Erinnerungen 1: Briefe von Rosl Locherer an Ihren Mann August (1943)

Es gibt noch viele Erinnerungen an die Zeit als das Leben der Menschen in Mannheim mit Zunahme der Bombenangriffe allmählich aus den Fugen geriet. Wir wollen diese Erinnerungen in loser Folge aufgreifen.

Im Stadtarchiv sind wir in den Briefen des späteren Kommunalpolitiker August Locherer (1902 – 1998) fündig geworden. Diese Briefe hat er nach seiner Einberufung zum Kriegsdienst von seiner Frau Rosl erhalten, die damals auf dem Waldhof wohnte.

August Locherer wurde Anfang Februar 1943 zur Wehrmacht eingezogen. Gut vorstellbar, wie schwer es seiner Rosl nach dem Abschied von ihrem Mann gefallen ist, sich wieder in ihre Arbeit bei der Firma Bopp & Reuther einzufinden

8.02.1943: Brief von Rosl Locherer an ihren Mann August

… „Heute war ich wieder im Geschäft, es ist mir zwar schwer gefallen, aber ich habe mich bald wieder an die Arbeit gewöhnt. Rottler meint, ob man acht Tage braucht, zum Abschied nehmen. Er kann froh sein, dass ich nicht länger zu Hause geblieben bin….Else und ich waren heute Abend im Kino. „Fronttheater“ haben wir uns angesehen. Es war nicht besonders und ich ärgere mich, dass ich die Zeit wieder verbummelt habe.    Sonst geht es mir gut, dasselbe hoffe ich auch von Dir…

Deine Rosl

 Die Olymp-Lichtspiele in der Mannheimer Str.38 gibt es heute nicht mehr. Hat jemand bessere Fotos?

Die Olymp-Lichtspiele in der Mannheimer Str.38 gibt es heute nicht mehr. Hat jemand bessere Fotos? Fot: StadtA MA -ISG

Wie fühlt sich eigentlich richtiger Hunger an? Um in Kriegszeiten die knappen Nahrungsmittel gerecht zu verteilen, wurde auf einer Lebensmittelkarte, die aus vielen Einzelmärkchen bestand die mengenmäßige Zuteilung an Mehl, Fett oder Zucker pro Person geregelt. Mehr als darauf angegeben gab es nicht. Rosl schreibt sehr detailliert über die Änderung der bisherigen Rationen. Sie erhofft sich etwas Ablenkung von ihren Sorgen von einem Unterhaltungsabend in der Harmonie-Gesellschaft. Die Gefahr des Fliegeralarms lässt sich nicht aus ihrem Kopf verdrängen.

20.05.1943: Brief von Rosl Locherer an ihren Mann August

Mein lieber August,

…und jetzt warte ich schon wieder auf die nächsten Briefe. Heute habe ich schon wieder Luftschutz und dann nochmal am Montag. Ich bin froh, wenn ich es wieder hinter mir habe […]. Für die nächste Kartenperiode sind die Rationen geändert. In der Woche gibt es 100gr. Fleisch weniger, dafür bekommen wir im Monat 50 gr. Fett, und eine Sonderzuteilung an Käse. Im Laufe des Sommer bekommen  wir eine Sonderzuteilung an Nährmittel und 1 kg Zucker: …Damit ich etwas Ablenkung habe gehe ich morgen mit Else und Elfriede in einen Unterhaltungsabend in die Harmonie. Gisela Schlüter, Du kannst dich vielleicht noch an Frau Schnack vom Rundfunk erinnern, gibt hier ein Gastspiel. Hoffentlich hilft mirs ein wenig über meine Gedanken hinweg….Diese Woche hatten wir einmal Fliegeralarm, aber Flieger waren keine hier, und man schnauft ordentlich auf, wenn es vorbei geht. Wenn nur einmal diese Gefahr vorbei wäre….

Deine Rosl

So sah eine Karte mit Lebensmittelmarken aus

So sah eine Karte mit Lebensmittelmarken aus. Foto StadtA MA – ISG

Weitere Informationen zu August Locherer unter https://de.wikipedia.org/wiki/August_Locherer

Dieser Beitrag wurde bereits auf dem Blog ISG Mannheim veröffentlicht.

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