Besuch beim zukünftigen Nachbarn: Das Pumpwerk Ochsenpferch

Wer kennt schon das in der Nähe des MARCHIVUM befindliche Abwasserhebewerk Ochsenpferch an der Bunsenstraße? Der majestätisch-romantische Bau mit dem Turm wurde vor mehr als 110 Jahren errichtet und ist das älteste Gebäude seiner Art in Deutschland, das bis heute seine technische Aufgabe erfüllt.

Original Querschnitt des Gebäudes von 1906. Gut sind die drei Kanalfänge zu erkennen. Foto: StadtA MA – ISG

Auch schwerste Bombentreffer im 2. Weltkrieg haben nicht dazu geführt, dass ein moderner Neubau projektiert wurde.

Im Gegenteil: Aktuell ist die Stadtentwässerung dabei, die Originalornamentik der Bodenfliesen wieder zu rekonstruieren, um auch im Innern den architektonischen Geist der Entstehungszeit von 1904 wieder mehr erlebbar werden zu lassen.

Original Längsschnitt des Gebäudes von 1906. Foto: StadtA MA – ISG

Wären da nicht die modernen, grauen Schaltkästen mit ihren blinkenden Anzeigen als Ausdruck elektronischer Prozessleitsysteme, manche jüngeren Glasstellwände oder das permanente Summen, dann würden die majestätischen Pumpen im Innern mit dem goldenen Originalhandlauf um die Becken eine perfekte Zeitreise in die Gründerjahre ermöglichen. Der Turm diente ursprünglich neben der Entlüftung vor allem dem Trocknen der Feuerwehrschläuche, was heute nicht mehr angesagt ist.

Blick ins Innere des Gebäudes. Letztlich sieht man oberirdisch nur einen Teil der mächtigen Pumpen, die unterhalb des Bodens das in den Kanalfängen fließende Wasser hoch fördern. Foto: StadtA MA – ISG

Doch trotz der altertümlich wirkenden Pumpen, die zum Teil schon einige Jahrzehnte laufen, wird hier aktuelle Technik eingesetzt. So wird etwa die angenehme Grundwärme im Innern des Gebäudes mittels Wärmetauschmodule erzielt. Wie beim MARCHIVUM wird die Wärme aus dem Abwasserkanal gewonnen. Die im Kanal verlegte Module werden vom warmen Abwasser überströmt, entziehen dabei die dortige Energie und geben sie an eine Wärmepumpe weiter. Die Wärme wird direkt in das Heizungssystem eingespeist und im Hochsommer dient dieses System dann als Kühlung. Das spart 10.000 Liter Heizöl jährlich.

Blick in den frisch sanierten Kanalfang, wo der Abwasserkanal geteilt ist, damit bei großen Wassermengen mehrere Pumpen gleichzeitig das Wasser in die Höhe befördern können. Für feinen Nasen ist dieser Trakt nicht unbedingt zu empfehlen. Foto: StadtA – MA – ISG

Gewaltige 10.000 Liter Abwasser pro Sekunde kann das Werk verarbeiten, womit es an der Spitze der Mannheimer Abwasserhebewerke steht. Das Wasser wird einige Meter in die Höhe befördert, damit es dann seinen weiteren Weg in das Klärwerk am Rhein nördlich von Sandhofen nehmen kann. Dort durchläuft es innerhalb von 24 Stunden vier Reinigungsstufen, bevor alles gesäubert und gefiltert in den Vorfluter Rhein geleitet wird.

Äußerst beruhigend für uns war zu erfahren, dass selbst bei einem Jahrhunderthochwasser oder einem Jahrhundertregen das MARCHIVUM nicht Gefahr läuft, dass größere Wassermengen in seine Magazine eindringen könnten. Mannheim hatte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Gewann Ochsenpferch ein großdimensioniertes, auf die Zukunft errichtetes Pumpwerk gebaut, um auch riesige Abwasser- und Regenmenge aufzunehmen, wobei mit Bevölkerungszahlen und Abwassermengen gerechnet wurde, die bis heute bei weitem nicht erreicht sind.

Entworfen und gebaut wurde das Gebäude von Stadtbaudirektor Richard Perrey, der unter anderem auch das Herschelbad, die alte Feuerwache, den Mitteltrakt des städtischen Klinikums und zahlreiche Schulgebäude errichtet hat, z.B. die Schule um den Wasserturm auf dem Luzenberg.

 

Harald Stockert, Alexander Mauritz, Christoph Popp, Uwe Schönmann, Sabine Pich und Andreas Schenk (v.l.n.r.) beim Fachsimpeln. Foto: StadtA MA – ISG

Es war eine spannende Führung, die uns der Chef der Stadtentwässerung Alexander Mauritz mit Kollegin Sabine Pich (Öffentlichkeitsarbeit) und Kollege Uwe Schönmann (Technik) geboten hat. Nach gut einer Stunde war unsere Führung zu Ende. Wir haben herzlich zu danken! Angedacht wurde, dass bei zukünftigen Archivfesten auch das Pumpwerk geöffnet wird, so dass BesucherInnen des Festes gleich zwei spannende Gebäude im Innern kennen lernen können.

Wer einmal selbst in einen alten Abwasserkanal steigen will, kann dies am jährlichen Weltwassertag tun, der am 22. März 2017 stattfindet. Dann öffnet die Stadtentwässerung den Fremdeinstieg in der Breiten Straße auf F 1.

Wer sich auf die Spuren von Richard Perrey begeben will, dem sei die dreistündige Radtour am 30. April 2017, ab 14.00 Uhr (Treffpunkt Wasserturm) empfohlen.Näheres unter www.rhein-neckar-industriekultur.de/content/mannheim-entdecken-richard-perrey.

 

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