Geschichte mit lokalem Bezug

Ziel der Initiative „Architektur macht Schule“ ist es, die Wahrnehmung von Kindern und Jugendlichen für ihre gebaute Umwelt zu schärfen und  ein kritisches Bewusstsein gegenüber architektonischen Qualitäten zu vermitteln. Die Vermittlung erfolgt über qualifizierte Fachkräfte und durch Unterstützung von Architekten.

Im Sommer 2016 haben sich die Schülerinnen und Schüler auf dem Symposium im Neckarstädter Bürgerhaus schon über das Bauprojekt informiert und brachten eigene Ideen zur Aufwertung der Umgebung ein. Jetzt, im zweiten Schulhalbjahr, geht es mit dem Projekt weiter. Dabei arbeiten die Kulturagenten der Schule, Frau Denkberg de Gvirtz, und die Lehrkräfte Herr Vogel, Frau Purper, Frau Hosse und Herr Herrmann eng  mit den Mitarbeitern des Baukompetenzzentrum der Stadt Mannheim und dem Stadtarchiv zusammen.

Zerstörungen durch Fliegerangriffe in der Stockhornstrasse. Foto: StadtA MA – ISG

Ein Aspekt im ersten Termin war die Zerstörung Mannheims und insbesondere der Neckarstadt-West während des zweiten Weltkriegs, die in einer Geschichtsstunde dargestellt wurde. Während in den Quadraten kaum noch ein Haus erhalten war, lag die Zerstörung in der Neckarstadt in mittleren Umfang. Dies konnten die Schüler auch auf mitgebrachten Schadensplänen ablesen; „das kann man auch am Stadtbild sehen“, erläuterte Andreas Schenk vom Stadtarchiv Mannheim der Gruppe, die bei der Begehung in der Woche zuvor viele historische Bauwerke gefunden und fotografiert hatten.

Schadensplan der Zerstörung entlang der Dammstrasse. Orange und gelbe Flächen sind Zerstörungen über 50%. Foto: StadtA MA – ISG

Auch die Marie-Curie-Schule hatte leichte Schäden erlitten. Die Lehrerin, Frau Purper, wies auf ein Gebäude in der Umgebung hin, an dem der untere Teil orginal geblieben ist und das obere Stockwerk neu angebaut wurde, ähnlich wie es aus anderen Gründen auch beim MARCHIVUM passiert. Solche Bauweisen haben meist eine interessante Geschichte. Zur besseren Vorstellung wurden viele Fotos aus der damaligen Zeit gezeigt.

Frau Purper erklärt die Liste mit den Fliegerwarnungen. Foto: R.Rosemann

Wie die Luftangriffe das tägliche Leben veränderten, zeigte Frau Purper anhand von Fliegerwarnungen einer ausgesuchten Woche, in der es teilweise mehrere Alarme täglich gab:  „Stellt euch mal vor, wie das wäre, wenn ihr Ferien hättet, und dann müsstet ihr jeden Tag mehrmals in den Bunker“. Durch die Angriffe war das Leben von außen bestimmt, und die Menschen damals mussten das über Jahre hinweg ertragen.

So erklärt sich vielleicht auch die Irritation der Jugendlichen, als sie den Film „Erinnerungen an den Hochbunker in der Neckarstadt“ gesehen hatten – eine Frau hatte vergessen, ihr Kind mit in den Bunker zu nehmen. Denn wann immer die Sirenen ertönten, musste es schnell gehen. Schlimm war auch die Ungewissheit, ob die eigene Wohnung noch da war, wenn man aus dem Bunker zurückkam. War die Wohnung getroffen worden, waren häufig die Nachbarn gefordert, die Ausgebombten bei sich aufzunehmen, oder die Menschen kamen bei staatlich eingerichteten Massenunterkünften unter, etwa in Schulgebäuden.

Andreas Schenk erläutert Fotos von zerstörten Strassen, die sich im Bestand des Stadtarchivs befinden. Foto: R. Rosemann

Frau Purper zeigte zur Veranschaulichung ein Foto eines verschütteten Eingangs und den beengten Innenraum einer Notunterkunft. Dr. Schenk ergänzte dies mit einem Foto einer am Marktplatz provisorisch aus herumliegenden Trümmern zusammengebauten Baracke. „Ihr könnt euch vorstellen, dass das nicht besonders bequem war, denn man hatte ja kein fließendes Wasser und keine Heizung“ erzählte er. Auch ein Foto eines zerstörten Gebäudes und dem aufgemalten Hinweis: „Alle leben“, entfachte eine längere Diskussion. Die Schüler, die es heute gewohnt sind, mit dem Smartphone schnelle Nachrichten zu verschicken, konnten diese Aussage erst nicht richtig einordnen. In der Tat handelte es sich um eine Nachricht für Verwandte und Bekannte, die nur so miteinander kommunizieren konnten.

Aber auch wenn man überlebt hatte: der Verlust der Wohnung bedeutete auch den Verlust des gesamten Hab und Guts. Durch die Bomben brannten die Gebäude aus, mit allem was sich darin befand. Frau Purper erzählte von der Mutter ihres Freundes, die damals wie viele andere Menschen fast den ganzen Tag im Bett lag, um keine Energie zu verbrauchen. Die Schüler waren sichtlich beeindruckt.

 

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