum zu besuchen?

Das große aktuelle Thema des Stadtarchivs ist die „digitale Wandlung der Vergangenheit“. Auch wenn das Archivmaterial derzeit nach und nach digitalisiert wird und man es in dieser Form auf verschiedenen Plattformen anbieten möchte, ist doch der Kernpunkt der an die Fachvorträge anschließende Diskussion die Frage gewesen, wie man die Menschen dazu bringt, das neue MARCHIVUM zu besuchen.

Dr. Ulrich Nieß, Leiter des Stadtarchiv im Gespräch mit Bürgern. Foto: StadtA MA - ISG

Dr. Ulrich Nieß, Leiter des Stadtarchiv im Gespräch mit Bürgern. Foto: StadtA MA – ISG

Dabei möchte man sowohl der Stammkundschaft des Archivs den neuen Standort „schmackhaft“ machen, als auch in der Neckarstadt neue, vor allem junge Interessenten ansprechen. Institutsleiter Dr. Nieß erläuterte, welche Botschaft ihm dabei wichtig ist: Schon der Kunstbegriff MARCHIVUM deute darauf hin, dass es sich nicht um einen klassischen Gedächtnisspeicher handele. Man wolle neugierig auf das Innere machen – eine Hemmschwelle gäbe es aber immer. Diese sei einerseits bei einem Bunker doppelt so hoch, auf der anderen Seite bekäme aber auch die Neugier bei einem solchen Gebäude ein stärkeres Gewicht.

Die Herausforderung läge in der komplexen Umgebung. Lichtkonzepte, wie sie das Wettbewerbsteam der iart ag entwickelt, seien dabei ein guter Ansatz, da, wie schon am Vormittag im Symposium erörtert, Beleuchtung Sicherheit vermittele.

Nicht die Bekanntheit ist wichtig, sondern die Beziehung

Klaus Ellinger vom Fachbereich Stadtplanung schlug vor, dass man eine Brücke schlagen solle zu der Fragestellung: „Weiß ich (als Bürger), was im MARCHIVUM passiert“? Erst die Klarheit darüber mache es möglich, überhaupt die Institution besuchen zu wollen. Herr Spiess, der Referent der iart ag, merkte dazu jedoch an, dass nicht nur die Bekanntheit wichtig sei, sondern auch, wie man die Beziehung pflegt. Gerade diese Dynamik generiere die Aussage, dass im Gedächtnis auch die Zukunft liege. Diese Botschaft spiegele sich schon im Baukonzept wider, bei der die brachiale Bunkerarchitektur mit der Leichtigkeit und Transparenz des neuen Überbaus kombiniert wird.

Der vormittägliche Bürgerdialog habe gezeigt, dass das Gebäude bei den älteren Anwohnern, die den Krieg noch miterlebt haben, noch sehr präsent im Bewusstsein sei, weniger bis gar nicht bei den Schülern der Umgebung. Die Anschlussfrage sei jetzt, wie der öffentliche Dialog fruchtbar gemacht werden könne. Der Anhaltspunkt, der dabei gesehen wurde, ist die Identifikation mit der Stadt.

Auch kritische Stimmen wurden laut. Ein Gemeinderatsmitglied befand, der ganze Prozess ginge viel zu schnell vonstatten, wie z.B. die Festlegung der Wortschöpfung MARCHIVUM. Mit dem Umbau des Bunkers sei eine Aufwertung der Neckarstadt geplant, was zu begrüßen sei, die Akzeptanz und das Interesse der Neckarstädter für das Archiv hingegen seien ein doch sehr ambitioniertes und schwieriges Vorhaben.

„Man müsse mit einem Satz sagen können, warum man hineingehen sollte“

„Die Bürger der Neckarstadt haben sich zu lange alleine gelassen gefühlt“ war auch die Auffassung von Peter Schmucker, dem Architekten des MARCHIVUMs, der in diesem Stadtbezirk aufgewachsen ist. Prof. Uebele vom Wettbewerberteam Stuttgart konstatierte: „Das ist auch nicht unsere Aufgabe. Nur wegen guter Gestaltung geht noch niemand ins Archiv“. Dafür sei eine gute Planung notwendig, bei der jeder „Bauteil“ stimmen müsse.

Valentin Spiess von Team Basel zeigte sich optimistischer. Benennbarkeit  –  also das Wissen, was dahintersteht  – bedeute Niedrigschwelligkeit. Die Botschaft müsse nur einfach, beständig und klar sein. Dies erfordere eine Kette von Maßnahmen, die schließlich zu einem lesbaren Gesamtpaket, der Marke MARCHIVUM führen. Man müsse mit einem Satz sagen können, warum man hineingehen sollte. Ubele war der Meinung, dafür könne man ein Kommunikationskonzept in allen Sprachen der Stadt entwickeln und in ganz Mannheim plakatieren.

Das MARCHIVUM müsse also, so resümierte Dr. Nieß, etwas Identitätsstiftendes nach außen kommunizieren. Gerade auch für die Zielgruppe für den Ausstellungsbereich: die jungen Leute. Im Stadtbezirk gibt es viele Schulen, von denen auch schon viel positives Feedback kam.

Die Schülerinnen und Schüler der Marie-Curie-Realschule beispielweise werden sich in den kommenden Monaten in verschiedenen Schulfächern mit dem Ochsenpferchbunker auseinandersetzen, erklärte der Lehrer Jens Vogel. FOto StadtA MA -ISG

Die Schülerinnen und Schüler der Marie-Curie-Realschule beispielweise werden sich in den kommenden Monaten in verschiedenen Schulfächern mit dem Ochsenpferchbunker auseinandersetzen, erklärte der Lehrer Jens Vogel. FOto StadtA MA -ISG

Es wurde auch schon vielen Ideen diskutiert, wie man den rund 500 Personen umfassenden Besucherstamm aus Mitgliedern des Fördervereins und Ehrenamtlichen „über den Neckar locken“ könne. Angstszenarien bezüglich des Stadtteils  – „es ist ein Ort, der freiwillig von Massen gemieden wird“, wie Dr. Popp vom Stadtarchiv witzelte  – solle man offensiv begegnen, fand Prof. Andreas Uebele. Ansonsten signalisiere ein visuell offener Raum Sicherheit. Auch eine junge Frau aus dem Plenum pflichtete dem bei: „Man darf nicht mit zu vielen Ängsten in den Stadtteil gehen, ob als Privatperson oder Institution“.

Es wird also spannend, wer am Ende des Jahres als Gewinner aus dem Kreativwettbewerb hervorgehen wird. Wir werden Sie im Blog weiter unterrichten. Gerne können Sie uns auch ihre Meinungen und weitere Anregungen in den Kommentaren hinterlassen.

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