Archiv vom Aktenstaub befreien

Archive sind verstaubt und Historiker sind langweilige alte Männer: Dass diese Vorurteile über Stadtarchive nicht stimmen, wurde bei dem SPD Kulturforum-Gespräch „Das Gestern vergessen? Wie Erinnerungskultur unsere Gesellschaft prägt“ im Casino des Mannheimer Capitols deutlich.

„Erinnerung ist zeitlich begrenzt: Familiäre Erinnerung reicht vielleicht bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges. Für alles danach kommt man ans Archiv“, erzählt Nieß zu Beginn des Gesprächs. „Aktenstaub aufwirbeln ist dabei alles andere als unemotional –  ähnlich wie bei Zeitzeugenberichten verändert so etwas den Menschen.“ Voller Spannung erzählt er von scheinbar langweiligen städtischen Sitzungsprotokollen von 1666: Rheinaufwärts wütete bereits die Pest und die Mannheimer warteten handlungsunfähig auf das kommende Unheil. „Gott gebe uns ein gutes Jahr“ steht in jenem Reichsprotokoll und die Verzweiflung dieser Tage ist noch immer nachfühlbar.

Frage nach der Relevanz

Doch ist im Gespräch zwischen Nieß und dem Künstler Luigi Toscano sowie Moderator Thorsten Riehle von Erinnerungskultur die Rede, geht es nicht um frühneuzeitliche Ereignisse, sondern vor allem um die jüngste Vergangenheit, die wir nicht nur aus Büchern kennen, sondern auch durch Zeitzeugen. Die große deutsche Frage nach der Schuld des Krieges und des Holocaust wird da zu einer zentralen und aktuell gesellschaftlichen Frage: Ist das eine Erinnerungskultur, die wir brauchen, oder ist das verzichtbar?

Für den Mannheimer Fotografen Luigi Toscano ist die Antwort eindeutig. Mit seinem Projekt „Gegen das Vergessen“  hat er in den letzten Jahren 200 Holocaust-Überlebende fotografiert und ihre Geschichte festgehalten. Dass Erinnerung noch ein wichtiges Thema ist, beweist der Erfolg seines Projekts, den er selbst so nicht erwartet hätte. Denn 2016 war er mit seiner Ausstellung ein zentraler Teil der Gedenkfeier im Park des ukrainischen Babyn Jar anlässlich der 75. Jährung des Massakers von deutschen Soldaten an 33000 unschuldigen Menschen. „Ich war auch bei dem offiziellen Empfang des Jahrestages eingeladen und plötzlich hat sich Joachim Gauck lange mit mir unterhalten und sich für meine Arbeit bedankt.“ Und das ist noch nicht alle Erinnerungsarbeit: In Zukunft möchte Toscano mit seinen Fotografien auf Reisen gehen –  die Rede ist von Berlin, Washington D.C. oder Philadelphia. Auch einen Bildband, eine Website oder eine App von dem Projekt gibt es.

Fotoportraits von Verfolgten des Nationalsozialismus an der Alten Feuerwache in Mannheim im Septmber 2015. Foto: gegen das Vergessen

Veränderung der Erinnerungskultur

Sowieso, neue mediale Formen seien für die Erinnerungskultur wichtig. Das machen Nieß und Toscano deutlich, denn nur so könne man junge Leute erreichen. „Die Schuld-Debatte lockt heute kein Kind mehr hinter dem Ofen hervor. Damit haben die jungen Leute nichts mehr zu tun“, sagt Nieß. „Erinnerungskultur muss sich in der Art und Weise verändern, wie sie vermittelt wird. Neben dem Einsatz neuer Medien –  beispielsweise QR-Codes auf den Stadtpunktetafeln, die auf zusätzliche Infos verlinken –  soll auch das zukünftige Marchivum einen Beitrag dazu leisten. „Das Archiv müssen wir aus dem Dunstkreis des Aktenstaubes befreien und ins digitale Zeitalter überführen“, so Nieß.

„Abstrakt vermittelte Geschichte überfordert jeden, doch wenn wir Formen der Unmittelbarkeit finden, macht das Geschichte greifbar.“ „Wenn Wissenschaftler und Künstler zusammen arbeiten, könnte das ein Weg sein, den wir gehen können“, schlägt Toscano vor. Sowohl im Publikum, als auch von Nieß und Moderator Riehle erntet er dafür Zustimmung. Ist sein Foto-Projekt doch das beste Beispiel dafür, dass so etwas klappen kann.

Blick in die Ausstellung zur Gedenkfeier im Park des ukrainischen Babyn Jar anlässlich der 75. Jährung des Massakers von deutschen Soldaten an 33.000 unschuldigen Menschen. Foto: gegen das Vergessen

Erinnern ist wichtig. Nicht nur durch trockene Geschichtsbücher, sondern vor allem in spannender und zeitgerecht aufgearbeiteter Weise. Das Marchivum als Begegnungsstätte will genau dafür einen Raum schaffen, damit in Zukunft Mannheimer Erinnerungskultur und Marchivum nicht mehr voneinander zu trennen sind.

Hier ein Film zu der Ausstellung „Gegen das Vergessen“ in Kiew in diesem Jahr.

Kommentieren