„Die Kinder sind die Leidtragenden“ – Kinder in Bunkern in den frühen 1950er Jahren

In den Nachkriegsjahren leben auch viele Familien mit Kindern in Mannheims Bunkern. Und für die  Kinder ist so ein Leben natürlich besonders gefährdend, sie leiden am meisten.

Nach einer Besichtigungstour durch die Wohnbunker Mannheims im August 1949 liegt der Schwerpunkt von OB Hermann Heimerich und Bürgermeister Jakob Trumpfheller v.a. darin, die  Familien mit Kindern aus den Bunkern heraus zu bekommen. Man sieht selbst heute noch an den Akten, wie wichtig Trumpfheller dieses Thema war: Auf einer minutiösen Aufstellung der GBG, wer in welchen Bunkern lebt, rechnet er am Blattrand zusammen, wie viele davon Familien mit Kindern sind: 62 Familien mit insgesamt 93 Kindern. Deren Unterbringung gilt in den nächsten Monaten sein Augenmerk und Engagement.

Kinder vor dem Karl Benz-Bunker auf dem Waldhof. Foto: StadtA MA - ISG

Kinder vor dem Karl Benz-Bunker auf dem Waldhof. Foto: StadtA MA – ISG

Er schaltet das Stadtjugendamt ein, man versucht die Kinder tagsüber in Kindertagesstätten unterzubringen und bietet Ferienfreizeiten an. Aber so einfach ist das alles nicht. Die Betreuungsstelle der Stadt Mannheim weist darauf hin, dass diese Arbeit einer Sisyphus-Arbeit gleicht: Denn immer wieder ziehen zurückkehrende Frauen mit ihren Kindern zu ihren Männern in die Bunker, oder die Familien holen ihre Kinder, die noch auswärts untergebracht sind zurück. Und: es kommen in den Bunkern auch immer wieder Kinder zur Welt.

Im Oktober 1950 überweist das Jugendamt ein verwahrlostes Mädchens aus dem Max-Josef-Bunker in der Neckarstadt in ein Kinderheim. Dieser Vorfall ist der Beginn einer größeren Diskussion um das Thema „Kinder im Bunker“. Und die Akten zeigen das ganze Dilemma, in der sich Stadtverwaltung und vor allem das Jugendamt befinden.

Foto aus eine Lichtbildmappe des Politzeipräsidiums Mannheim zu den Elendsquartieren in Mannheim, (1946/48). Blick in den Karl Benz Bunker. DArunter geschrieben: "Der Bunker besteht aus 122 Wohnzellen, in welchen 180 Personen hausen. Darunter 68 Kinder". Foto: StadtA MA - ISG

Foto aus eine Lichtbildmappe des Politzeipräsidiums Mannheim zu den Elendsquartieren in Mannheim, (1946/48). Blick in den Karl Benz Bunker. Darunter geschrieben: „Der Bunker besteht aus 122 Wohnzellen, in welchen 180 Personen hausen. Darunter 68 Kinder“. Foto: StadtA MA – ISG

Bisher hatte das Jugendamt es strikt abgelehnt, Kinder aus Familien, gegen die ein Räumungsurteil vorliegt und die in einen Bunker eingewiesen werden, woanders unter zu bringen, z. Bsp. in einem Kinderheim. Denn es gibt keine gesetzliche Handhabe, wenn sich Eltern sich gegen die Einweisung in ein Kinderheim wehren. Und auch der Polizei sind die Hände gebunden, weil das Wohnen im Bunker grundsätzlich nicht polizeiwidrig ist.

Erdmuthe Falkenberg, Leiterin des Jugendamtes 1949 – 1955, bringt es in einer Aktennotiz an den OB auf den Punkt: „wenn wir uns grundsätzlich zur Versorgung der Bunkerkinder bereit erklären, werden wir uns der Fälle nicht mehr erwehren können.“ Und wo sollen die Kinder auch untergebracht werden …

Blick in eine Bunkerzelle in der Wachtstrasse. Foto StadtA MA-ISG

Blick in eine Bunkerzelle in der Wachtstrasse. Foto StadtA MA-ISG

Die Berichte der Fürsorgerinnen aus den Bunkern an das Jugendamt offenbaren die ganze schwierige soziale Situation in den 1950er Jahren: Im Bunker Langer Schlag (Gartenstadt) leben im Dezember 1950 zwar nur noch 15 Familien mit 11 Kindern, aber davon sind vier Säuglinge und ein Junge ist trotz einem Erholungsaufenthalt schon wieder TBC-gefährdet. Eine Kinderkrippe liegt räumlich zu weit entfernt. In ein Säuglingsheim wollen die Eltern ihre Babys nicht unterbringen und der Gartenstadt-Hort ist überbelegt, sodass auch die Schulkinder aus dem Bunker nach der Schule  sich selbst überlassen bleiben.

Die Fürsorgerin, die die Familien und Kindern im Ochsenpferchbunker betreut, thematisiert in ihrem Bericht im Dezember 1950  ebenfalls die eigentlichen Probleme: „Müller, Klaus [ Name geändert, Red.], 6 Jahre, kam im Sommer aus der russischen Zone, Zelle 411, Mutter arbeitet, Vater als Kriegsbeschädigter zu Hause, geht viel mit dem Kind aus. Würde den Jungen in den Kindergarten geben, wenn er nicht die Beitragszahlung aufbringen müsste.“ Oder. „Maier, Eva, geb. 1950, [ Name geändert, Red.], Zelle 215, wohnen erst seit einem Monat im Bunker, Eltern Ostflüchtlinge, suchen dringend Wohnung, zahlen in die Bausparkasse, wären mit EINEM Raum zufrieden…“

 

Kinder vor einem zerstörten Wohnhaus, ca. 1945. Foto: StadtA MA - ISG

Kinder vor einem zerstörten Wohnhaus, ca. 1945. Foto: StadtA MA – ISG

Die meisten Kinder im Ochsenpferchbunker, schreibt sie, haben ein „frisches Aussehen“, aber auch nur deshalb, weil die Eltern sehr darauf bedacht sind, möglichst wenig mit den Kindern im Bunker zu sein, weil bei einem Aufenthalt den ganzen Tag dort, die Stromrechnung sehr hoch wird. Auch im Ochsenpferchbunker möchten die Mütter ihre Säuglinge nicht in eine Krippe geben, zudem ist ihnen der Weg dorthin zu weit. Eine Kindertagesstätte für Kleinkinder gibt es in der Nähe nicht. Und die Gebühr von fünf DM im konfessionellen Kindergarten ist für Bunkerbewohner eine zu hohe Belastung.

1953 verschärft sich die Situation der Kinder in den Bunker noch einmal. In den Bunkern in Mannheims Norden Mannheims sind die Verhältnisse am schlimmsten. Vor allem der Bunker am Danziger Baumgang hat den schlechtesten Ruf.

Kinder im Schönau-Bunker in einer Wohnzelle beim Essen. Die Inszenierung für das Foto, der "gutbürgerliche" Schrank im Hintergrund und die "Sonntagskleidung" täuschen über die tatsächliche Not der Bunkerbewohner hinweg. Foto: StadtA MA - ISG

Kinder im Schönau-Bunker in einer Wohnzelle beim Essen. Die Inszenierung für das Foto, der „gutbürgerliche“ Schrank im Hintergrund und die „Sonntagskleidung“ täuschen über die tatsächliche Not der Bunkerbewohner hinweg. Foto: StadtA MA – ISG

Im September 1953 sind die „verheerenden Zustände“ vor allem im Schönau-Bunker (Danziger Baumgang) ein Thema im Sozialausschuss, auch weil die Bunkerbewohner mit diversen Aktion aktiv werden (wir werden im Blog noch darüber berichten): Es sind nicht nur die schlechten Entlüftungs- und Lichtverhältnisse, die im Sozialausschuss zur Sprache kommen. Die Stadtverwaltung wird ersucht, sich vor allem um die Kinder zu kümmern. Und eine Auswertung aus den Berichten der Fürsorgerinnen bringt Unangenehmes zum Vorschein: In den Bunkern Danziger Baumgang (Schönau), Langer Schlag (Gartenstadt) und Ochsenpferch (Neckarstadt) leben im November 1953 knapp 150 Kinder unter 14 Jahren. Im Vergleich: 1950 waren es in den gleichen Bunker nur 43 Kinder.

Der hohe Anstieg lässt sich nicht einfach erklären. Sicher ist, dass 1953  verstärkt Familien mit Kindern aus Räumungsurteilen oder Obdachlosigkeit in die drei Bunker in Mannheims Norden eingewiesen wurden und das viele Flüchtlinge aus den Ostgebieten nach Mannheim kommen.  Und Wohnungen sind in Mannheim immer noch Mangelware.

Die Fürsorgerin vor Ort, schreibt in ihrem Bericht zum Bunker Langer Schlag, dass einige Familien schon seit zwei Jahren und länger dort wohnen, weil sie keine Wohnung finden. Viele sind Flüchtlinge aus dem Osten. Sie beschreibt die Situation vor Ort sehr anschaulich:  „auf dem Gang vor den Zellen stehen auch meist die elektrischen Kocher auf denen das Essen zubereitet oder die Wäsche gekocht wird. In den Zellen wird die Luft dadurch unerträglich […] Der Bunker ist nicht heizbar. Er wird im Winter von den Bewohnern etwas erwärmt, dass die Kochplatten ständig in Betrieb sind. Im Sommer ist die Luft unerträglich.“ Kinder und Säuglinge sind häufig krank und leiden an Bronchitis und Lungenentzündung. Es gibt auch Fälle von Tuberkulose. Aber das schlimmste sind  „die seelischen Eindrücke, denen die Kinder zwangsläufig ausgesetzt sind.“ Sie bekommen alles mit, jeden Streit, jedes Trinkgelage. Der Bunker ist hellhörig; es gibt alleinstehende Frauen, „die gewerbsmäßig Unzucht betreiben“.  Sämtliche Zellentüren stehen offen, „weil die Luft dann besser ist – man kann sich vorstellen, was die Kinder alles zu sehen und zu hören bekommen. Vor kurzem wurden zwei Kinder von 8 Jahren dabei ertappt, wie sie versuchten Geschlechtsverkehr auszuüben! Das Weltbild, das diese Kinder bekommen, muss grauenhaft sein.“

Ein Ferienlager für Kindererholung, 1949. Essen ist das wichtigste ... Foto: StadtA MA - ISG

Ein Ferienlager für Kindererholung, 1949. Essen ist das wichtigste … Foto: StadtA MA – ISG

Rein rechtlich kann das Jugendamt nichts dagegen machen. Frau Falkenberg schreibt „auch würde ein solche Maßnahme (z.B. Einweisen der Kinder in Kinderheime) geradezu zu einer Revolution führen. Das stark triebhafte Zusammengehörigkeitsgefühl der Familien darf nicht unterschätz werden.“ Das unterstreichen auch die Fürsorgerinnen vor Ort: Die Mütter wollen die Kinder eher nicht in eine Kindertagesstätte geben. Manche haben Angst, die Kinder würden Ihnen entfremdet. Und tatsächlich bildet sich unter den Bunkerbewohnern eine Art Trotzmentalität: „wir sind die, die vergessen wurden“ und eine gewisse Lethargie in der Bewältigung des Alltags. Aber dass man in dieser Umgebung und dem sozialen Werdegang nicht gerade vor Eigeninitiative strotz, kann man sich sehr vorstellen ….

Das Jugendamt beschließt, mit einem zusätzlichen Budget der Stadt, für die Wintermonate 1953 eine Sonderregelung, damit die Kinder halbtags außerhalb des Bunkers unterkommen. In der Schönau-Schule, der Neckarschule und dem Jugendheim Waldpforte werden Räume, Personal und Spielmaterial zur Verfügung gestellt, in der die Kleinkinder von 9 – 12 und die Schulkinder von 13 – 18 Uhr betreut werden. Und auch in den Folgejahren gibt es immer wieder Angebote für die Bunkerkinder.

Aber das Problem der Bunkerkinder ist erst gelöst, als ab Mitte der 50er Jahre von der BGB genügend Wohnungen zur Verfügung stehen, zum Beispiel die Ochsenpferchsiedlung in der Narckarstadt/West und die Familien mit Kindern explizit dort eine Wohnung erhalten.

Quellen:

Stadtarchiv Mannheim: Bildsammlung, Plansammlung, Akten.

Siehe auch den Artikel Wohnen im Bunker auf diesem Blog.

Kommentare

  1. „Führer befiel, wir folgen dir“ lautete die auf der Außenwand des Ochsenpferchbunkers plakativ angebrachte Parole des NS-Regimes. Wo das endete, veranschaulichen die Doku-Aufnahmen von „Bunkerkindern.“

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