Vom Ort der Angst zum Ort der Muse: Der Kunsthallenbunker

Manche der in Mannheim errichteten Bunker sind aus dem Stadtbild verschwunden. Doch hinter den ehemaligen Gebäuden verbergen sich interessante Geschichten,  wie etwa beim mittlerweile abgerissenen Kunsthallenbunker.

Luftschutzbunker ES 41, besser bekannt als der Kunsthallenbunker, war Teil des Luftschutz-Führerprogramms, in dessen Rahmen im Mannheimer Stadtgebiet insgesamt 32 Tiefbunker gebaut wurden. Der am Friedrichsring errichtete und circa 4.275 qm umfassende Tiefbunker war so konzipiert, dass er eine planmäßige Belegungskapazität von 683 Schutzplätzen (570 Liege-, 113 Sitzplätze) vorsah. Im Notfall gewährte der Bunker an der Kunsthalle offiziell bis zu 1.700 Personen Zuflucht.

Entwurf Josef Zizlers für den Kunsthallenbubkers vor der Kunsthalle. Foto: StadtA MA - ISG

Entwurf Josef Zizlers für den Bunker auf dem Platz vor der Kunsthalle. Foto: StadtA MA – ISG

Allerdings wurde der Kunsthallenbunker nicht nur für Zwecke des Zivilschutzes verwendet: Aus den Mannheimer Ratsprotokollen geht hervor, dass 1943 zwischenzeitlich diverse Räume des Bunkers mit Kunstwerken belegt waren. Dies ist insofern bemerkenswert, da der NS-Oberbürgermeister Karl Renninger die Auslagerung von Kunstwerken lange Zeit vehement ablehnte.

Der Kunsthallenbunker hatte die Form eines

Auf dem Plan sieht man sehr gut die einzelnen Zellen. Foto: StadtA MA – ISG

Diese Ablehnung basierte jedoch nicht auf dem humanitären Grund, die Räume der Bunker für die Zivilbevölkerung freizuhalten: Renninger befürchtete, durch solche Schutzmaßnahmen die Zivilbevölkerung zu verunsichern und somit deren Kampfbereitschaft zu schmälern.

Infolge seiner innerstädtischen Lage war der zwischen 1940 und 1941 errichtete Bunker im Kriegsverlauf zahlreichen Fliegerangriffen ausgesetzt. Was der Öffentlichkeit damals jedoch verheimlicht wurde: Dass manche Tiefbunker gegen die an Intensität zunehmenden Bombardements keinen absoluten Schutz bieten konnten. In seinen internen Dokumenten berichtet der damalige Polizeipräsident von mehreren Bombentreffern auf den Kunsthallenbunker, wodurch die Wände des Bunkers stark beschädigt und Bunkerinsassen durch abbröckelnden Beton verwundet wurden.

Die vielleicht kritischste Situation erlebten die im Kunsthallenbunker anwesenden Menschen am 06. Januar 1945. Infolge eines Bombenangriffes wurde die Stirnwand des Bunkers eingedrückt, sowie eine Wasserleitung vor dem Bunker schwer beschädigt. Massive Wassermengen drangen in den Bunker ein und gefährdeten die Bunkerinsassen. Der Bunker wurde geräumt. Johanna Göttel, eine Zeitzeugin die an jenem Tag im Bunker Zuflucht suchte, berichtet von einem bis zur Wade reichenden Wasserpegel und entsprechenden Ängsten der anwesenden Bürger.

Aufnahme des Bomentreffers vom ... Foto: StadtA MA - ISG

Aufnahme des Bombentreffers vom 6. Januar 1945. Foto: StadtA MA – ISG

 Wie für die meisten Mannheimer Bunker hatten die Nationalsozialisten auch für den Kunsthallenbunker ihre Nachkriegspläne: Der Tiefbunker sollte in den seit 1911 geplanten Erweiterungsbau der Kunsthalle integriert werden, dessen Realisierung noch immer ausstand.

Nachkriegsnutzung

Unmittelbar nach Kriegsende wurde der Tiefbunker von der US-amerikanischen Militärregierung beschlagnahmt und als Kriegsgefangenenlager verwendet. Angesichts der in Mannheim äußerst prekären Wohnraumsituation wurde der Bunker jedoch bald zur Unterbringung von Zivilpersonen freigegeben. Die Stadt Mannheim erwog 1946 sogar, den Kunsthallenbunker zu einem Hotel umzubauen. Ein Vorhaben, das die Stadtverwaltung jedoch letztlich in anderen Bunkern realisierte.

Blick auf die zerstörte Kunsthalle bei Kriegsende. Foto: StadtA MA - ISG

Blick auf die zerstörte Kunsthalle bei Kriegsende. Foto: StadtA MA – ISG

Obwohl die Freigabe des Bunkers zu Wohnungszwecken ein notwendiger Schritt gewesen ist, waren die Lebensbedingungen für die Bunkerbewohner alles andere als beneidenswert. Diverse Akten zeugen von ekelerregenden Zuständen in den Toiletten und Waschräumen, von Wanzen und Ungeziefer sowie in den Bunker eindringendem Wasser. 1949 wohnten 120 auswärtige Arbeiter im Bunker, 1958 noch 100 Personen.

Neben solchen hygienischen Problemen kam es im Kunsthallenbunker aber auch zu sozialen Konfrontationen unter den Bunkerbewohnern. Im Jahr 1951 waren insbesondere an Wochenenden Trunkenheitsexzesse sowie Ruhestörungen keine Seltenheit, sodass sich die Polizei zu nächtlichen Streifeneinsätzen genötigt sah.

Alte Luftfiltertechnik aus der Bauzeit des Bunkers. Das Bild entstand wahrscheinlich in den 1960er Jahren, als der Bunker eine neue Elektrik erhiler. Foto: Kunsthalle Mannheim

Alte Luftfiltertechnik aus der Bauzeit des Bunkers. Foto: Kunsthalle Mannheim

Dem Beschwerdebrief eines Bunkerbewohners nach soll es zudem gelegentlich verbale und handgreifliche Auseinandersetzungen im Bunker gegeben haben. Darüber hinaus wurde der Tiefbunker, der eigentlich als reiner „Männerbunker“ eingestuft war, tagsüber von Prostituierten als Ruhestätte genutzt, bevor diese ihren nächtlichen Aktivitäten nachgingen.

Aus der internen Korrespondenz der für den Kunsthallenbunker zuständigen Städtischen Betreuungsstelle geht allerdings hervor, dass sich solche Vorkommnisse damals auch in anderen Mannheimer Bunkern sowie Privatwohnungen ereigneten.

Seit Mitte der 1950er Jahre bemühte sich die Stadt intensiv darum, sämtliche Wohn-Bunker zu räumen. Der Kunsthallenbunker wurde allerdings erst 1960 vollständig geräumt wobei seine ehemaligen Bewohner, immerhin noch 92 Männer, zunächst auf andere Bunker verteilt wurden, u.a. auch in den Ochsenpferchbunker.

Dass die Stadt Mannheim die Räumung der Bunker, in diesem Fall die des Kunsthallenbunkers, konsequent vorantrieb, hatte nicht nur humanitäre Gründe. Zum einen sollten, angesichts des Kalten Krieges, alle Bunker für den Zivilschutz nutzbar gemacht werden. Zum anderen beabsichtigte die Stadtverwaltung, den lange geplanten Erweiterungsbau der Kunsthalle zu realisieren, womit eine Überbauung des Tiefbunkers einhergehen sollte.

Der Bunker im Kalten Krieg

Anfang der 1960er Jahre erreichte der Kalte Krieg, bedingt durch den Bau der Berliner Mauer und die Kuba Krise, einen weiteren Höhepunkt. Vor diesem politischen Hintergrund erfolgten im Kunsthallenbunker die ersten Maßnahmen, um den Bunker für den Zivilschutz nutzen zu können. So wurde 1962 beispielsweise die gesamte Elektrik des Tiefbunkers erneuert.

Momentaufnahme Kunsthalle in den 1950er Jahren. Foto: StadtA MA - ISG

Momentaufnahme Kunsthalle in den 1950er Jahren. Foto: StadtA MA – ISG

Im Gegensatz zu anderen Bunkern in der Stadt, wurde der Bunker an der Kunsthalle jedoch nie vollständig instandgesetzt. Daher sind die Realisierung des Erweiterungsbaus und die damit einhergehende Überbauung des Tiefbunkers, das einzig nennenswerte Ereignis aus jener Zeit.

Von Bunker zum Museum

1983 wurde die Kunsthalle durch den sogenannten Mitzlaff-Bau erweitert. Der Neubau wurde über dem Bunker errichtet.

Umbau des Bunkers 1999. Man sieht hier sehr schön die Stützpfeilfer, die für den Mitzlaff-Bau benötigt wurden. Foto: Kunsthalle Mannheim

Umbau des Bunkers 1999. Man sieht hier sehr schön die Stützpfeiler, die beim Errichten des Mitzlaff-Baus benötigt wurden, weil das Gewicht für die Betondecke zu schwer war. Foto: Kunsthalle Mannheim

Der Neubau erwies sich bald als unzureichend dimensioniert. Vor diesem Hintergrund entwickelte Professor Dr. Manfred Fath, der ehemalige Direktor der Kunsthalle, im Jahr 1997 eine kühne Vision: Der unter dem Mitzlaff-Bau liegende Tiefbunker sollte reaktiviert werden. Faths Plan sah vor, den Tiefbunker umzubauen, damit dieser als Depot und Ausstellungsraum fungieren könne.

Mit dieser Idee begeisterte Fath sowohl den Förderkreis der Kunsthalle, als auch die Hector-Stiftung, woraufhin dieses Projekt finanziell gefördert und 1999 in die Tat umgesetzt wurde.

Doch die hierfür notwendigen Baumaßnahmen waren technisch äußerst anspruchsvoll und keineswegs unproblematisch. Beispielsweise musste die 1,85m umfassende Betondecke des Bunkers aufgeschnitten werden, um eine Verbindung zwischen dem Mitzlaff-Bau und dem Tiefbunker herzustellen.

Für die Erweiterung wurde die 1999 die Bunkerdecke entfernt, damit man in den Räumen an Höhe gewann. Links schön zu sehen, ein ehemaliger Zugang zum Bunker, der nach dem Umbau als Notausgang genutzt wurde. Foto: Kunsthalle Mannheim

Für die Erweiterung 1999 wurde die Bunkerdecke entfernt, damit die Räume an Höhe gewannen. Links schön zu sehen: Ein ehemaliger Zugang zum Bunker, der nach dem Umbau als Notausgang genutzt wurde. Foto: Kunsthalle Mannheim

Bei der Mannheimer Bevölkerung stieß diese originelle Nutzung des Bunkers auf positive Resonanz, sodass sich die Besucherzahlen der Kunsthalle deutlich erhöhten.

Das Ende des Kunsthallenbunkers

Im Laufe der Jahre stellte sich jedoch heraus, dass die Nutzung des Bunkers problematisch war. Immer wieder sahen sich die Verantwortlichen mit Feuchtigkeit konfrontiert, wodurch die im Bunker deponierten und ausgestellten Kunstwerke gefährdet waren.

Auch die im Mitzlaff-Bau ausgestellten Exponate wurden gefährdet, weil durch den Bunker Wasser in das oberirdische Gebäude eintrat. Eine kuriose Situation, da die Intention hinter dem Umbau des Bunkers ursprünglich gewesen war, solche Probleme zu umgehen.

Nach einer längeren Diskussion um eine Sanierung des Mitzlaff-Baus und dem Entschluss zum Neubau, wurde auch die  Beseitigung des Tiefbunkers notwendig, um das neue Gebäude auf sicherem Grund zu errichten. So begannen im Sommer 2014 die Abrissarbeiten am Mitzlaff-Bau und Tiefbunker, die erneut eine Herausforderung darstellten. Denn für die Beseitigung der massiven Betonwände des Bunkers waren spezielle Hydraulikhammer notwendig, um die umliegenden Gebäude nicht zu beschädigen. Außerdem verzögerten sich die Abrissarbeiten am Bunker ein wenig, da unerwartet eine zweite Bodenplatte entdeckt wurde, die einem sicheren Rohbaubeginn im Wege stand.

Quellen:

Stadtarchiv Mannheim: Bildsammlung, Plansammlung, Akten.
Kunsthalle Mannheim: Bildsammlung.

Herold, Inge: Zur Geschichte des Kunsthallenbunkers.  In: Neuer Raum für neue Kunst: die Kunsthallenerweiterung. Mannheim: Städtische Kunsthalle 1999, S. 11 – 16.

Marchivum-Blog bedankt sich recht herzlich bei Frau Dr. Inge Herold von der Kunsthalle Mannheim, für die Bereitstellung von Bildquellen sowie ihrem Essay über die Geschichte des Bunkers.

Kommentare

  1. Sie sind sehr rührig mit Ihrem Blog, den ich immer wieder gern lese. Auch der jetzige Artikel vermittelt mir sehr interessante Informationen. Vielen Dank.

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