Ängste statt Besinnlichkeit – Weihnachten in Mannheim unter der NS-Herrschaft

Die Adventszeit hat in Mannheim mit Weihnachtsmarkt und den geschmückten Planken einen ganz besonderen Charme. Doch wie sah das Weihnachtsfest eigentlich während der NS-Zeit aus?

Das Kaufhaus Schmoller in weihnachtlicher Beleuchtung, ca. 1937. Ab 1938 wird die Kaufhaus-Kette nach und nach arisiert. Im Mai 1938 übernehmen Ernst Vollmer und Rudolf Schach das Warenhaus in Mannheim. Foto: StadtA MA – ISG

Weihnachten unter der NS-Diktatur

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten erfolgten weitreichende Eingriffe in das öffentliche Leben, wovon auch die Regelung der Feiertage betroffen war. So versuchten die Nationalsozialisten, das Weihnachtsfest zu instrumentalisieren und an ihre ideologischen Vorstellungen anzupassen. Dafür sollte der Bezug zwischen Christentum und Weihnachten aufgeweicht und das Fest als germanisches Brauchtum dargestellt werden. Außerdem wollten die Nationalsozialisten Weihnachten aus dem Kreis der Familie verdrängen und als große und öffentliche Volksweihnacht inszenieren.

Vorbereitung für die Weihnachtsfeier 1937 in der Zigarrenfabrik Heinrich Jacobi. Das Foto zeigt den neuen Aufenthaltsraum Q7,12. Im Januar 1938 wurde die Firma arisiert. Foto: StadtA MA – ISG

Die christliche Kirche nahm die nationalsozialistischen Bestrebungen offenbar gelassen entgegen. So schlussfolgerte zum Beispiel der Freiburger Erzbischof Groeber im Jahr 1941: „Niemand konnte zuvor Weihnachten verhindern, jetzt auch niemand. Nazis können es nur etwas stören.“ In Anbetracht der „Störungen“ des 2. Weltkriegs erscheint Groebers Äußerung allerdings recht grotesk.

Weihnachten im 2. Weltkrieg

Der Beginn des 2. Weltkriegs brachte weitere Zäsuren des Weihnachtsfestes. Zwar verzichtete die NSDAP nun auf die Inszenierung der Volksweihnacht, doch die Umstellung der Volkswirtschaft auf die Rüstungsproduktion forderte ihren Tribut. Beispielsweise konnte die Mannheimer Bevölkerung ab 1940 Geflügel nur noch über Bezugsscheine erwerben. Traditionelle und ausgiebige Weihnachtsessen wurden im weiteren Kriegsverlauf damit zum sehnsuchtsvollen Wunsch der Bevölkerung. Auch der Gabentisch fiel mit zunehmender Kriegsdauer deutlich spartanischer aus: Selbstgebastelte Geschenke nahmen an Bedeutung zu.

Die lokale NS-Führung versuchte daraufhin, sich als sorgende Hand zu inszenieren und organisierte Bescherungen für die Mannheimer Bürger.

Weihnachtsfeier für Kinder und Jugendliche der Stadt Mannheim 1941. Nicht zu übersehen: der Wegweiser zum Luftschutzraum. Foto: StadtA MA – ISG

Aus den Erinnerungen des Mannheimer Künstlers Herbert Halberstadt geht hervor, dass Kinder zur Bescherung vor eine Wahl gestellt wurden: Schokolade oder Spielzeugsoldaten? Hinter den vermeintlich karitativen Bestrebungen der NSDAP verbarg sich jedoch lediglich die Intention, die Kampfbereitschaft in der Bevölkerung aufrecht zu erhalten.

Zur weiteren Instrumentalisierung des Weihnachtsfestes versuchte die lokale NS-Presse, einen Zusammenhang zwischen Weihnachten und dem 2. Weltkrieg zu konstruieren. Die Neue Mannheimer Zeitung behauptete im Jahr 1942 zum Beispiel, „[d]er große Sinn der Kriegsweihnacht“ sei „ein Aufruf, sich zum inneren Frieden auch den äußeren Frieden zu verdienen.“ Im Folgejahr propagierte dieselbe Zeitung sogar offen: „Nicht der Friede steht über Weihnachten 1943, sondern die Pflicht des Krieges.“

Auch das lokale NS-Organ Hakenkreuzbanner schreckte nicht davor zurück, das Weihnachtsfest zu missbrauchen: Der Weihnachtsbaum wurde als Sinnbild der „deutsche[n] Volksgemeinschaft“ stilisiert, der sich den „Mächte[n] der Finsternis“, gemeint waren die alliierten Streitkräfte, entgegen stelle. Im Allgemeinen lässt sich in der lokale NS-Presse eine geradezu inflationäre Verwendung militärischer Metaphern finden, wie der Satz „Mannheim hatte […] weihnachtlich aufgerüstet“ verdeutlicht.

Es gab jedoch noch einen weiteren Eingriff in das Mannheimer Weihnachtsfest, der nicht weniger tief greifend war: Die allgegenwärtige Bedrohung durch alliierte Fliegerangriffe.

Weihnachten im Bunker

Auch während der Weihnachtstage blieb die Stadt Mannheim durch Fliegerangriffe gefährdet. Das Luftkriegstagebuch des Polizeipräsidenten listet allein an den Weihnachtstagen 1944 zwölf Luftalarme auf, weshalb die Mannheimer das Fest überwiegend im Luftschutzbunker verbringen mussten.

Nicht anders war es bereits im Vorjahr gewesen, als die Bunker bereits im Zentrum des Weihnachtsfestes standen.
Aus heutiger Sicht ist es schwierig, das Bunkergeschehen jener Tage zu rekonstruieren. Die im Stadtarchiv bislang aufgefundenen Schriftquellen entstammen der gleichgeschalteten NS-Presse, deren Berichterstattung fernab jeglicher Objektivität und Realität lag. Beispielsweise berichtete der Hakenkreuzbanner 1943 von einer „weihnachtliche[n] Feierstunde in allen Bunkern“ und zeichnete ein regelrecht idyllisches Bild des Weihnachtsfestes.

Weihnachten privat 1943: Ein Tannenbaum ist trotzdem dabei. Foto: StadtA MA – ISG

So wurde von „fröhliche[m] Lachen der Kinder und Bunkerleute“ sowie dem „stimmungsvollen Zauber der Weihnacht“ geschrieben, der sämtliche Bunkerinsassen in seinen Bann gezogen habe. Im gleichen Artikel wurde auch von einer vermeintlich großen Bescherung berichtet, die auf Betreiben der Partei organisiert worden sei, um den Mannheimern in ihrer Not beizustehen.

Inwiefern dieser Bericht der Wirklichkeit entsprach, ist kritisch zu hinterfragen. Ob die Mannheimer Bürger wirklich in Feierstimmung gewesen sind, erscheint äußerst fraglich, denn im Spätjahr 1943 waren weite Teile Mannheims bereits eine Trümmerlandschaft.

Allerdings gelang es den Nationalsozialisten nie, die Weihnachtsvorstellung der breiten Bevölkerung zu indoktrinieren. Trotzdem brachte die NS-Herrschaft massive Eingriff in das Weihnachtsfest mit sich und war weit mehr als die von Erzbischof Groeber bezeichnete „Störung“.

In der Hoffnung, dass solche dunklen Zeiten der Vergangenheit angehören, wünscht der Marchivum-Blog allen frohe und besinnliche Weihnachten. Kommen Sie gut in das neue Jahr!

 

Quellen:

Stadtarchiv Mannheim: Bildsammlung, Plansammlung, Akten.

Caroli, Michael: Der Sturz in die Katastrophe. In: Geschichte der Stadt Mannheim Band 3, Mannheim 2009.

Caroli, Michael: Luftkrieg. In: Mannheim im Zweiten Weltkrieg, Mannheim 1993.

Fiedler, Thomas/Pich, Sabine: Nationalsozialistische Feiertage. In: Mannheim unter der Diktatur, Mannheim 1997.

Heinrich, Kirsten/Schadt, Jörg: Weihnachten im Krieg. In: Mannheim im Zweiten Weltkrieg, Mannheim 1993.

Kommentare

  1. Dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte gerade in diesen Tagen, da diffuse Ängste die Gemüter beherrschen, ins Gedächtnis zu rufen, ist goldrichtig.
    Dem Marchium-Team einen guten Start ins Neue …

Kommentieren