Der Kalte Krieg und seine Auswirkung auf Mannheims Bunker

1983 stürmte ein Schlager der Band Geisersturzflug die ZDF-Hitparade: Besuchen Sie Europa (solange es noch steht).  Aus heutiger Sicht ein interessantes Zeitdokument: Offenbart es doch die im Kalten Krieg omnipräsente Angst vor einem atomaren Erstschlag und den damit einhergehenden Konsequenzen.

Cover der Band Geiersturzflug.

Cover der Single Besuchen Sie Europa (solange es noch steht).

Auch wenn sich die damaligen Befürchtungen nicht bestätigten und der Eiserne Vorhang ohne eine atomare Eskalation fiel, drängt sich retrospektiv die Frage auf, was im sogenannten Verteidigungsfall mit der Zivilbevölkerung passiert wäre. Waren die Städte der Bundesrepublik Deutschland auf einen möglichen Atomkrieg überhaupt vorbereitet? Was wäre im Ernstfall mit der Mannheimer Zivilbevölkerung geschehen?

Die historische Ausgangslage zum Kalten Krieg

Schon früh nach Ende des Zweiten Weltkrieges zeichnete sich ein Zerwürfnis zwischen den Akteuren der Anti-Hitler-Koalition ab, welches spätestens mit Beginn der sowjetischen Blockade von Berlin die zeitgeschichtliche Epoche des Kalten Krieges begründete. Angesichts der angespannten politischen Situation rechneten die Vertreter der Bundesrepublik Deutschland daher zunehmend mit der Möglichkeit eines Dritten Weltkrieges und entwickelten Pläne für eine militärische und zivile Verteidigungsstrategie.

Schutzraum mit Betten und Kopfstützen (!). Leider wissen wir nicht, aus welchem Bunker diese Aufnahme stammt. Foto: StadtA MA - ISG

Ein Schutzraum mit Betten und Kopfstützen (!). Leider wissen wir nicht, aus welchem Bunker diese Aufnahme stammt. Foto: StadtA MA – ISG

Ein wesentlicher Bestandteil dieser strategischen Überlegungen war dabei der physikalische Schutz der Zivilbevölkerung, der mit Hilfe von Luftschutzbunkern erfolgen sollte. Das Bonner Luftschutzprogramm sah hierfür vor, in Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern bei allen Neubauten Schutzräume einzurichten. Zusätzlich wollte der Bund sämtliche erhaltenen Weltkriegsbunker für den Zivilschutz instand setzen lassen.

Die juristische Grundlage dieser Bestimmungen bildeten diverse aufeinander aufbauende Gesetze wie zum Beispiel das Erste Gesetz über Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung (1957) sowie das Schutzbaugesetz von 1965.

Allerdings waren die Pläne der Bundesregierung keineswegs unumstritten: Kritisiert wurden insbesondere die hohen Kosten des Projekts. Zudem weckte das Vorhaben in Teilen der Bevölkerung unangenehme Erinnerungen an die NS-Zeit sowie das Luftschutz-Führerprogramm.
Aus diesem Grund beschränkten sich die staatlichen Maßnahmen auf den Umbau vorhandener Bunker sowie auf die Subvention von Mehrzweckanlagen, die eine Kombination von Schutzraum und öffentlicher Nutzung ermöglichten.

Luftfilteranlage aus dem Ochsenpferchbunker. Foto: Silvia Köhler

Aufnahme der Luftfilteranlage des Ochsenpferchbunkers. Foto: Silvia Köhler

Allerdings verfolgte der Bund den physikalischen Zivilschutz nur halbherzig. So wurden die Ausgaben für diesen Zweck beispielsweise durch das Haushaltssicherungsgesetz (1965) deutlich eingeschränkt. Weiterhin deutet auch ein finanzielles Ungleichgewicht im Verteidigungsetat auf einen widersprüchlichen Zivilschutz hin: Während 1977 der Gesamtetat für die Zivilverteidigung 541,2 Millionen DM umfasste, lag der Budgetanteil für Schutzbauten bei gerade einmal 29 Millionen DM.

Zivilschutz in Mannheim

Spätestens mit dem Ersten Gesetz über Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung (1957) erreichte der Kalte Krieg auch die Stadt Mannheim. So mussten, sofern noch nicht erfolgt, alle Bunker im Mannheimer Stadtgebiet für die Instandsetzung bereitgestellt werden. Da aber viele Bunker noch als Wohnraum genutzt wurden, war dieses Vorhaben allerdings ein recht schwieriges Unterfangen. Erst 1966 war auch der letzte Bunker im Stadtgebiet vollständig geräumt.

Betten, die im Notfall von der Decke fallen. Ansonsten Parkhaus. Wahrscheinlich das Parkhaus in D5 - REM-Museum. Foto: StadtA MA - ISG

Fotografische Aufnahme einer Mannheimer Mehrzweckanlage. Vermutlich handelt es sich um das Parkhaus in D5 – REM- Museum. Im Vordergrund sind Betten zu erkennen, die im Notfall von der Decke fallen. Foto: StadtA MA – ISG

Die Instandsetzung der Bunker sollte in zwei Stufen erfolgen. Zunächst war im Rahmen eines Sofortprogramms die Nutzbarmachung der Bunker vorgesehen. Für diese provisorische Herrichtung wurden die ehemaligen Bunkerzellen herausgerissen, da Experten annahmen, so die Druckwellen einer Atombombenexplosion besser kompensieren zu können. Da diese Umbaumaßnahmen jedoch keine Lüftungssysteme oder Filteranlagen vorsahen, konnten die Bunker höchstens bis zu drei Stunden Zuflucht gewähren.

Im Anschluss an die Nutzbarmachung sollte dann, im Zuge eines Vorabprogramms, die eigentliche Instandsetzung der Bunker erfolgen. Hierbei wurde auch der Einbau der Lüftungssysteme und Filteranlagen nachgeholt, wodurch sich auch die Aufenthaltsdauer in den Bunkern erhöhte. Aufgrund nachträglicher Gesetzesänderungen betrug dieser Zeitraum allerdings ab 1978 nicht mehr 14 Tage, sondern lediglich zehn Stunden.

Obwohl in Mannheim viele Bunker in den 1960er Jahren bereits nutzbar gemacht wurden, zum Beispiel der Paradeplatz- und der Kunsthallen-Bunker, verzögerte sich deren vollständige Instandsetzung erheblich: Anfang der 1980er Jahre waren erst drei Bunker instandgesetzt (Hochuferstraße, Böcklinbunker, Q6), sowie eine Mehrzweckanlage (N1) errichtet worden.

Zwar waren diese Gebäude immerhin für einen 14-tägigen Aufenthalt ausgerichtet, doch die Anzahl an Schutzplätzen war äußerst gering. Lediglich 7.300 Personen, also nicht einmal 3% der Mannheimer Bürger, hätten zu diesem Zeitpunkt in den Bunkern Zuflucht finden können. Zum Vergleich: In der Schweiz gab es damals bereits für 90% der Gesamtbevölkerung einen Schutzplatz. Kein Wunder, dass sich der Missmut mancher Mannheimer unter dem Motto „In Bonn sitzen sie sicher“ entlud.

Bezeichnenderweise gab es auch keinerlei gesetzliche Bestimmungen, die den deutschen Bürgern einen Schutzplatz zugesichert hätten: Im Ernstfall wären die Mannheimer Bunkerplätze somit nach dem „Recht des Stärkeren“ vergeben worden.

Bunker in der Böcklingstrasse, Neuostheim. Foto: StadtA MA - ISG

Aufnahme aus dem Böcklinbunker in Neuostheim. Foto: StadtA MA – ISG

Erst im weiteren Verlauf der 1980er Jahre wurden in Mannheim noch 19 weitere Bunker instandgesetzt, darunter auch der Ochsenpferchbunker, sowie eine weitere Mehrzweckanlage (D5 – Parkhaus Reißmuseum) erbaut, wodurch sich die Gesamtanzahl der Schutzplätze auf 38.877 erhöhte. Allerdings waren diese Bunker nur für einen 10-stündigen Aufenthalt ausgelegt.

Das Schicksal der Atomschutzbunker nach dem Kalten Krieg

Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks eröffnete sich ein neuer gesellschaftlicher Diskurs über die zukünftige Daseinsberechtigung von Atombunkern. Neben der Forderung nach einer zivilen Umnutzung gab es in den 1990er Jahren aber auch deutschlandweit Stimmen, die den Erhalt und den weiteren Ausbau von Atombunkern befürworteten. So wurde in Mannheim beispielsweise erwägt, mit dem Goetheplatzbunker einen weiteren Weltkriegsbunker zum atomaren Schutzraum umzubauen.

Zudem wurden alle in Mannheim bereits instandgesetzten Bunker regelmäßig gewartet, um diese im Katastrophenfall nutzen zu können. Doch die Wartung und Instandhaltung der Bunker führte zu astronomische Kosten, die vermutlich in keiner Relation zum erwartbaren Nutzen standen: 1997 beliefen sich die Ausgaben für den N1-Bunker auf 57.300 DM, die Kosten des Q6-Bunkers lagen sogar bei 81.200 DM.

Fundstücke bei einem Rundgang vor vielen Jahren im Ochsenpferch-Bunker. Dieser Bunker und der Bunker in Wohlgelegen waren für eine mögliche Evakuierung des Städtischen Klinikums vorgesehen. Foto: StadtA - MA - ISG

Der OP-Saal im Ochsenpferchbunker. Zusammen mit dem Wohlgelegenbunker war dieser Bunker für eine mögliche Evakuierung des städtischen Klinikums vorgesehen. Foto: StadtA – MA – ISG

Zwar beteiligte sich auch der Bund an diesen Kosten, doch wurden die staatlichen Zuschüsse kontinuierlich verringert und 2005 gänzlich eingestellt. Zudem wird seit 2007, aufgrund eines Beschlusses der Innenministerkonferenz, der größte Teil der deutschen Bunker entwidmet.

Das bedeutet, dass die Bunker von ihrer Zivilschutzfunktion entbunden und für eine Umnutzung freigemacht werden. Dennoch gab es 2013 im Mannheimer Stadtgebiet noch 17 Bunker, die als Schutzraum gewidmet waren (unter anderem der Bunker in der Steubenstraße, oder derjenige am Bäckerweg in Käfertal). Und noch immer ist nicht geklärt, wer die Folgekosten der Entwidmung zukünftig zu tragen hat: die Kommunen oder der Bund?

Bewertung des Zivilschutzprogramms

Aus heutiger Sicht stellt sich vor allem  die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Zivilschutzprogramms. Wozu wurde ein solcher ökonomischer Aufwand betrieben, wenn doch allgemein bekannt war, dass es gegen die verheerenden Auswirkungen einer Atombombe keinen absoluten Schutz gibt?

Von den verantwortlichen Politikern wurde der Aufwand des Schutzraumbaus häufig dadurch begründet, dass der Zivilschutz eine „unverzichtbare humanitäre Aufgabe“ sei und auch für andere Katastrophenfälle angebracht wäre. Angesichts einer rückläufigen finanziellen Unterstützung des Bundes, den veränderten Richtlinien zur Aufenthaltsdauer und der sich daraus ergebenden problematischen Schutzraumsituation, erscheint diese Argumentation jedoch widersprüchlich.

Fakt ist hingegen, dass das Zivilschutzprogramm vor allem ein psychologisches Ziel hatte: Der Bevölkerung ein Gefühl von Sicherheit zugeben. Im Zeitalter nuklearer Massenvernichtungswaffen ist der flächendeckende Bau von Atombunkern allerdings ein Paradoxon. Denn selbst wenn die Bunker das flammende Inferno überstanden hätten, wäre die Bevölkerung mit einer kontaminierten Umwelt konfrontiert gewesen.

 

Quellen:

Stadtarchiv Mannheim: Bildsammlung, Plansammlung, Akten.

Bastian, Till: Bunker und Valium. Wie sich die Bundesrepublik auf den „Ernstfall“ vorbereitet. München: 1986, S. 7 – 28.

Friedrichs, Jan-Henrik: Massenunterkunft, Atombunker, Kunstobjekt. Bunkernutzungen im Nachkriegsdeutschland. In: Marszolek, Inge/Buggeln, Marc: Bunker – Kriegsort, Zuflucht, Erinnerungen. Frankfurt/New York: 2008, S. 245 – 259.

Steneck, Nicholas J.: Eine verschüttete Nation? Zivilschutzbunker in der Bundesrepublik Deutschland 1950 – 1965. In: Marszolek, Inge/Buggeln, Marc: Bunker – Kriegsort, Zuflucht, Erinnerungen. Frankfurt/New York: 2008, S. 75 – 88.

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