Das Geheimnis des Ehrenhofs: Der Schlossbunker

Residenz von Kurfürst Carl Theodor, das vielleicht schönste Hochschulgebäude Deutschlands und beliebtes Touristenziel: Die wenigsten Besucher des Mannheimer Schlosses wissen vermutlich, dass unter dem Ehrenhof ein Bunker liegt.

Einer der Eingänge zum Ehrenhofbunker. Im Hintergrund das Café EO. Foto: Sven Kaulbarsch

Einer der Eingänge zum Ehrenhofbunker. Im Hintergrund das Café EO. Foto: Sven Kaulbarsch

Zur Geschichte des Bunkers

Der Schlossbunker, auch bekannt als Ehrenhofbunker, war Teil des Luftschutz-Führerprogramms, in dessen Rahmen im Mannheimer Stadtgebiet insgesamt 20 Tiefbunker gebaut wurden. Der im Ehrenhof errichtete und circa 7.200 qm umfassende Tiefbunker war so konzipiert, dass er eine planmäßige Belegungskapazität von 905 Schutzplätzen (212 Liege-, 693 Sitzplätze) vorsah. Im Notfall konnten jedoch bis zu 3.000 Personen im Schlossbunker Zuflucht finden.
Erbaut wurde der Tiefbunker zwischen den Jahren 1941 und 1942, wobei dafür der größte Teil des Ehrenhofs zu einer Baugrube ausgehoben wurden.

Der urprüngliche Plan der Nationalsozialisten sah vor, den Bunker nach Kriegsende als Archiv für das im Schloss ansässige Grundbuchamt sowie als Lagerraum der Schlossbibliothek zu verwenden. Daher wurden beim Bau des Bunkers auch zwei unterirdische Gänge errichtet, welche die Schlossflügel mit dem Tiefbunker verbinden.

Aufnahme der Bauarbeiten am Ehrenhofbunker (1941). Foto: StadtA LU

Aufnahme der Bauarbeiten am Ehrenhofbunker (1941). Foto: StadtA LU

Allerdings kann die Errichtung des Ehrenhofbunkers nicht darüber hinweg täuschen, dass die Mannheimer NS-Verwaltung mit dem kulturellen Erbe des Schlosses im Allgemeinen fahrlässig umging. So blieb auf Annordnung des NS-Oberbürgermeisters Renninger beispielsweise das Schlossmuseum nach Beginn des Krieges weiterhin geöffnet, obwohl Mannheim schon früh zu den luftkriegsgefährdeten Städten zählte.

Die ehemalige Schlossbibliothek in einer Aufnahme von 1930. Im Zuge des Fliegerangriffs vom 5./6. September 1943 wurden das Schloss und seine Bibliothek zerstört, wodurch unbezahlbare Kulturgüter verloren gingen. Seit dem wartet die ursprüngliche Bibliothek, an deren Stelle sich heute die Aula der Universität Mannheim befindet, auf ihren historischen Wiederaufbau. Foto: StadtA MA-ISG

Die ehemalige Schlossbibliothek in einer Aufnahme von 1930. Im Zuge des Fliegerangriffs vom 5./6. September 1943 wurden das Schloss und seine Bibliothek zerstört, wodurch unbezahlbare Kulturgüter verloren gingen. Seit dem wartet die ursprüngliche Bibliothek, an deren Stelle sich heute die Aula der Universität Mannheim befindet, auf ihren historischen Wiederaufbau. Foto: StadtA MA-ISG

Der Bau des Tiefbunkers war jedoch nicht der einzige Eingriff, den die Nationalsozialisten am Ehrenhof des Schlosses vornahmen: Bereits in den 1930er Jahren wurde der Ehrenhof, ganz nach Vorstellung der kommunalen NS-Führung, für militärische Aufmärsche umgestaltet.

Nachkriegsnutzung

Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Ehrenhofbunker, angesichts der in Mannheim angespannten Wohnraumsituation, zur Unterbringung von Zivilpersonen genutzt. Der Tiefbunker diente als Übernachtungs- und Durchgangsheim, in dem vor allem  Kriegsflüchtlinge, Waisenkinder und Reisende untergebracht waren. Zusätzlich wurde im Schlossbunker ein Altersheim eingerichtet.

Interessanterweise wurde über diese Nutzung des Bunkers in den Medien sogar äußerst positiv berichtet. So bezeichnete beispielsweise die Rhein-Neckar Zeitung den Schlossbunker als „Oase im Trümmerfeld“ und lobte insbesondere dessen sanitäre Verhältnisse.

Der zerstörte Ostflügel des Schlosses. Auf der rechten Seite ist die ausgebrannte Bibliothek zu erkennen. Zu dieser Zeit lebten im Ehrenhofbunker 300 bis 400 Personen. Foto: StadtA MA-ISG

Der zerstörte Ostflügel des Schlosses. Auf der rechten Seite ist die ausgebrannte Bibliothek zu erkennen. Zu dieser Zeit lebten im Ehrenhofbunker 300 bis 400 Personen. Foto: StadtA MA-ISG

Aber die Unterkunft im Ehrenhofbunker war keineswegs ungefährlich: Die Schriftquellen des Stadtarchivs zeugen von Blindgängern im Schlosshof, mit denen zwei im Bunker untergebrachte Kinder spielten und sich bei einer Explosion schwer verletzten. Eine potentielle Gefahrenquelle, die, wie die jüngsten Untersuchungen des Kampfmittelräumdienstes auf dem Universitätsgelände verdeutlichen, sogar noch in unserer Gegenwart präsent ist.

Die Baustelle an den Quadraten A4/A5, auf der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg vermutet wurden. Foto: Sven Kaulbarsch

Die Baustelle an den Quadraten A4/A5 im September 2016, auf der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg vermutet wurden. Foto: Sven Kaulbarsch

Doch für die Bunkerbewohner gab es im Winter 1945 eine durchaus bedrohlichere Situation zu überstehen: Auf Wunsch der US-amerikanischen Militärregierung sollte der Schlossbunker geräumt werden, um in diesen Kriegsgefangene einzuquartieren, die bisher in einem provisorischem Internierungslager im Schlosspark untergebracht waren.
Doch die Stadtverwaltung intervenierte und so einigten sich die beteiligten Parteien auf eine Kompromisslösung. Die Bunkergänge wurden durch eine massive Trennwand aufgeteilt, wodurch der Bunker sowohl durch das US-Militär als auch durch die Zivilpersonen genutzt werden konnte.

Vom Bunker zum Hotel

In den ersten Nachkriegsjahren blieb die Wohnraumssituation in Mannheim weiterhin angespannt, sodass immer mehr Bunker für Zivilpersonen freigegeben wurden. So beauftragte die US-amerikanische Militärregierung die Mannheimer Stadtverwaltung beispielsweise mit der Errichtung von Bunkerhotels, um die vorherrschende Wohnungssituation zu verbessern. An einer solchen Nutzung der Bunker waren insbesondere die ortsansässigen Wirtschaftsunternehmen interessiert, da deren Arbeitnehmer, aufgrund des weitestgehend zerstörten Stadtgebietes, außerhalb Mannheims wohnen mussten. Gleichzeitig sollten die Bunkerhotels den Handelsreisenden, die im Zuge von Mannheims wirtschaftlichem Wiederaufbau vermehrt die Quadratestadt aufsuchten, eine Übernachtungsmöglichkeit bieten.

Von den Bunkerhotel Plänen der Stadtverwaltung war auch das Übernachtungs- und Durchgangsheim im Ehrenhofbunker betroffen, welches zuvor bereits als inoffizielles Hotel diente. Und so verpachtete die Stadtverwaltung im Jahr 1946 den Ehrenhofbunker an den Hotelier Karl Laurenzi, der nach diversen Renovierungsarbeiten das offizielle Bunkerhotel am Schloss eröffnete.

Der Eingang des Bunkerhotels Ende der 1940er Jahre. Im Jahr 1950 kostete eine einfache Übernachtung 3,50 DM. Foto: StadtA MA-ISG

Der Eingang des Bunkerhotels Ende der 1940er Jahre. Im Jahr 1950 kostete eine einfache Übernachtung 3,50 DM. Foto: StadtA MA-ISG

Das Bunkerhotel hatte eine durchaus positive Resonanz in der Bevölkerung. Nach Laurenzis Angaben war das Hotel 1947 jede Nacht ausgebucht, doch seine Existenz war keineswegs gesichert: Die abenteuerlichen Pläne der Mannheimer Stadtverwaltung sahen nämlich vor, unter dem Ehrenhof eine Verkehrsunterführung zu errichten, oder alternativ das zerstörte Barockschloss vollständig abzureißen.

Glücklicherweise wurden diese Pläne nie realisiert, dennoch musste das Bunkerhotel im Sommer 1950 vorerst geschlossen werden. Auslöser waren städtische Verschönerungsarbeiten am zerstörten Ehrenhof, die dazu führten, dass bei Regenschauern Wasser in den Bunker lief. Das Wasser stand etwa 30 bis 40cm hoch im Bunker, die Möbel des Hotels  wurden schwer beschädigt. Und weil diese ganze Situation zu einem Nachfragerückgang führte, kündigte Laurenzi seinen Pachtvertrag und schloss das Bunkerhotel.
Vielleicht hatte Laurenzi für seine Kündigung aber auch noch andere Gründe: Der Hotelier schuldete der Stadtverwaltung insgesamt 10.880 DM, die auf das Pachtverhältnis zurückzuführen sind.
Die Stadtverwaltung, die aus finanzieller Sicht jedoch sehr an einem Fortbestehen des Hotels interessiert war, beschuldigte Laurenzi daraufhin des Vertragsbruches und erwirkte gegen diesen einen Arrestbefehl, wodurch ein juristischer Rechtsstreit zwischen den beteiligten Parteien begann.

Das Schloss im Wiederaufbau. Foto: StadtA MA-ISG

Das Schloss im Wiederaufbau. Foto: StadtA MA-ISG

Mitte der 1950er Jahre wurde das Bunkerhotel, erneut in Form eines Übernachtungsheimes, wieder eröffnet. Unter anderem wurde es 1955 als Unterkunft und Mensa für Studierende der Wirtschaftshochschule genutzt. Eine aus heutiger Sicht vielleicht etwas eigenwillige Vorstellung, die im Mannheim der Nachkriegszeit aber nicht ungewöhnlich war: Zuvor diente bereits der Goetheplatzbunker jahrelang als Studentenwohnheim.

Der Bunker im Kalten Krieg

Nach dem jetzigen Stand der Quellen lassen sich über die Nutzung des Tiefbunkers im Kalten Krieg kaum fundierte Angaben machen.

Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass der Schlossbunker, im Gegensatz zu manch anderem Bunker in Mannheim, nie zum Atombunker umgebaut wurde. Ein Indiz für diese Vermutung ist vor allem die Tatsache, dass der Ehrenhofbunker sich noch immer im Zuständigkeitsbereich des Bundeslandes Baden-Württemberg befindet. Wäre der Bunker zum atomaren Schutzraum ausgebaut worden, hätte er in den Eigentumsbereich der Stadt Mannheim übergehen müssen. Ein weiteres Indiz für diese These ist die Tatsache, dass der Schlossbunker, anders als zum Beispiel der Böcklinbunker, nicht in den historischen Haushaltsplanungen der Stadt Mannheim aufgeführt wurde.

Nachweisbar ist aber eine zivile Nutzung des Bunkers für kulturelle Zwecke. So wurde der Ehrenhofbunker in den 1980er Jahren zu einer Diskothek umfunktioniert, in der auch die eine oder andere Studentenparty gefeiert wurde. Eine originelle, wenn auch nicht ganz legale Nutzung des Bunkers, die auch bei heutigen Studierenden durchaus Sehnsüchte weckt.

Auch der Kunst bot der Schlossbunker schon Raum. Beispielsweise diente der Tiefbunker am 08. Mai 1995, dem 50. Jahrestags des Kriegsendes in Europa, als Kulisse für eine Ausstellung des Mannheimer Künstlers Karl Schwarzenberg, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzte.
Darüber hinaus war der Ehrenhofbunker des Öfteren im Zuge der „Langen Nacht der Museen“ für die Bevölkerung zu besichtigen.

Übrigens: In Zusammenarbeit von Marchivum-Blog und MannheimTours gibt es diese Woche, für die Studierenden der Uni Mannheim, mehrere Führungen durch den Bunker. Wir sind gespannt, welche dunklen Geheimnisse sich noch unter dem Ehrenhof verbergen und werden darüber berichten. 😉

Flyer für die von Marchivum-Blog organisierte Führung durch den Schlossbunker. Foto: Marchivum-Blog

Flyer für die von Marchivum-Blog organisierte Führung durch den Schlossbunker. Foto: Marchivum-Blog

Quellen:

Stadtarchiv Mannheim: Bildsammlung, Plansammlung, Akten.

Caroli, Michael, Luftschutzbauten. In: Jörg Schadt/Michael Caroli, Mannheim im Zweiten Weltkrieg, Mannheim 1993

Ellrich, Hartmut/Wischniewski, Alexander: Barockschloss Mannheim – Geschichte und Geschichten. Karlsruhe 2013

Peters, Christian/Caroli, Michael: Mannheim 1945 – 1949: Der Anfang nach dem Ende. Mannheim 1995

Popp, Christoph, Geschichtspflege. In: Jörg Schadt/Michael Caroli, Mannheim unter der Diktatur. Mannheim 1997

Pressegespräch zur Langen Nacht der Museen 2010. Abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=g1SVEA7vwL0

 

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