Geschichte am authentischen Ort erlebt – Der Verein Berliner Unterwelten

Über 1000 Bunker gab es nach dem zweiten Weltkrieg in Berlin, wovon nur noch etwa jeder zehnte erhalten ist. Dafür, dass die letzten Relikte der Berliner Geschichte nicht der Zerstörung anheimfallen, setzt sich seit fast 19 Jahren der gemeinnützige Verein Berliner Unterwelten e.V. ein.

Blick in einen Berliner Bunkerflur. Foto: Dietmar Arnold

Blick in einen Berliner Bunkerflur. Foto: Dietmar Arnold

Bei der Gründung Ende der 1990er Jahre musste sich der Verein zunächst in der Öffentlichkeit positionieren. Dass sich Leute für den Denkmalschutz und Erhalt von Bunkern, auch aus der NS-Zeit, aussprechen, rief damals erst einmal Argwohn und Skepsis hervor, erzählt Holger Happel von der Öffentlichkeitsabteilung der Berliner Unterwelten e.V. Die Erforschung der Bunker und Zivilschutzanlagen der Stadt ist eines der Schwerpunktthemen des Vereins. Mit ehrenamtlichem Engagement und durch eigene Finanzierung leisten die fast 480 Mitglieder wertvolle Dienste auf dem kaum erschlossenen Terrain.

Bunker Berliner Gesundbrunnen: Der Verein Berliner Unterwelten hat eine Bunkerzelle wie in den 1940er Jahren eingerichtet. Foto: Holger Happel

Bunker Berliner Gesundbrunnen: Der Verein Berliner Unterwelten hat eine Bunkerzelle wie in den 1940er Jahren eingerichtet. Foto: Holger Happel

Spätestens durch die Entdeckung einer Zwangsarbeiterkartei, durch die mittlerweile zahlreiche Entschädigungen geltend gemacht werden konnten, konnten die letzten Vorbehalte gegen den Verein ausgeräumt werden. „Uns geht es nicht darum, jeden Kubikmeter Stahlbeton zu erhalten und unter Schutz zu stellen, aber wir wehren uns entschieden gegen eine ‚Entsorgung‘ der unliebsamen Geschichte, indem man deren Hinterlassenschaften abreißt oder so umgestaltet, dass sie sozusagen aus dem Stadtbild getilgt werden“, stellt Happel klar, „unser Verein steht für die Vermittlung von Geschichte am authentischen Ort“. Auch den Umbau des Mannheimer Ochsenpferchbunkers zum  MARCHIVUM findet er deshalb eine gute Idee.

Besuchergruppe. Foto: Stefan Gier

Besuchergruppe. Foto: Stefan Gier

Für seine Arbeit wurde der Verein mit der „silbernen Halbkugel“ geehrt – der höchsten Auszeichnung der Bundesrepublik im Bereich Denkmalschutz. Mittlerweile bitten sogar die öffentlichen Behörden den Verein um Hilfe, beispielsweise bei der Klärung von bauhistorischen Sachverhalten. In Zukunft möchte der Berliner Unterwelten e.V. noch ein Forschungsinstitut gründen, wofür aktuell die Archivbestände in einem professionellen Verwaltungssystem erfasst werden.

Eine breite Angebotspalette

Im Vereinssitz, dem Bunker Gesundbrunnen der Berliner U-Bahn, befindet sich das „Berliner Unterwelten-Museum“. Hier sind in mehreren Themenräumen Exponate wie Munition und andere Bodenfunde, historische Technik und Einrichtungsstände zusammen mit Farbfotografien unterirdischer Orte ausgestellt. Dort kann man auch die multimediale Dauerausstellung „Mythos Germania – Vision und Verbrechen “ besichtigen, die Architektur und Städtebau im Berlin der NS-Zeit zeigt.

Wirkt wie eine Szene aus einem Gruselfim. Eine Führung durch den Fichtespeicher, ursprünglich ein Gasometer, bis 1940 ein "Mutter-Kind-Bunker" eingebaut wurde. Er bot Platz für 6.500 Mütter und Kinder. In Hochzeiten war er mit ca. 30.000 Personen belegt. Foto: Frieder Salm

Wirkt wie eine Szene aus einem Gruselfim. Eine Führung durch den Fichtespeicher, ursprünglich ein Gasometer, bis 1940 ein „Mutter-Kind-Bunker“ eingebaut wurde. Er bot Platz für 6.500 Mütter und Kinder. In Hochzeiten war er mit ca. 30.000 Personen belegt. Foto: Frieder Salm

Experten des Vereins vermitteln auf täglichen Gruppenführungen in mehreren Sprachen ihr Wissen zu elf weiteren geschichtsträchtigen Orten der Berliner Unterwelt. Inhaltlich richten sich die diese vor allem an Jugendliche und Erwachsene, sowie Schüler jüngerer Jahrgangsstufen, die im Unterricht auf die Themen vorbereitet wurden und genug Hintergrundwissen mitbringen. Eine Ausnahme bildet die mit Pädagogen erarbeitete Tour durch einen Mutter-Kind-Bunker, die Kindern unter 10 Jahren anschaulich vermittelt, wie Kriegsalltag und der Aufenthalt im Bunker waren.

Besuchergruppe in der Flakturmruine Humboldthain. Foto: Holger Happel

Besuchergruppe in der Flakturmruine Humboldthain. Foto: Holger Happel

2011 entdeckte der Verein, eher durch Zufall,  das historische Gewölbe der ehemaligen Oswald Berliner-Weizenbier-Brauerei und bietet nun dort kulturelle Veranstaltungen an. Und seit Frühjahr 2016 laufen Bau- und Vorbereitungsarbeiten für eine neue Tour durch den ersten U-Bahn-Tunnel Kontinentaleuropas – den AEG-Versuchstunnel.

Gefährlich sei die Erkundung der unterirdischen Welten nicht, so die Auskunft von Holger Happel. Dafür sorgen die hohen Sicherheitsstandards des Vereins. „Klar kann es mal passieren, gerade bei Schülergruppen, dass jemandem schlecht wird, jemand ohnmächtig  wird oder Platzangst bekommt. Unser Personal ist in erster Hilfe ausgebildet und weiß mit solchen Situationen umzugehen, außerdem können wir jeden Besucher auch innerhalb kurzer Zeit nach draußen bringen.“

Blick von oben in den Flakturm Humboldthain. Die Nordseite des Turm blieb nur erhalten, weil die nahgelegenen Schienen bei der Sprenung nicht beschädigt werden durften. Der Flakturm und das Gelände diente bis 1950 als Schuttplatz für Bauschutt. Foto: Berliner Unterwelten e.V.

Blick von oben in den Flakturm Humboldthain. Die Nordseite des Turm blieb nur erhalten, weil die nahgelegenen Schienen bei der Sprenung nicht beschädigt werden durften. Der Flakturm und das Gelände diente bis 1950 als Schuttplatz für Bauschutt. Foto: Berliner Unterwelten e.V.

Selbst an geschichtsträchtigen Orten in der Stadt, zu denen keine Touren angeboten werden, leistet der Verein Berliner Unterwelten mit Informationstafeln einen wichtigen Beitrag zur Gedenkkultur. Und für wen eine Berlinfahrt gar nicht in Frage kommt, der kann im Online-Shop des Berliner Unterwelten e.V. Literatur bestellen, wovon bereits ein Dutzend Bücher und Broschüren in eigener Verlagsedition erschienen sind.

Mehr Infos zum Verein und den Touren: www.berliner-unterwelten.de

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