Bunker 101- „Kunst-Ort“ im Kölner Stadtteil Ehrenfeld

Die ereignisreiche Geschichte des Hochbunkers Körnerstraße 100 in Köln, der seit 1981 als Kunstbunker genutzt wird.

Foto: Kunstraum 101

Foto: Kunstraum 101

Die Geschichte des heutigen Kunstortes bunker 101 beginnt im Jahre 1926, als die Synagogengemeinde Köln einen Teil der ehemaligen Goldleisten-und Rahmenfabrik Koenemann in der Körnerstraße erwarb, um dort eine Synagoge zu errichten. 1927 wurde schließlich die Synagoge, welche unter der Leitung des Kölner Architekten Robert Stern erbaut wurde, eingeweiht. Jedoch wurde das Bauwerk bereits 11 Jahre später, während der Novemberpogrome 1938, zerstört.

Auf verschiedenen Wegen brachte der Reichsfiskus das gesamte Gelände mitsamt der zerstörten Synagoge in sein Eigentum um 1942/43 einen Luftschutzbunker zu errichten. In den letzten beiden Jahren des Krieges wurde der Hochbunker zum Schutze vor Luftangriffen genutzt. Bis Mitte der 1950er diente er schließlich als Notunterkunft. Seit 1995 steht der Hochbunker Körnerstraße unter Denkmalschutz.

Ausstellung "Gimme Shelter", 2015. Foto: Kunstraum 101

Ausstellung „Gimme Shelter“, 2015. Foto: Kunstraum 101

1981 wurde der Bunker erstmals zu einem Ort künstlerischen Nutzens: Der damalige Professor an der Kölner Werkschule, Daniel Spoerri, führte zusammen mit seinen Studenten die Kunstaktion „Promenade sentimentale“ durch. Einige Zeit später, im Jahre 1988 wurde schließlich eine Initiative gegründet, bei welcher der Bunker zu einer Gedenkstätte des Pogroms gegen die Juden in Ehrenfeld mit aufklärendem Charakter umgestaltet werden sollte.

Nach weiteren Ausstellungen und Kunstaktionen im Hochbunker, unter anderem durch eine Projektgruppe Ehrenfelder Künstler und Künstlerinnen im Jahre 2011, wurde schließlich am 17.Oktober 2012 der Verein „Förderkreis Hochbunker Körnerstraße 101 e. V.“ gegründet

Vorrangiges Ziel des Kunstvereins ist es, den Hochbunker Körnerstraße als Kunstort zu erhalten.

Ausstellung "Places and Spaces", 2016. Foto: Kunstraum 101

Ausstellung „Places and Spaces“, 2016. Foto: Kunstraum 101

Wir sprachen mit Petra Bossinger, 2. Vorsitzende des „Förderkreis Hochbunker Körnerstraße 101 e. V.“, über ihre Erfahrungen und Gedanken zum Ehrenfelder Hochbunker als Ort der Kunst.

Marchivum: Inwiefern beeinflusst ein Ausstellungsort die darin gezeigte Kunst? Kann die Geschichte einer Räumlichkeit die Wirkung von Kunst auf den Betrachter verändern?

Bossinger: Das ist eine gute Frage, die sehr komplex ist, weil wir immer neue Antworten darauf bekommen haben. Der Ort ist natürlich aufgeladen mit Geschichte: Das wissen auch die Künstler und diese machen sich das auch zu Eigen. Wobei die Herangehensweise hierbei sehr unterschiedlich sein kann. Wir hatten vor kurzem eine Klanginstallation im Bunker (Anm. von Marchivum: „Concrete [kõˈkrɛt]“ des Kölner Klangkünstlers Robert Stokowy), bei der der Künstler bewusst auf ein sogenanntes Narrativ verzichtet hat und einfach nur den Raum nutzen wollte. Die Akustik und der Bunker sollten seine Geschichte selbst erzählen ohne dass der Künstler etwas nacherzählen muss. Egal ob Performance oder Installation: Der Bunker gibt immer seinen Kommentar dazu ab.

Foto: Kunstraum 101

Foto: Kunstraum 101

M: Beeinflusst die Geschichte des Bunkers die Auswahl der Ausstellungen, die im Bunker stattfinden? Welche Art von Ausstellungen wird bevorzugt im Bunker 101 gezeigt?

P.Bossinger: Wir zeigen ja zeitgenössische Kunst und deswegen beschäftigen wir uns auch mit den Bedrohungen unserer Zeit. Ein Bunker ist ein Schutzraum und dieses Thema Schutz und Bedrohung ist ein aktuelles Thema, was bedeutet, dass wir nicht nur an der Zeit des zweiten Weltkrieges festhalten. Egal was man jetzt macht, das Thema Flucht schwingt immer mit im Moment. Wir hatten letztes Jahr das Ausstellungsthema „Du darfst hier nicht rein“ gestellt, wo es um gesellschaftliche Ausgrenzung geht und haben den Künstlern ganz freigelassen, um was genau es sich handeln soll. Als es dann soweit war fokussierten sich alle auf das Thema Flucht, obwohl wir es gar nicht vorgegeben haben. Wir sind immer im Hier und Jetzt.

M: Und wie ist die Rezeption der Besucher? Also gibt es Ausstellungen, die besonders gut ankommen?

Bossinger: Was besonders gut ankommt sind Videoinstallationen. Wir haben viele Wände und keine Fenster, alles ist dunkel und vor allem gibt es bei uns nackte Wände: Die Videos nehmen deren Macken mit und dadurch ergibt sich auch wieder ein ganz neuer Kontext. Was auf einer weißen Wand also „White Cube Gallery“ vielleicht noch ganz harmlos daher kommt, hat auf einer Betonwand projiziert eine ganze andere Wirkung. Und das kann aber auch schon verdammt nah an der Partystimmung sein: Wir hatten vor kurzem 18 Videokünstler hier. Da hatten wir in einer Nacht 1000 Besucher.

Ausstellung "Gimme Shelter", 2015. Foto: Kunstraum 101

Ausstellung „Gimme Shelter“, 2015. Foto: Kunstraum 101

M: Was muss man beachten bei der Ausstellungskonzeption, wenn man in so einer Räumlichkeit ausstellt? Wo liegen da die Unterschiede bei der Konzeption einer Ausstellung in anderen Ausstellungsräumen wie beispielsweise einer Galerie oder einem Museum? Worauf muss man achten bei beispielsweise Videoinstallation, damit man nicht automatisch dabei eine solche „Partystimmung“ erzeugt?

Bossinger: Lassen Sie mich zunächst eine kleine Zwischenantwort geben: Das Schöne ist ja, dass spannende und junge Formate auch junge Leute in den Bunker locken, die vielleicht denken „Das ist eine abgerockte Location“. Aber beim zweiten Überlegen „Wo bin ich hier eigentlich?“ kommt man dahinter, dass es eben nicht eine dieser Party-Locations ist, wie beispielsweise eine alte Fabrikhalle, sondern, dass es ein Bunker ist und dass der auch eine Geschichte hat. Aber man bekäme diese jungen Leute nicht in den Bunker, wenn man nur beispielsweise so etwas wie „Betroffenheits-Ausstellungen“ machen würde. Das ist immer so ein Effekt, der eintritt, wenn dieses Hinterfragen aufkommt.

Was man beim Planen einer Ausstellung beachten sollte ist, dass der Bunker immer sichtbar bleibt also der Raum nicht komplett zugehangen wird. Man sollte auch keine Einbauten machen, wenn man plötzlich eine schöne gerade weiße Wand haben will. Man muss den Ort eben so nehmen wie er ist, mit seinen Macken und seinen Restriktionen. Vor allem muss viel Platz gelassen werden. Der Ort ist immer auch Akteur.

M: Also so, dass auch die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät und dass auch der Ausstellungsraum selbst noch in gewisser Weise ein Objekt bleibt?

Bossinger: Ja genau! Und was dann auch noch die Ausstellungen im Bunker unterscheidet: Die Arbeiten werden nicht verkauft: Es ist keine Galerie! Ich kann Werke bei uns hinhängen und es wird kein Stück verkauft, hänge ich diese aber in eine Galerie wird’s verkauft. Warum? Weil es bei uns immer als Teil einer Installation gesehen wird. Schade eigentlich für die Künstler, aber die Künstler arbeiten auch speziell für den Bunker und die meisten Arbeiten, die wir ausstellen sind speziell für den Ort konzipiert. Bei der im Bunker gezeigten Kunst handelt es sich jedoch auch, um Tanz und Theater und Performance.

Blick in die Ausstellung "Concrete-[kõˈkrɛt] ", 2016. Foto: Kunstraum 101

Blick in die Ausstellung „Concrete-[kõˈkrɛt] „, 2016. Foto: Kunstraum 101

Danke für das interessante Interview, bei welchem klar wurde, wie einzigartig ein Bunker als Kunstort sein kann. Gerade bei dem Bunker 101 in Köln-Ehrenfeld wird deutlich, wie vielfältig ein Hochbunker heute genutzt werden kann und welche Besonderheiten er mit sich bringt. Auch wenn er Ausstellungsort ist, so ist er auch immer selbst Objekt einer Ausstellung. Die in ihm gezeigte Kunst sollte hierbei nicht die Geschichte und den eigenen Charakter des Bunkers überschatten, sondern viel mehr in ein Wechselspiel mit ihm treten.

Mehr Infos zum Kunstraum 101 finden Sie hier.

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