Bunker – Expeditionen zum Nullpunkt der Moderne

Wir haben mit Christian Welzbacher über sein ungewöhnliches Buch zum Thema Bunker gesprochen.

Wie entstand die Idee zu dem Buch, wie kamen Sie zum Thema Bunker?

Der Verleger von Matthes und Seitz Berlin hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, das Thema aufzugreifen. Ich habe zunächst gezögert, weil ich Bunker deprimierend finde und sich außerdem um die Bunker herum ein merkwürdiges Spezialistentum gebildet hat, aus Leuten, die alle möglichen Bunkertypen benennen können und genau wissen, was sich wann, wo abspielt hat, wie viel Beton man wozu braucht usw. Diese Art von Technokratie hat mich erschreckt. Bunker stehen schließlich für Krieg und damit für sinnlose Menschenopfer.

Warum haben Sie sich dann trotzdem mit dem Thema auseinandergesetzt?

Weil man mit dem Thema wunderbar illustrieren kann, wie sich Menschen in Prinzipien verbohren, die ganz offensichtlich nicht funktionieren. Jeder Bunker bringt eine bunkerbrechende Waffe hervor, man antwortet mit neuen Bunkern, es folgen noch bunkerbrechendere Waffen. Ein vergleichbares Prinzip ist das der Mauer, das auch in meinem Buch vorkommt und jetzt plötzlich in Amerika eine Renaissance erfährt.

Foto: Buschwerk

Foto: Buschwerk

Ihre Recherche ist sehr umfangreich ….

Aber auch sehr fokussiert! Da ich mich frühzeitig von einem orthodoxen Sachbuch mit Katalogteil – das war am Anfang ernsthaft im Gespräch – verabschiedet hatte, konnte ich die Recherche auf bestimmte Aspekte einschränken. Es ging mir ja weniger um die Einzelbauten, als um das Prinzip dahinter und was uns dieses über den Bunkerarchitekten, den Menschen, verrät.

In dem Buch finden sich Textabschnitte, die als sogenannte „Vademecums“ bezeichnet sind (Als Vademecum bezeichnet man ein Heft/Buch mit wichtigen Informationen, das man in allen Lebenslagen mit sich führt – Anm. Red.). Wie kamen Sie auf diese Idee? 

Es war mir wichtig, das erratische Thema aufzubrechen, und zwar gleich auf mehreren Ebenen. Deshalb habe ich mich entschieden, das Genre Sachbuch an die Grenzen zu führen. Das Buch beginnt ja schon wie eine Erzählung, es arbeitet mit Mitteln der Literatur, indem jedes Kapitel von einem eigenen Protagonisten erzählt wird.

Foto: Buschwerk

Foto: Buschwerk

Damit habe ich meine Autorenperspektive gebrochen. Ich habe eine Art Filter davorgeschoben, und dabei ist etwas sehr Unerwartetes passiert: Viele Leser halten die fiktionalen Aspekte des Themas für real, während sie die auf nachprüfbaren Fakten basierenden Informationen für erfunden halten.

Die Gestaltung des Buchs – z.B. das Wechseln der Leserichtung – ist sicher auch bewusst gewählt?

Die genannten Brüche setzen sich in der Gestaltung fort. Es hat großen Spaß gemacht, den Ansatz durch sämtliche Aspekte des Buches, zur offenen Bindung, zum Drehen, den merkwürdigen gelben Seiten am Schluß weiterzuführen.

Der Grafiker ist, nachdem er an seinem Geburtstag an die französische Küste gefahren ist, um sich am Atlantikwall auf die Arbeit einzustimmen, daüber regelrecht wahnsinnig geworden, so daß wir schließlich ohne ihn weitermachen mussten. Ein kurioses Erlebnis – aber an meinem Text kann es nicht gelegen haben, der Mann spricht kein Deutsch.

Das Buch besteht quasi aus drei Teilen: die Gesichte des Betons, der Betonkirche von Nevers (über die wir im Blog auch noch berichten), die Vademecums und die Mails ….

Es war notwendig, das riesige Feld „Bunker“ in überschaubare Einheiten zu zerlegen. Jedes Kapitel hat ja einen eigenen thematischen Zugang und das wird in der Form gespiegelt. Und am Ende setzt sich das Ganze zu einem Bild zusammen, das wohl eher kubistisch versprengt, schief, fragmentarisch ist, das viele Denkräume bestehen lässt, die der Leser weiter ausschreiten soll. Das fand ich angemessener als eine glattgebürstete Interpretation.

Wie lief die Zusammenarbeit mit dem Fotografen Stefan Kiess?

Stefan Kiess macht abstrakte Fotografien, indem er Negative von Architekturaufnahmen collagiert; dabei arbeitet er analog. Ich habe noch nie eine Bildsprache gesehen, die selbst in kleinen Formaten derart rätselhaft und gleichzeitig prägnant ist, wie die seine. Ich habe seine Arbeit über Jahre hinweg verfolgt. Und als es darum ging, wie wir in demBuch mit Bildern umgehen sollten, kam ich auf die Idee, dass wir, statt eine Auswahl von Bunkern zu zeigen, einen Künstler beteiligen. Kiess hat dann die Serie entwickelt, die vorn im Buch drin ist: grandios.

Foto: Buschwerk

Foto: Buschwerk

Ist das Thema „Bunker“ mit dem Buch für Sie erledigt, oder bleibt etwas davon in Ihnen zurück?

„Bunker…“ war in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme. Ich schreibe eigentlich Sachbücher zur Architektur-, Kunst- und Kulturgeschichte, bei denen mich die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge interessieren. Auch, wenn es mir immer darum geht, allgemeinverständlich und pointiert zu schreiben, gibt es dabei Standards, die einzuhalten sind: vom Zitatnachweis bis zur nachvollziehbaren Argumentation. „Bunker…“ ist vollkommen anders.

Alexander Kluge, der mich eingeladen hat, mit ihm über das Thema zu sprechen, meinte, mein Buch sei eine „literarische Arbeit“. Das kann insofern nicht sein, weil ich kein Literat bin, mich lediglich literarischer Schreibweisen bedient habe.

Was die Gattung betrifft, steht „Bunker…“ irgendwo zwischen Sachbuch und Erzählband – aber die Unsicherheit selbst noch auf dieser Ebene zu haben, war vollkommene Absicht: Die Leser sollen sich selbst weiter auf die Suche nach den Urgründen dafür begeben, was Menschen, die Bunker bauen, eigentlich für merkwürdige und widersprüchliche Wesen sind.

Marchivum-Blog bedankt sich recht herzlich für das Gespräch mit Christian Welzbacher und bei BUSCHWERK für die Fotos seiner Arbeiten.

Christian Welzbacher: Bunker – Expeditionen zum Nullpunkt der Moderne, 2014, Matthes und Seitz, Euro 22,90

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