Von Kartoffeln und sehr viel Bürokratie – Der Bunker auf dem Pfalzplatz in den 1950er Jahren

Dierekt nach dem Krieg wurde der sog. „Potato-Bunker“ auf dem Mannheimer Lindenhof von der amerikanischen Armee am 01.04.1945 konfisziert und zur Einlagerung von Lebensmitteln – vor allem Kartoffeln – und Materialien benutzt.

Bau des Pfalzplatzbunkers, 1941. Foto: StadtA MA – ISG

Die Kartoffeln dienten zur Verpflegung vieler Standorte der US-Zone, der französischen Zone und Teilen Frankreichs.

Nach der Konfiszierung wurde in amerikanischem Auftrag und unter Mitwirkung deutscher Kriegsgefangener ein Anschlussgleis auf dem Gelände verlegt, um die großen Mengen an Gütern transportieren zu können. Dieses Gleis sowie die erwünschte Freigabe des Bunkers waren von 1950 bis 1957 Gegenstand einer lange andauernden Diskussion zwischen verschiedenen Verwaltungsstellen von Stadt und Land.

Dass der Bunker kostenfrei genutzt wurde, während das Besatzungskostenamt Renovierungskosten übernahm, und dass ein konfiszierter Bunker nicht einfach freigegeben werden konnte, waren Gegenstand der Debatten und zogen das Tauziehen um den Pfalzplatzbunker in die Länge.

Gefahrenquelle für Fahrzeugverkehr, Fußgänger und spielende Kinder

Im Frühjahr 1951 bemängelt die Stadt Mannheim, das Anschlussgleis sei „keineswegs betriebssicher oder sachgerecht“ verlegt worden. Die Streckenführung überkreuze die Straßen viermal und sei so „eine Gefahrenquelle für den Fahrzeugverkehr und die Fußgänger“. Im Jahr 1950 hatten sich zwei Kinderunfälle ereignet, da sich an den Einfahrtsrampen des Bunkers keine Absperrgitter befanden. Noch während des folgenden Briefwechsels diverser Stellen verunglückt im September 1952 ein weiteres Kind: Ein viereinhalb Jahre alter Junge stürzt und erleidet einen Schädelbruch.

Beweisaufnahme aus der Akte zum Gleisverlauf im Sommer 1952. Foto: StadtA MA – ISG

Die Frage steht im Raum, wer für Instandhaltung der Anlage aufkommt (inklusive der Installation von Absperrungen zur Vermeidung weiterer Unfälle). Der eigentliche Gegenstand der Diskussion aber sind die Häuser 2-22 bzw. 2-28 am Pfalzplatz. Das Gleis, dessen Verlegung oder Abbau ausschließlich von der US-Besatzungsmacht angeordnet werden kann, verläuft teilweise durch die Vorgärten der Häuser, deren Wiederaufbau dadurch erheblich verzögert würde.

„Im Interesse der vordringlichen Neuschaffung von Wohnraum“

Am 18.03.1952 berichtet das Besatzungskostenamt der US-Residency von einzelnen Mietern in kriegszerstörten Häusern. Diese „werden nun schon seit Jahr und Tag durch das parallel der Häuserfront quer durch die Vorgärten laufende Gleis erheblich gestört und gefährdet.“ Aufgrund dieser Behinderung konnte bisher kein kompletter Wiederaufbau stattfinden: „Der dringend erforderliche Wiederaufbau der gesamten Wohnanlage steht jedoch nunmehr kurz bevor.“ Die Gleisanlage solle möglichst bald verlegt bzw. abgebaut werden, um Bauarbeiten unmittelbar vor der Häuserfront zu ermöglichen – „im Interesse der vordringlichen Neuschaffung von Wohnraum“.

Stadtplan aus den 1950er Jahren mit deutlichem Verlauf der Gleise auf dem Gelände der Lanz AG. Foto: StadtA MA – ISG

Das vom Gleis belegte Gelände gehört zu diesem Zeitpunkt anteilig der Firma Lanz A.G., der Stadt Mannheim und der GEWO (Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsbau GmbH Baden, Karlsruhe). Die GEWO Mannheim berichtet am 05.04.1952 von Beobachtungen der Anwohner: „Des öfteren (sic) seien schon Waggons und Zugloks aus den Schienen gesprungen und umgefallen.“ Da das Gleis unmittelbar vor der Hauswand verlegt sei, bestünde für die Anwohner laufende Schadensgefahr.

Ebenfalls problematisch: „Unhygienische Ablagerung von Unrat und Abfall“ durch das von Entlademannschaften zurück gelassene Verpackungsmaterial aus Stroh und Eis. Die Anwohner greifen zur Selbsthilfe; sie transportieren das in Gleisnähe zurück gelassene Material auf die Schienen und erreichen so eine Entfernung der Abfälle.

Das Anschlussgleis verläuft entlang der Häuser 2-28 und verzögert den Wiederaufbau, ca. 1950. Foto: StadtA MA – ISG

Im Mai 1952 schlägt das Tiefbauamt dem OB Heimerich vor: „Eine wesentliche Änderung der Gleisführung nach dem Pfalzplatzbunker ist nach den angestellten Untersuchungen nicht möglich. (…) Zur endgültigen Beseitigung der gegebenen Schwierigkeiten sollte jedoch weiterhin mit Nachdruck auf eine Räumung des Bunkers durch die Amerikaner und eine Verlegung des Betriebes an eine andere günstigere Stelle hingearbeitet werden.“ Als Ersatzvorschlag dient die Ruine des Bundesbahnbunkers in der ostwärtigen Verlängerung der Niederfeldstraße. Dieser wird allerdings als unpassend bewertet, da er viel kleiner ist und ein weitreichender Ausbau nötig wäre. Kurz: Eine Verlegung des Lebensmittellagers ist nicht möglich, weil eine gleichgroße Ausweichanlage mit Gleisanschluss in Mannheim-Stadt nicht gefunden werden kann.

Blick über den Pfalzplatz und den bewachten Eingang des Bunkers auf die neu gebauten Häuser. Foto StadtA MA – ISG

Die Amerikaner wiederum verlangen von der Stadt im Juni 1952 die „street repair“ des Pfalzplatz 6-20. Es gäbe Löcher und losen Kies, die Straße sei jedoch nicht von der Armee beschlagnahmt. Erneut stellt sich die Frage nach der Zuständigkeit im Bereich von Reparatur und Instandhaltung.

„Beschlagnahme des Pfalzplatzbunkers hemmt den Aufbau“

Das Thema wird im Juli von der Presse aufgegriffen – der Mannheimer Morgen schreibt: „Beschlagnahme des Pfalzplatzbunkers hemmt den Aufbau – und zwischen Spätsommer und Jahresende 1952 rückt eine Verlegung des Gleises anscheinend näher. Die GEWO meldet der Stadtverwaltung Mannheim am 08.10.1952, dass für die Häuser 2-28 mit einem Gesamtaufwand von 2.854.560 DM gerechnet werde, „wenn der Wiederaufbau sofort gestartet werden kann.“ Dieser würde jedoch teurer, wenn Ruinenteile  weiter verwitterten und teilweise abgerissen werden müssten („Restabrisse“).

Blick auf das Gleis kurz vor der Entladestation. Foto: StadtA MA – ISG

Mit Stand vom 27.10.1952 werden am Bunker teilweise Absperrgitter angebracht, und die GEWO baut die Wohngebäude Pfalzplatz 28-26-24 vollständig wieder auf: „Die Wohnungen sind zum größten Teil bereits bezogen; die Ruinen der Häuser Nr. 22-2 sind teilweise noch bewohnt.“ Man wartet auf eine Zusage zur Verlegung des Gleises, um mit dem Wiederaufbau der Ruinen beginnen zu können.

Bürgerwunsch nach Grünanlage und Erholungsmöglichkeiten

Im Dezember 1952 tritt auch das Gartenbauamt mit Vorschlägen zur Gestaltung des Pfalzplatzes an den OB: Die Bevölkerung habe in mehreren Anträgen darum gebeten, am Pfalzplatz Kinderspielplätze und sonstige Möglichkeiten zur Erholung zu schaffen.

In der Vorkriegszeit befand sich auf dem Pfalzplatz eine große Grünanlage mit Sportfeld, Laufbahn, Tennisplätzen und Kinderspielplätzen. Ca. 1929. Foto: StadtA MA – ISG

Die Vorschläge seien beim Stadtrat und Landesarbeitsamt Baden-Württemberg eingereicht und es sei beantragt worden, die Arbeit zu genehmigen – „Dies ist erfolgt. Das Landesarbeitsamt hat die Arbeit als Notstandsmaßnahme zur Beschäftigung von Erwerbslosen genehmigt.“ Das Gartenbauamt schildert die beabsichtigten Bauten: Ein größerer Spielplatz für Kinder mit Rollschuhbahn, vier Tennisplätze auf der Bunkerdecke und eine Grünanlage. Es erkundigt sich nach dem Zeitpunkt der Verlegung der „Geleise“ und einer notwendigen Dichtung des Bunkers.

Ablehnung auf ganzer Linie

Nach mehreren Briefwechseln zwischen städtischen und US-amerikanischen Stellen erfolgt am 04.02.1953 von den Amerikanern eine Ablehnung der Umgestaltung und Gleisentfernung. Als Grund wird die Kürzung der Baugelder genannt. Außerdem soll die vorhandene Erde, die für Abdichtungs- und Isolierarbeiten am Bunker entfernt werden muss, von den Amerikanern nach Käfertal abtransportiert werden, so dass sie dem Gartenbauamt nicht zur Verfügung steht.

Blick von der Speyerer Straße und Meeräckerstraße auf den zerstörten Pfalzplatz (Oktober 1944). Rechts: Das Werksgelände der Firma Lanz. Foto: StadtA MA – ISG

Am 29.09.1953 berichtet die Stadtverwaltung Mannheim an das Regierungspräsidium Nordbaden, Finanzwesen, von den bisherigen Ausgaben der Amerikaner zu Lasten des Besatzungskostenamtes: „Die Amerikaner zahlen für die konfiszierte Anlage keine Nutzungsvergütung. Sie haben zu Lasten der Bes.Kosten im Bunkerinneren DM 23.600 für Entlüftung und DM 32.600 für Elektro-Arbeiten aufgewendet. Bis April 1952 dichteten sie für DM 38.600 die Bunkerdecke ab und wiederholten diese Abdichtungsarbeiten für DM 60.500 bis April 1953. (…) Es ist verständlich, dass sich die Verwaltungsdienststellen der Armee von einer ohne Nutzungsvergütung konfiszierten Liegenschaft in der insgesamt DM 155.300 in der Vergangenheit investiert wurden, nur ungern trennen.“

Widersprüche – Freigabe erwünscht, Abdichtung fraglich

Die Stadt berät im November 1953 intern darüber, wie mit der Situation der angestrebten Freigabe umgegangen werden soll. Es wird die Möglichkeit erörtert, den Amerikanern Silos am Hafen zur Einlagerung der Kartoffeln anzubieten. Man genehmigt den Kostenvoranschlag von 90.000 DM für die Wiederherstellung des Pfalzplatzes nach dem Plan des Gartenbauamtes.

Zum Jahresende 1953 erfolgt jedoch eine schlechte Nachricht für das Vorhaben: Nach Ansicht eines Bunkerbausachverständigen könne man die Decke eines Bunkers, der einen Treffer erhalten habe (wie beim Pfalzplatzbunker der Fall), überhaupt nicht mehr abdichten, weil das Material „arbeite“ und das Ganze verkantet sei. „Solche Bunker beseitigt man durch Sprengung oder lässt sie verfallen.“

Im September 1943 erhält der Bunker einen Treffer. Foto: StadtA MA – ISG

Am 20.01.1954 wendet sich das Finanzministerium Baden-Württemberg an Lt. Col. Stimson mit der erneuten Bitte, das Gleis zu verlegen, oder den Bunker freizugeben. Im März 1954 kommt vom US High Commissioner Conant die Zusage an den OB, dass die Gleisanlagen entfernt werden können. Aber erst im Juli 1954 sind die Wachen abgezogen, und der Bunker scheint verlassen – eine Freigabe ist beantragt (09.07.1954).

Im Oktober 1954 stellt sich heraus, dass die Wasserdurchlässigkeit weniger auf die Schäden an der Decke zurückzuführen ist, sondern auf die Schäden an den Seitenwänden des Bunkers. Sie sollen vor den Herrichtungsarbeiten des Gartenbauamtes abgedichtet werden. Diesem Amt wird im Dezember 1954 die Bunkeroberfläche zugeteilt, und unter Mitarbeit von Hoch- und Tiefbauamt soll die Anbringung von Sicherheitsvorkehrungen (bzgl. Kinderunfälle) erfolgen.

Entwurf für den Bunker unter dem vorhandenen Sportgelände auf dem Pfalzplatz, 1941. Foto: StadtA MA – ISG

Verfall und Missverständnisse

Man sorgt sich bis ins Jahr 1955 um den fortschreitenden Verfall des augenscheinlich verlassenen Bunkers – die Klimaanlage ist abgeschaltet, es gibt Wasseransammlungen, Abwurf von Feuerwerkskörpern in die Luftschächte sowie Plünderungen des Wachhäuschens und Einbrüche in den Bunker. Provisorische Sicherungen zur Verhütung weiterer Unfälle werden „als Turngerät benutzt“, demontiert oder gestohlen. Das Ref. VI / B schreibt am 25.05.1955 an die Bundesvermögensstelle (Außenstelle Mannheim): „Der Bunker steht Tag und Nacht offen. Kinder, Halbwüchsige und allerlei lichtscheues Volk schlachten die Elektroanlage im Bunkerinnern aus, entfernen die Kabel usw.“

Blick über die Gleise auf die bereits neu errichteten Häuser am Pfalzplatz. Foto: StadtA MA – ISG

Außerdem informiert die Stadt Mannheim die Oberfinanzdirektion Karlsruhe über eine weitere beunruhigende Meldung: Man habe gehört, der Bunker werde wieder benutzt. Es sei ein neues Bunkertor angeschlagen, das knietief stehende Wasser abgepumpt, sowie laufende MR-Streifen eingeteilt worden. Eine Wiederbelegung solle jedoch verhindert werden! Die Bundesvermögensstelle schreibt am 26.05.1955 an den OB: Die für die Verwaltung des Bunkers zuständige Dienststelle habe am 24.05.1955 erklärt, „dass sie Weisung erhalten hat, den Bunker weiter in Ordnung zu halten, da der Bunker für Lagerzwecke der amerikanischen Besatzungsmacht verwendet werden soll.“

Das Ref. VI / B wiederum informiert die Oberfinanzdirektion Karlsruhe, dass die „Sicherungsmaßnahmen“ laut US-Bereichskommando Nordbaden nur zum Schutz der Anlage getroffen worden seien, „bis USAREUR (U.S. Army Europe, Anm. d. Red.) endlich einmal entschieden hat, was mit dem Bunker künftig geschieht.“

Luftaufnahme vom Pfalzplatz aus dem Jahr 1937. Foto: StadtA MA – ISG

Freigabe bzw. Übergabe – „Die Akte wird geschlossen“

Am 14.07.1955 berichtet die Allgemeine Zeitung für Nordbaden und die Pfalz von der Übergabe des Bunkers an die Bundesvermögensverwaltung und die Stadt. Die Schäden werden auf 45.000 DM geschätzt – Die Entwässerungsanlage ist außer Betrieb, die Wasserversorgung sowie Luftverbesserungsanlage beschädigt, „Stromversorgung nur teilweise im Gang“, Toiletten, Waschbecken und Bodenplatten beschädigt.

Der Mannheimer Morgen kommentiert: „Man hat sich mit der Zurücknahme eine schwere Bürde aufgeladen. Es ist dies zur Sicherheit der angrenzenden Bewohner zu liebe geschehen.“

Im Mai 1957 wird die Akte geschlossen – die Geschichte des Pfalzplatzbunkers ist damit noch lange nicht zu Ende.

Quellen: Stadtarchiv Mannheim: Plansammlung, Akten. Und ein extra Dank geht an die Bildsammlung im Stadtarchiv.

 

Kommentare

  1. P.S.Wir haben von einem Leser heute noch folgende Mail zum Bunker erhalten – vielen Dank dafür. Wir haben wirklich nur eine Akte der vielen zum Bunker ausgewertet:
    „mit großem interesse habe ich ihren beitrag zum pfalzplatzbunker gelesen. ein hinweis fehlt m.e.: der bunker wurde unmittelbar nach dem krieg auch von der heinrich lanz ag genutzt. sie lagerte dort während der instandsetzung des werksgeländes maschinen und produkte aus. mein vater arbeitete von anfang an bei der wiederherstellung der produktionsanlagen mit und war auch am pfalzplatz beschäftigt. er hat mir des öfteren davon erzählt und dabei auch die gleisanlage erwähnt.“

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