Erinnerungen 2: Tod im Krätzbach-Bunker

Wohl jede Stadt hat Schreckliches im Krieg erlebt. Im osthessischen Fulda wurde am 27.12.1944 ein Bunker für über 700 Menschen zur Todesfalle. Eine Zeitzeugin hat Leon Igel, der aus Fulda kommt, davon erzählt.

„Sie sieht doch aus wie ein Filmstar.“ Beim Durchblättern eines alten Fotoalbums bleibt Erwin Gassmann auf einer Seite mit Jugendfotos seiner Frau kleben. Die Perspektive, die Patina auf dem Foto und das perfekt frisierte Haar lassen vermuten, dass es sich bei dem Foto tatsächlich um eine Aufnahme eines alten Filmsternchens handelt, doch Schauspielerin war seine Frau Aloysia nie – wenn auch so hübsch.

Brautpaar 1949: Seit fast 70 Jahren sind die Gassmanns ein glückliches Paar. Die Erlebnisse im Bunker waren oft Thema. Foto: Leon Igel

Glanz und Glamour waren damals weit entfernt, als die beiden 1949 auf dem osthessischen Land bei Fulda heirateten. Erwin arbeitete nach dem Krieg als Gehilfe auf einem Bauernhof im Nachbardorf, da lernten sie sich kennen. Seit knapp 70 Jahren sind sie nun verheiratet und haben viel erlebt: Hausbau, Kinder und Enkel, schöne Ehejahre und jetzt meistern sie gemeinsam das Altern. Denn mit 89 und 90 ist es nicht immer leicht.

Näherin bei Fuldaer Mehler AG

Aloysia durchstöbert die alten Fotos weiter, eine Seite des Albums ist jedoch besonders. Dort sind keine Schnappschüsse aus glücklichen Ehejahren zu sehen, sondern Todesanzeigen vieler junger Frauen – allesamt datiert auf 1944. In 90 Jahren Leben gibt es nicht nur glückliche Momente, vor allem für all jene, die Krieg hautnah miterleben müssen. 1944 erlebte Aloysia die wohl schrecklichsten Stunden ihres Lebens, die sich in die Fuldaer Stadtgeschichte einschrieben. Ihr zukünftiger Mann war damals Flakhelfer in der Wiener Neustadt.

Die damals 18-Jährige arbeitete in der Fuldaer Textilfabrik „Mehler AG“ und nähte mit ihren Kolleginnen Fallschirme. Die Mehler AG ist dabei ganz typisch für den Nationalsozialismus: Enteignung eines jüdischen Mehrheitsaktionärs, Kriegswirtschaft und Beschäftigung von Zwangsarbeitern. „Es gab vier oder fünf Baracken mit Zwangsarbeitern, die alle schlecht behandelt wurden“, erzählt Erwin, der vor seinem Kriegseinsatz auch in der Textilfabrik arbeitete.

Fliegeralarme gehörten in der osthessischen Kleinstadt zum Alltag. „Oft standen wir vor dem Bunker und sind aufgrund der Entwarnung zurück zur Arbeit gegangen. Eine halbe Stunde später saßen wir dann wirklich im Bunker“, erinnert sich Aloysia. Der Luftschutzbunker für die Mehler AG war jedoch mehr Provisorium als ausgereift.

Ein unterirdischer Durchlauf des Krätzbaches unter dem Bahndamm des nahen Güterbahnhofs wurde aus der Not heraus zu einem Luftschutzbunker hergerichtet. Der Wasserlauf wurde mit Bohlen abgedeckt und eine spärliche Beleuchtung installiert. Der ca. 400 Meter lange Stollen mit zwei Ausgängen sollte bis zu 1.000 Personen Schutz bieten. „Wir mussten immer in den Krätzbachbunker, aber wir haben genau gewusst, dass wir da im Zweifel nicht mehr rauskommen“, erzählt Aloysia.

Der westliche Eingang des Kräzubachbunkers. Foto: Stadtarchiv Filda (CC)

Verschüttet im Krätzbach-Bunker

Am 27. Dezember 1944 heulten mittags die Luftschutzsirenen in Fulda und das Personal der Mehler-Werke sowie Anwohner begaben sich in den Krätzbachbunker. „Wir wollten alle vorne bei dem Eingang bleiben, doch wir wurden immer weiter hineingedrängt. „Weiter, immer weiter, hieß es“, sagt die heute 90-Jährige. Am Ende waren die Menschen im Bunkerstollen dicht gedrängt. Was sie nicht wussten: Das Ziel des heutigen Bombardements war der Bahnhof, denn die Amerikaner vermuteten hier aufgrund der zentralen Lage in Deutschland eine hohe Verladetätigkeit. Als die Bomben den Güterbahnhof trafen, stürzte der Stollen am Westeingang sowie in der Mitte ein – die Menschen saßen in der Falle.

Das Ziel des Bombardements war der Güterbahnhof. Foto: Osthessen News

Was sich nun abspielte, ist kaum vorstellbar. In völliger Dunkelheit versuchten die Menschen verzweifelt, sich zu befreien, doch das weiche Material des Bahndammes machte es unmöglich, einen Weg nach draußen zu graben. Mit Werkzeug versuchten sie erfolglos, die Bohlen zu beseitigen, um über den Bachlauf ins Freie zu gelangen.

Das Wasser im Bunker stieg, denn auch der Flusslauf war verstopft, und der Sauerstoff wurde immer knapper. Panik brach aus. Immer mehr Menschen erstickten. Erst am späten Abend gelang es den Rettungskolonnen von außen einen kleinen Durchgang in das Innere zu graben, wodurch etwa 200 Menschen gerettet werden konnten. Für über 700 Menschen kam jede Hilfe zu spät.

Erinnerung als Teil des Lebens

„Nachdem wir befreit wurden, sind wir einfach nach Hause gelaufen“, sagt Aloysia, deren Wohnort immerhin neun  Kilometer weit entfernt von der Fabrik lag. Eine Betreuung oder Seelsorge gab es damals nicht. „Wir haben danach einfach weiter gearbeitet , wir haben oft geheult in der Fabrik – aber weitergearbeitet.“ Ihr Mann Erwin wirft ein: „Das waren alles schlaue Leute, ich kann nicht verstehen, wieso sie den Stollen unter den Gleisen als Bunker genutzt haben. Dass Gleise bombardiert werden, muss ihnen doch klar gewesen sein.“ „Auf die Mehler-Fabrik ist keine einzige Bombe gefallen“, ergänzt Aloysia.

Alysia Gassmann betrachtet Todesanzeigen ihrer Kolleginnen, die im Krätzbachbunker starben. Foto: Leon Igel

Es gibt Dinge, die kann eine Stadt nicht vergessen, die können Menschen nicht vergessen und die können vor allem Betroffene nicht vergessen. Fast 70 Jahre Ehe, ein ganzes Leben, sind seit jenem Mittwoch im Dezember 1944 vergangen, und noch immer ist er ein Thema bei dem Ehepaar.

Mit 90 Jahren fällt Aloysia das Erinnern oft schwer, alltägliche Dinge werden zur Herausforderung oder können ohne Hilfe nicht mehr geschehen, doch manche Ereignisse bleiben klar im Kopf. Wenn Wut und Trauer in den Augen der Erzählenden spürbar werden, dann ist so etwas unvergesslich – Erinnerungslücken bei Namen hin oder her.

Heute erinnert ein Gedenkstein am alten Krätzbach-Bunker an jenen verhängnisvollen Tag in Fulda. „So etwas bleibt ein Leben lang im Gedächtnis, ganz besonders wenn ich die Fotos im Album sehe“, sagt Aloysia. „Mit Erwin habe ich immer über alles gesprochen.“ Sie streicht über Fotografien ihres Lebens, er schaut seine Filmschauspielerin an und klappt das Album zu, denn Erinnerungen können oft unbequem und anstrengend sein. Gedenkstein und Fotoalbum werden die Zeit überdauern.

 

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