Raum für Ideen- Bunkerwohnen ist Trend

Welche Vorteile und Hürden damit verbunden sind, hat uns der Bremer Umnutzungsexperte und Architekt Reiner Mielke erläutert.

In den 90er Jahren kam er auf dem Weg zu seiner Arbeitsstätte zweimal täglich an einem Bunker vorbei. Dabei kam Mielke auf die Idee, dass man – so, wie es nun auch beim MARCHIVUM für den Bürobereich vorgesehen ist – eine Wohnung aufs Bunkerdach bauen könnte. Da damals noch die Zivilschutzbindung galt und das Bundesvermögensamt für den Bunker zuständig war, brauchte es einen langen Atem, bis die Baugenehmigung erteilt wurde und der Bunker in Privatbesitz überführt werden konnte. Dafür waren diese Gebäude seinerzeit zu wesentlich günstigeren Konditionen zu erwerben. 1999 war es dann endlich soweit, dass Mielke zusammen mit seiner Frau das Penthouse auf dem Bunker F38 im Stadtteil Bremen-Schwachhausen beziehen konnten.

Das Wohnhaus der Mielkes. Auf das Dach wurde ein Penthouse aufgesetzt. Die oberen Bunkergeschosse wurden zu zwei Wohnungen umgewandelt. Foto: Mielke und Freundenberg

Das Wohnhaus der Mielkes. Auf das Dach wurde ein Penthouse aufgesetzt. Die oberen Bunkergeschosse wurden zu zwei Wohnungen umgewandelt. Foto: Mielke und Freundenberg

Vielfältige Nutzungsmöglichkeiten

Der eigentliche Bunker wurde dabei erstmal als überdimensionale Abstellkammer genutzt. Aber mit so viel brachliegendem Raumpotential konnte man auf Dauer auch nicht zufrieden sein. Da Mielke selbst jahrelang in einer Band spielte, die einen Bunker als Proberaum nutzte, und um die Schallschutzqualitäten wusste, lag es nahe, dass das Ehepaar dazu überging, Konzerte in ihrem Wohnbunker zu veranstalten.

Die Event-Palette erweiterte sich rasch um zusätzliche Sparten: In mittlerweile über 10 Jahren fanden in F38 auch Ausstellungen, Modenschauen – passend zur Location im puristischen Stil – und sogar eine Oper statt. „Die spezielle Akustik der leeren Räume mit ihrem langen Nachhallerzeugen einen kirchenähnlichen Sound“ erzählt Rainer Mielke, und sind damit „bestens geeignet zum Beispiel für a capella-Aufführungen oder Flötenensembles“. Mittlerweile sind in dem Bunker zwei Wohnungen, eine Galerie und Proberäume für Musiker untergebracht.

Seine Erfahrungen führten dazu, dass Mielke sich als Architekt auf die Umnutzung von Bunkern spezialisierte und damit einer der wenigen Experten in Deutschland ist. Seit dem Jahr 2000 arbeitet er im Team mit seinem Architekturkollegen Claus Freudenberg. Mittlerweile ist schon eine Reihe an Projekten umgesetzt worden.

Dazu gehört vor allem die Schaffung von individuellem Wohnraum. Aber auch vom Gastronomiegewerbe und im kulturellen Umfeld werden Bunker gerne genutzt. Auch der Bremer Musikbunker in B35 wurde von der Mielke und Freudenberg GmbH realisiert. Hier sind 19 Übungsräume zwischen 6 und 28 Quadratmeter entstanden, die zur Verbesserung der Akustik mit schallabsorbierenden Materialien verkleidet wurden. Zusätzlich sind einzelne Wände mit Vorhängen aus Bühnenmolton abgehängt, mit denen man durch Auf- und Zuziehen die Akustik des Raumes verändern kann. Durch die hohe Nachfrage nach den hochwertigen Proberäumen sind dort Anmietungen nur noch mit Wartezeit möglich.

Individualismus und Abenteuer

Vor allem der Wunsch nach Individualität ist bei den Kunden ausschlaggebend, in einem Bunker Wohnen zu wollen. Da die Anlagen kaum über tragende Wände verfügen, ist es möglich, den Grundriss frei nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Auch einzelne, offene Räume sind machbar.

Für die Öffnungen werden nach Vorbild des Carrara-Marmor-Abbaus mit diamantbesetzten Seilsägen Blöcke aus dem meterdicken Beton geschnitten .... Foto: Mielke und Freundenberg

Für die Öffnungen werden nach Vorbild des Carrara-Marmor-Abbaus mit diamantbesetzten Seilsägen Blöcke aus dem meterdicken Beton geschnitten …. Foto: Mielke und Freundenberg

Wichtig ist jedoch, dass ausreichend große Fenster ausgeschnitten werden, damit die Bunker ihre ursprünglich beengende, dunkle Wirkung verlieren. Hier haben Mielke und Freudenberg zusammen mit verschiedenen Abbruchunternehmen Pionierarbeit geleistet. Für die Öffnungen werden nach Vorbild des Carrara-Marmor-Abbaus mit diamantbesetzten Seilsägen Blöcke aus dem meterdicken Beton geschnitten und später im Bunkerinneren zertrümmert, um den Schutt abtransportieren zu können.

... und später abtransportiert. Foto: Mielke und Freundeberg

… und später abtransportiert. Foto: Mielke und Freundeberg

Mehrere Tage kann ein solcher Vorgang dauern. Die Wanddicke führt auch dazu, dass sich für die späteren Bewohner die Heizperiode nach hinten verschiebt: sowohl warme als auch kalte Außentemperaturen werden über längere Zeit in der Baumasse gespeichert. Eine gute Innendämmung ist deshalb notwendig. Die Isolation von äußeren Einflüssen ist auch von Vorteil bei der Präsentation von Kunstwerken. So können Besucher ihre Aufmerksamkeit ungestört auf die Exponate richten. „Die Ausstellungen dienen auch dazu, die Nachbarschaft vor Baubeginn einzuladen, und ihr einen Blick in die Bunkerräume zu gewähren“, erklärt Mielke. Die Fassade ist meist nur mit Hochdruckreinigung vom Schmutz der Jahrzehnte zu befreien. Mit Wasserstrahltechnik kann man zusätzlich gestalterische Oberflächeneffekte erzielen, wie etwa eine wettergegerbte Optik.

Seit durch die Aufhebung der Zivilschutzfrist der Ankauf erleichtert wurde, ist das Interesse an Bunkerwohnungen ungebrochen. Es gäbe eine regelrechte Szene, mit einer Vorliebe für sogenannte „lost places“, so Mielke. Diese sei keineswegs politisch motiviert, vielmehr sähen ihre Mitglieder sich als Abenteurer. Noch mehrere hundert ehemalige Luftschutzgebäude stehen zum Verkauf. Und: „Wir haben noch viele Ideen“ versichert der Architekt. Das nächste Projekt wird wieder den Musikern zugutekommen – diesmal in Kassel.

Kommentare

  1. Das ist wirklich sehr beeindruckend! Danke für die Bilder. Faszinierend, was man alles verändern kann. Auf dem Bunker wurde ja eine richtig schöne helle Wohnung errichtet. Zudem sind die Nutzungsmöglichkeiten des Bunkers selbst ja wirklich beinahe grenzenlos.

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