Interaktiv, sensuell und spielerisch: das Konzept für die Ausstellungen im Marchivum

Bei der Verleihung des „Mannheimer Pfennig“  letzte Woche, wurden auch die Konzepte zu den beiden Ausstellungen im Marchvium vorgestellt.

Nicht, dass es das Letzte mal sein wird, dass eine Persönlichkeit für ihre Verdienste und Leistungen für das Stadatarchiv geehrt wird. Nein, vielmehr rückt das „sich abzeichnende Event“, wie Herr Prof. Dr. Nieß es nannte, also der Umzug des Mannheimer Stadtarchivs ins neue Quartier, das Marchivum näher.

Neuer Raum für Stadtgeschichte

Angedachte Aufteilung der stadtgeschichtlichen Präsentation im EG: Einmal quer durch Mannheims Geschichte. Aber auch Zeit für einen Kaffe und eine Ecke zum Schmökern …. Foto: StadtA MA – ISG

Das Archiv will gegen das klassische Vorurteil der verstaubten Lagerstätte vorgehen: es soll nicht nur ein Ort zur Arbeit mit Quellen sein, sondern auch die Stadtgeschichte soll neuen Raum bekommen. Geplant sind Ausstellungen, die zwei Ebenen des Hochbunkers einnehmen sollen: Im Erdgeschoss wird der Besucher in Zukunft von einer Ausstellung zur Stadtgeschichte empfangen werden, im 1. Stock entsteht ein NS- Dokumentationszentrum.

Die Gemeinsamkeit besteht in der Form der Aufbereitung, denn die Ausstellung ist vor allem eines – multimedial. So sollen die Hintergrundinformationen zu den Ausstellungen und auch die Quellen in digitaler Form verfügbar sein. Insgesamt soll das Archiv zu einem „Lern- und Erlebnisort werden, den es in dieser Form deutschlandweit nicht gibt“, wie Herr Professor Nieß erklärt.

Balance geben zwischen Chronologie und Sachthematik          

Wie diese Ausstellung inhaltlich aufgebaut werden soll, ist auch schon geplant. Die Ausstellung zur Stadtgeschichte knüpft dort an, wo das Zeughaus, also eines der Museen des Reiss- Engelhorn Komplexes aufhört, also um 17. Jahrhundert. Ambitioniert hören sich die Pläne für die neue Ausstellung an, so soll es eine Balance geben zwischen Chronologie und Sachthematik.

Leitgedanke bei der Auswahl ist der „Mut zur Lücke, der durchaus auch ein Gewinn“ sein kann, wie Frau Dr. Gillen erklärt. Diese Lücken zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie Raum bieten für Schwerpunktthemen bleibt, so wird Mannheim im 18. Jahrhundert vor allem mit der Rolle als Residenzstadt präsentiert, während im 19. Jahrhundert die Wirtschaftsgeschichte Vorrang hat.

Das Highlight der Ausstellung: ein digitales Stadtmodell in 3D, dass die räumlichen Veränderungen der Stadt nachzeichnet, ein solches Modell gibt es bis bisher in Deutschland nicht.

Eine Fahrt mit der Straßenbahn durch Mannheim im 19. Jahrhunderts – Stadtgeschichte sinnlich erlebbar machen, das ist das große Anliegen der Ausstellungsmacher. Foto: StadtA MA – ISG

Zum Beispiel: Erlebnisstationen            

Auch die Schwerpunktthemen werden vor allem eine mediale Ausdrucksform finden, z.B. in Form von Erlebnisstationen, denkbar sei eine Reise durch die Mannheimer Musikgeschichte oder eine Fahrt durch das Mannheim des 19.Jahrhunderts mit der Tram. Bilder, die dank den Bild- und Videoschätzen die im Stadtarchiv lagern wieder zum Leben erweckt werden können.

Zusätzliche Informationen, sowie Spiele und Bilder sollen durch eine App verfügbar gemacht werden. So wurde bereits mit dem Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik der Universität Mannheim ein Computerspiel für Jugendliche entwickelt, dass im Mannheim von 1794 spielt.

Auch OB Dr. Peter Kurz konnte nicht wiederstehen und spielte an dem Abend eine Runde „Mannheim 1794“. Foto StadtA MA – ISG

NS-Dokumentationszentrum

Auch die Pläne für das NS- Dokumentationszentrum beeindrucken, schon allein, weil hier der Versuch gewagt wird, die „stolze Tradition des Widerstandes [in Mannheim] ebenso zu würdigen […] wie die schmerzhaften Erinnerungen“ (Dr. Susanne Schlösser). Auch hier wird eine thematische Einteilung vorgenommen, die sich nach der Chronologie der Ereignisse richtet. So beginnt die Ausstellung nicht erst mit der Machtergreifung 1933, sondern mit dem Ende des 1. Weltkrieges und fokussiert sich hier auf die gesellschaftlichen und politischen Spannungen.

Angedachte thematische Aufteilung für das NS-Dokumentationszentrum im 1. OG. Foto: StadtA MA – ISG

Gezeigt wird also das Bild eines besiegten und chaotischen Deutschlands, dass sich Hals über Kopf in eine Republik gestürzt und es versäumt hat, sich um die ehemalige Regierungselite zu kümmern. Hieran schließt sich die soziale Not gegen Ende 1920er Jahre an, die sich vor allem in Armut und Wohnungsnot niederschlug.

Erst jetzt, im dritten Abschnitt wird die politische Wende thematisiert, wobei die rasche Umsetzung von politischen Zielen der Nationalsozialisten und die allgemeine Zustimmung der Bevölkerung betont werden. Letzteres schlägt erst 1940 mit der zunehmenden Bombardierung, auch das ein Thema das sowohl in Bildern als auch in digitaler Form nachvollziehbar sein wird. Ein vierter Themenbereich beschäftigt sich mit der Zeit nach 1945, wobei Karen Strobel betont, dass es „keine Stunde Null“ gab.

Zentral: Datenbank zum Recherchieren             

Stattdessen ist Deutschland bis heute geprägt vom „Ringen um Gedenken und Demokratie“, ein Konflikt, der einer der Schwerpunkte des NS- Dokumentationszentrums sein soll. Neben Mannheims Rolle während der NS- Zeit werden Datenbanken eine bedeutende Rolle spielen. Diese sollen die verschiedenen Opfergruppen abbilden. Sie werden den Besuchern zur Verfügung stehen und den Gräueltaten ein Gesicht geben. Ein wortwörtlicher Raum für Diskussionen ist geplant: In einem Seminarraum können Schulklassen Meinungen, Eindrücke und Ideen austauschen oder Workshops vernastaltet werden.

Ein Raum im NS-Dokumentationsszentrum wird die wechselvolle Geschichte des Bunkers erzählen. Foto: StadtA MA – ISG

Bis all diese Pläne in die Tat umgesetzt sind, wird es noch bis 2019 dauern, doch die Präsentation des Konzeptes macht jetzt schon neugierig. Interaktiv, sensuell und spielerisch sollen die Ausstellungen des Marchivum werden. Wir sind gespannt und wünschen viel Glück bei der weiteren Umsetzung!

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