Champignons aus dem Bunker

Einer der ersten Versuche, die Bunker in Mannheim nach dem Krieg auch wirtschaftlich zu nutzen, war das Pilzzucht-Projekt einer gemeinnützigen Organisation.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Nordbaden ca. 10.000 Schwerbeschädigte, Verletzte aus dem Zweiten Weltkrieg, die keiner regulären Beschäftigung mehr nachgehen konnten. Ihre Rente war aber nicht ausreichend, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Darum, aber auch aus psychologischen Gründen, sollten diese Männer staatlich geförderte Erwerbsmöglichkeiten erhalten. In Mannheim gründete sich zu diesem Zweck die Schwerbeschädigten-Betriebs und Absatzgenossenschaft e. G.m.b.H. (SBAG), die bereits ab 28. Dezember 1946 mit Genehmigung des Bezirksbauamts in vier Mannheimer Bunkern Betriebswerkstätten zur Pilzzucht installierte: im Bunker am Malvenweg in der Gartenstadt (damals noch Trommlerweg), in E6, an der Neuostheimbrücke und in Sandhofen. Der Gründer der Genossenschaft, Fritz Brückner (1915 – 1975) war ein ehemaliger Koch, der aber 1939/1940 auch als Wachmann gearbeitet hatte. Er betrieb bereits vor der Gründung der Genossenschaft selbstständig ein Gewerbe mit Bunkerpilzen.

Vorbereitungen für den Anbau der Pilze: Ein Gemisch aus Stroh und Dünger. Foto: StadtA MA - ISG

Vorbereitungen für den Anbau der Pilze: Ein Gemisch aus Stroh und Dünger. Foto: StadtA MA – ISG

In der Genossenschaft wurden acht Schwerbeschädigte, fünf Leichtbeschädigte und sechs Voll-Arbeitskräfte beschäftigt. Der geplante Ausbau sah Erwerbsmöglichkeiten für 100 bis 150 Betroffene vor.

Die Planung für die Pilzzucht in den Bunkern war optimistisch: Bei sechs bis sieben Pilzen pro Quadratmeter Nutzfläche konnte man nach dem ersten Vierteljahr etwa 80 bis 100 Zentner Champignons ernten. Und tatsächlich wurden allein in Sandhofen zur Erntezeit täglich fast 40 Kilogramm Pilze eingebracht.

Da in der Nachkriegszeit Hungersnot herrschte, galten die Pilze als wertvolle Eiweißlieferanten, deren Nährwert 1:1 mit dem von Rindfleisch gleichgesetzt war. Eine erfolgreiche Zucht versprach mögliche Erträge von bis zu 1.500 Tonnen Pilze und Arbeitsplätze für 500 bis 700 Schwergeschädigte, wenn alle Mannheimer Bunker für die Zucht genutzt werden würden – so die Hochrechnung. Aber das gemeinnützige Projekt kam leider zu einem jähen Ende.

Foto: StadtA MA - ISG

Foto: StadtA MA – ISG

Es gab bürokratische Hürden, den Rechtsanspruch auf eine staatliche Unterstützung bei der Ausgestaltung und dem Betrieb der Arbeitsstätten durchzusetzen. Unter den Mitgliedern der Stadtverwaltung wurde kontrovers diskutiert, ob so ein „Projekt Pilzzucht“ zu befürworten sei oder nicht. Der Bunker in Sandhofen war unvollendet und verfügte über keine Heizung, und auch in anderen Bunkern waren nach Kriegsende technische Einrichtungen, z.B. Generatoren für die Lüftung und Heizungen ausgebaut worden. Auch das Entfernen der Trennwände in den Bunkern, welches für die Zucht erforderlich war, wurde teilweise vom Hochbauamt untersagt.

Das größte Problem stellten die Versorgung mit Dünger, sowie der Transport und die Lagerung der geernteten Champignons dar. In der Nachkriegszeit betätigten sich viele Bürger selbst als Kleingärtner, um sich mit Nahrung versorgen zu können, und mit diesen stand die Genossenschaft in Konkurrenz.

Auch am Champignon selbst – für uns heute ein selbstverständlicher Speisepilz – entzündete sich die Diskussion: Bürgermeister Böttger argumentierte gegen die Nutzung der Bunker für die Champignonzucht, weil dies ein „hochwertiger Edelpilz“ sei, der nicht als Lebens- sondern als Genussmittel einzustufen sei.

Keine leichte Tätigkeit: der Transport von Stroh und Dünger. Foto: StadtA MA - ISG

Keine leichte Tätigkeit: der Transport von Stroh und Dünger. Foto: StadtA MA – ISG

Und dann der Dünger, den die Pilze brauchten: Die Reiterstaffel der Polizei, die gebeten worden war, ihren anfallenden Stallmist als Dünger zur Verfügung zu stellen, war nicht dazu bereit, weil sie im Austausch mit Kleinbauern der Umgebung für den Dung Stroh für die Ställe erhielt.

Darüber hinaus hatte man Angst, dass die Bausubstanz durch die Feuchtigkeit, die bei der Pilzzucht entsteht, und durch die Jauche, die zum Düngen verwendet wurde, geschädigt würde. So könnten die Bunker zukünftig „für immer unbrauchbar“ werden.

Der Bunker in Neuostheim, der auch als "Pilzbunker" genutzt wurde. Foto: StadtA MA - ISG

Der Bunker in Neuostheim, der auch als „Pilzbunker“ genutzt wurde. Foto: StadtA MA – ISG

Immerhin war die Idee der Pilzzucht aber auch ein häufig genutztes Argument, die geforderte Sprengung der Bunker zu verhindern. Und somit bekam die Genossenschaft schließlich am 10.06.47 doch noch die offizielle Genehmigung vom Wirtschaftsministerium.

Aber das Projekt stand unter einem ungünstigen Stern. Im Herbst 1947 wurde im Bunker im Malvenweg viermal hintereinander eingebrochen und „alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war“. Da die Genossenschaft bereits für Umbaumaßnahmen selbst aufkommen musste und diese noch nicht einmal abbezahlt waren, waren die Neubeschaffung aller Gebrauchsgegenstände und eine Überwachung des Bunkers finanziell zu belastend. Der harte Winter und die angespannte Lage auf dem Koksmarkt machten es zudem unmöglich, die Champignonzucht in allen Bunkern über die kalten Monate aufrecht zu erhalten. Für den Bunker in Neuostheim senkte die Stadt Mannheim zwar die Mietkosten für diesen Zeitraum, aber die Genossenschaft war wirtschaftlich schon so geschwächt, dass sie letztendlich am 22. April 1948 liquidiert werden musste.

Die Pilze werden zum Verkauf vorbereitet. Foto: StadtA MA - ISG

Die Pilze werden zum Verkauf vorbereitet. Foto: StadtA MA – ISG

Auch heute werden Bunker noch für die Pilzzucht genutzt. Ein mit dem damaligen Selbsthilfegedanken vergleichbares Projekt hat die Gesellschaft für integrative Beschäftigung mbH in Bremen (GiB) verwirklicht. Wir werden im Blog noch darüber berichten.

 

Quellen: Akten / Fotos Stadtarchiv Mannheim – Institut für Stadtgeschichte. Danke an Karen Strobel von der Bildsammlung im Stadtarchiv, die für uns auf die Suche nach Fotos ging und tatsächlich fündig wurde.

Kommentare

  1. Erstaunlich! Letzte Woche habe ich in einem im Münchner Hauptstaatsarchiv, Abt. IV, Kriegsarchiv, ausliegenden Bildband aus den Zwanzigerjahren über den Ersten Weltkrieg ein Bild entdeckt, das Pilzbeete in einer Höhle „im Westen“, also wohl nicht sehr weit von der Westfront zeigte. Ich wußte gar nicht, daß man damals Pilze überhaupt schon gezüchtet hat. Leider kann ich das Bild hier nicht wiedergeben.

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