Innovative Altlastennutzung – der Hamburger Energiebunker

Ein Projekt mit Vorbildcharakter: Der ehemalige Flugabwehrbunker im Hamburger Reiherstiegviertel wurde zu einem klimafreundlichen Energiekraftwerk umgebaut.

Überbleibsel der Geschichte

Jahrzehntelang war der Flakbunker in Hamburg Wilhelmsburg ein kontrovers diskutiertes Überbleibsel der Kriegsgeschichte. Im Jahr 1943 wurde das Flakturmpaar, bestehend aus einem Gefechts- und einem Leitturm mit jeweils neun Stockwerken, gebaut. Sie beinhalteten neben Schutzräumen für 378.000 Zivilisten (23% der Bevölkerung) auch die Unterkünfte der Soldaten, ein Lazarett sowie militärische Gerätschaften.

Auf dem Dach befanden sich die Flugabwehrkanonen. Die Bunkeranlage wurde im Zweiten Weltkrieg insgesamt acht Mal von Bomben getroffen. Die Kosten, das Material und die menschliche Arbeitskraft, die zum Bau aufgebracht werden mussten, waren unverhältnismäßig hoch in Relation zur Anzahl der letztendlich abgewehrten Angriffe. 600 Menschen wurden dabei getötet.

Foto aus der Zeit der "Entfestigung" und Sprengung des Bunkers. Foto CC Non-Commercial

Foto aus der Zeit der „Entfestigung“ und Sprengung des Bunkers. Foto CC Non-Commercial

1947 wurden beide Wilhelmsburger Bunker durch die britische Armee „entfestigt“. Während der Leitbunker vollständig gesprengt wurde, hätte dies beim Gefechtsbunker umstehende Häuser beschädigt, darum wurde die Außenfassade stehen gelassen. Innenbauten wie Treppen, Stützpfeiler und Decken wurden zertrümmert.

In der Nachkriegszeit wurde dann immer wieder diskutiert, ob man den restlichen Bunker abreißen oder neu nutzen sollte. „Die Einbeziehung von Hochbunkern aus der Zeit des letzten Krieges in die städtebaulichen Planungen“ stellte für die Hamburger Baubehörde „ein schwieriges Problem“ dar. Sie sah keinen Handlungsbedarf, da der Bunker nicht als einsturzgefährdet galt. Von 1954 bis 2011 nutzte eine Getränkehandlung zumindest das Erdgeschoss für ihr Geschäft.

So sah der Bunker 2011 vor dem Umbau aus. Hier beleuchtet für die Veranstaltung "Klotz im Park" 2011. Foto IBA Hbg, Johannes Arlt

So sah der Bunker 2011 vor dem Umbau aus. Hier beleuchtet für die Veranstaltung „Klotz im Park“ 2011. Foto IBA Hbg, Johannes Arlt

Doch die Begrünung, mit der man in den 80er Jahren den Betonklotz optisch aufwerten wollte, führte zu einer Beschleunigung des Zerfalls und es zeigten sich nach und nach Risse in der Betonoberfläche. 2004 fielen bereits Brocken von der Fassade ab. Ein erneutes statisches Gutachten machte es unumgänglich, dass die Stadt sich nun doch damit beschäftigten musste, wie man mit dem Bunker umgehen sollte: nur eine grundlegende Sanierung konnte einen Einsturz verhindern.

Die Internationale Bauausstellung 2007 bringt den Anstoß zum Erhalt

Während der Internationalen Bauaustellung IBA in Hamburg wurde ab 2007 ein Plan zum Erhalt des Gefechtsturms entwickelt: der Flakturm sollte in ein Kraftwerk umgewandelt werden. Im März 2011 begann man damit, die ca. 25.000 Tonnen Schutt aus der Ruine auszuräumen.

Ausblicksterasse. Foto IBA Hbg, Martin Kunze

Ausblicksterasse. Foto IBA Hbg, Martin Kunze

Da der Bau im Jahr 2001 als Denkmal eingestuft wurde, arbeiteten die städtischen Projektentwickler der IBA Hamburg GmbH bei der Konzeption eng zusammen mit dem Denkmalschutzamt. Dieses befand zum Beispiel, dass auch der innen gesprengte Zustand Denkmalwert besitzt, da er an die Entmilitarisierung Deutschlands durch die Alliierten erinnert.

Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, wurde das Innere soweit wie möglich in unsaniertem Zustand belassen und Teile wie Stützpfeiler oder Wandvorlagen nach ursprünglichem Vorbild wieder hinzugefügt. Beim Verputzen der Fassade wurden einige Teile ausgelassen, so dass sich „Fenster zur Geschichte“ aus schwarzer Bitumenfarbe ergaben. Im Sommer 2013 wurde der „Energiebunker“ fertiggestellt.

Foto aus der Zeit des Umbaus 2013. Foto IBA Hbg, Martin Kunze

Foto aus der Zeit des Umbaus 2013. Foto IBA Hbg, Martin Kunze

Die Bunkerumwandlung wurde über mehrere Jahre von Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg begleitet. Zu den Beiträgen der Geschichtswerkstatt gehörte das Projekt „KLOTZ im PARK“, im Zuge dessen Schülerinnen und Schüler die Bunkeranlage erkunden durften, Zeitzeugen befragten und in Theateraufführungen, Lesungen, Ausstellungen und Straßenaktionen zeigten, was Kindheit im Zweiten Weltkrieg bedeutete und was sie als Architekten aus den Bunker gemacht hätten.

Auch für die Umsetzung einer Ausstellung im und am Gebäude, die die Geschichte des Bunkers und der damaligen Bewohner des Reiherstiegviertels dokumentiert, hat die Geschichtswerkstatt sich eingesetzt und recherchiert.

Ganz oben gibt es ein Café mit fantastischer Aussicht. Foto: IBA Hbg, Bernadette Grimmenstein

Ganz oben gibt es ein Café mit fantastischer Aussicht. Foto: IBA Hbg, Bernadette Grimmenstein

Teil des Klimaschutzkonzeptes „Erneuerbares Wilhelmsburg“

Der Energiebunker ist Teil des Klimaschutzkonzeptes „Erneuerbares Wilhelmsburg“, welches eine vollständig aus regenerativen Energien bestehende Versorgung der Elbinseln bis 2050 vorsieht. Dabei setzt Hamburg auf die lokale Nutzung von Energiequellen. Das überregionale Netz wird durch die örtliche Stromversorgung entlastet, es werden weniger Überlandleitungen benötigt, und die Leitungsverluste bleiben gering.

Mit einem jährlichen Output von 22.420 MWh deckt der Energiebunker den Bedarf des „Reiherstiegviertels“, ein über 1,2 km² großes Gebiet mit etwa 1.000 Haushalten. Dabei ist eine Senkung des Energieverbrauchs einkalkuliert, der sich durch den Bau energieeffizienter Gebäude bzw. entsprechende Sanierung von bestehenden Bauten ergibt. Durch die langfristige Planung von 30 bis zu 50 Jahren bleiben die Energiepreise für die Bevölkerung stabil. Und aufgrund des 50 Meter hohen Schornsteins des Energiebunkers gibt es im Wohnumfeld keine Schadstoffkonzentration.

Die Energie wird aus fünf Bausteinen gewonnen

Die Energie wird im Bunker durch fünf Komponenten erzeugt: Fast zur Hälfte (46,8 Prozent) durch einen großen Holzhackschnitzelkessel zusammen mit einer Elektrofilteranlage, dessen Emissionswerte wesentlich geringer sind als die von dezentralen Kesselheizungen. Zum Weiteren mit Abwärme der 300 Meter entfernten Nordischen Ölwerke (17,8 Prozent). Die industrielle Abwärmenutzung  ist im Vergleich zur der eines Kohlekraftwerkes deutlich klimafreundlicher – sie verbraucht keine Ressourcen und ist nahezu CO2-frei. Und auch die Nordischen Ölwerke brauchen weniger Energie für ihre Kühlung.

Blick in die Technikzentrale. Foto IBA Hbg, Martin Kunze

Blick in die Technikzentrale. Foto IBA Hbg, Martin Kunze

Die restliche Energie wird durch ein Biomethangas-Blockheizkraftwerk (16,7 Prozent), acht mit Erdgas betriebenen Gasspitzenkesseln (15,9 Prozent) und der Solaranlage auf dem Dach des Bunkers (2,7 Prozent) gewonnen. Die Sonneneinstrahlung reicht dafür auch im verregneten Hamburg aus. Die 1.350 m² große Kollektorfläche soll für mindestens zwei Jahrzehnte zur örtlichen Stromversorgung beitragen. In diesem Zeitraum werden die Kosten für Solarstrom voraussichtlich sinken. Derzeit sieht das Energieeinspeisegesetz noch eine staatliche Subvention vor. Die Photovoltaik als zukunftsweisende Technik schafft darüber hinaus Arbeitsplätze für Ort, da die Anlagen von Ingenieuren und Handwerkern gepflegt und optimiert werden müssen.

Die bedeutsamste Innovation des Energiebunkers ist ein 20 Meter hoher Großpufferspeicher mit einem Fassungsvermögen von zwei Millionen Litern Wasser. Dort läuft der Strom aus den verschiedenen Energiequellen zusammen. Bis zu 90 000 kWh können darin maximal 18 Stunden gepuffert werden. Dadurch wird thermische Leistung, die für das Versorgungsgebiet benötigt wird, von 11 MW auf 6,5 MW gesenkt. Erst diese Reduktion ermöglicht den ökonomischen Einsatz erneuerbarer Energien.

Außerdem wird so die CO2-Emission im Vergleich zur konventionellen Wärmeerzeugung durch Öl- und Gaskessel um 95 % (über 6 Millionen Kilogramm) reduziert. Die Regelungstechnik des Pufferspeichers soll Vorbildfunktion für weitere künftige Klimaschutzprojekte haben. Derzeit wird erforscht, wie man überschüssigen Windstrom aus Norddeutschland im Speicher des Energiebunkers in Wärme umwandeln könnte (Power to Heat). Ein zusätzliches Blockheizkraftwerk für Engpässe steht ebenfalls zur Diskussion.

Wer in absehbarer Zeite einen Hamburg-Besuch plant: Hier die Internetseite zum Café und Bunker.

 

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