Spannende Einblicke in Mannheims Unterwelt

Niemand kennt sich wohl in Mannheims unterirdischen Gefilden so gut aus wie Gerda Kirschner und Georg Seiberlich. Neben ihrer Tätigkeit als „Mannheim Greeter“ gewähren sie als MannheimTours interessante und ungewöhnliche Einblicke unter die Oberfläche der Stadt.

Georg Seiberlich und Gerda Kirschner von MannheimTours im Schlossbunker. Foto: Silvia Köhler

Ihre Führungen durch das unterirdische Mannheim sind oft ausgebucht. Die Geschichten und Informationen zu den Bauten und deren Historie werden wohl portioniert vermittelt; auf dem Weg von einer Station zur nächsten wird man nebenher auf ein Barock-Haus hingewiesen, oder auf die zwei schrägen Gassen („schiefe Gass‘“) inmitten der ansonsten gerade gehaltenen Quadratestadt. All dies geschieht rein ehrenamtlich.

Alte Maschinerie stellt einen großen Teil des noch vorhandenen Bunker-Inhaltes dar. Foto: Britta Hartmann

In einem Interview, das im Dezember 2016 stattgefunden hat, berichten die beiden von der Idee zu MannheimTours sowie kuriosen Entdeckungen, und gewähren einen Ausblick in die Zukunft ihrer speziellen Stadtführungen.

Seit wann gibt es MannheimTours, wie sind Sie auf die Idee gekommen, diese individuellen Stadtführungen sowie Bunker-Touren („Mannheim unterirdisch“) anzubieten bzw. was war Ihre Motivation?
Georg Seiberlich: Ich hatte vor ca. 3 Jahren die Idee, MannheimTours zu gründen, da wir über die Mannheim Greeter sehr viele Anfragen bekommen haben zu individuellen Stadtführungen, die kommerziell sein sollten und außerdem in Großgruppen; Mannheim Greeter bietet eher Führungen für Mikrogruppen von 2-3 Personen bzw. Touristen an. Das sind keine Stadtführungen im eigentlichen Sinne. Und es ging darum, das Thema „Mannheim unterirdisch“ zu entwickeln. Auf das unterirdische Thema sind wir inzwischen spezialisiert, und es macht 90% der Touren aus.
Gerda Kirschner: Das gibt es auch sonst nicht in Mannheim. Wir sind da, um es so zu sagen, exklusiv. Das macht uns Spaß und Freude. Die Leute interessieren spannende, unterirdische Orte, an die man normalerweise nicht hinkommt.

Dokumentarische Fotografien sind Teil der Bunker-Tour. Foto: Britta Hartmann

Was (und wann) war ihr erster Berührungspunkt mit Mannheims Bunkern?
GS: Ich bin am Pfalzplatz groß geworden, und habe von meinem Jugendzimmer aus auf den Eingang des Pfalzplatzbunkers geschaut. Das Thema Bunker hat mich schon als Jugendlicher interessiert, zumal mein Großvater nach dem Krieg Bunker und Baracken betreut hat; er war einer der Direktoren der Gemeinnützigen Baugesellschaft. Die haben früher die sog. Bunker und Baracken betreut, weil dort die Vertriebenen gewohnt haben, die Zwangsverschleppten und Alleinerziehenden.
Wir waren verbotenerweise Anfang der 70er Jahre im Pfalzplatzbunker – Die Tür war nicht richtig abgeschlossen, wir sind mit Gummistiefeln rein, heimlich. Das war hochgefährlich aus heutiger Sicht. Der Bunker war nicht beleuchtet, und es stand Brackwasser drin. Wir hatten kleine Funzeln, die nicht sonderlich hell waren, und haben uns auch oft im Bunker verlaufen.
GK: Wir haben in den Mannheimer Ruinen gespielt, das war quasi unser Spielplatz. Wenn ich im Nachhinein daran denke, war das brandgefährlich.
In den 70ern/80ern war ich in Metz als Simultanübersetzerin – das fällt mir jetzt grad ein! Da wurden Bunker der Maginot-Linie versteigert. Es gab Annoncen, und ein paar Interessenten aus Mannheim sprachen kein Französisch und haben mich gebeten, zu übersetzen.

Welche Bunker sind bzw. waren Teil der Führung „Mannheim unterirdisch“?
GK und GS: Der Tiefbunker in E6, der Luftschutzkeller der Keplerschule in K5, der Parkringbunker unter dem Gebäude der Rheinbauinspektion am Parkring, der sog. Schneckenbunker in A5, und der Zivilschutzbunker bzw. die Tiefgarage in D5.
GS: Unter N1 gibt es einen Zivilschutzbunker, der noch komplett eingerichtet ist. Wir hoffen, den Bunker im nächsten Jahr in die Tour aufnehmen zu können.

Vom Korridor aus geht es in diverse Räume. Foto: Britta Hartmann

Wie würden Sie das Gefühl beim ersten Betreten eines neu erschlossenen Bunkers beschreiben?
GK: Das war toll. E6 war sehr spannend.
GS: Ja, und im Grunde genommen konnte uns keiner sagen, was auf uns zukommt. Weder, ob im Bunker Wasser steht, ob das Licht funktioniert, oder was wir dort unten vorfinden. Die Verantwortlichen der Stadt wussten es schlichtweg nicht. Der Herr von der Feuerwehr, der bei der Begehung anwesend war, wusste es auch nicht, da er in dem Bunker noch nie war. Wir sind also runter gegangen und haben festgestellt, dass es trocken ist, und abgesehen von tausenden von Spinnen gab es kein Getier dort, wie z.B. Ratten oder Mäuse.

Teil der Belüftungsanlage des Tiefbunkers. Foto: Britta Hartmann

GK: Herr Seiberlich war rustikal ausgerichtet, mit Gummistiefeln bis hier oben, aber es war trocken, es roch nicht, wir waren total überrascht und fasziniert. Das Licht funktionierte auch. Wir bekamen die Info, dass ca. 17 Jahre keiner im Bunker gewesen war, da man anhand der Schlüsselausleihe wusste, wann der Bunker betreten wurde. 17 Jahre war der Schlüssel sozusagen nicht in Bewegung.
GS: Der Schlüssel für den Bunker wurde auch erst nicht gefunden. Es war wirklich ein ganz spannendes Gefühl, und je öfter man durch den Bunker geht, und je länger man drin bleibt, umso mehr entdeckt man an Details. Zum Beispiel eine Wandmalerei, oder auch kleine Emaille-Schilder. Man hat auch gleich gesehen, dass der Bunker an sich eine Geschichte hatte – Nach der NS-Zeit war er bewohnt, dort war eine Caritas-Unterkunft bis 1965. Die Zimmer bzw. Familienzellen wurden teilweise vermietet, und es gab dort unten auch einen Arzt.

Stalaktitenbildung an der Decke; an dieser Stelle wurde der Bunker getroffen. Foto: Britta Hartmann

Haben Sie in Mannheim einen Lieblingsbunker?
GS: Meiner ist der Neckarvorlandbunker (am MVV-Hochhaus, Anm. d. Red.). Er steht unter Denkmalschutz und ist ein sog. Kastellbunker. Da ich ein Architektur-Liebhaber bin, ist das mein Lieblingsbunker.
GK: Meiner auch. Rein optisch, denn rein kommen wir dort nicht.

Was war das Obskurste/Merkwürdigste, das Ihnen bisher bei Ihrer Arbeit mit MannheimTours begegnet ist?
GS: Die Entdeckung des unterirdischen Geheimgangs zwischen E6 und E5; davon wusste niemand. Bei einer unserer ersten Führungen dort fragte jemand ob es stimmt, dass dort ein unterirdischer Geheimgang ist. Und ich so: Nein, das wüsste ich, denn ich habe ja die Pläne. Und sowas ist nicht auf dem Grundriss-Plan eingezeichnet. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass im Putz Risse sind, in Form eines Tür-Umrisses. Mit jemandem von der Stadt haben wir dann im Rathaus (E5) das passende Gegenstück gesucht. Das war für mich eines der Highlights.

Umrisse einer Tür führten zur Entdeckung eines Geheimganges zum Rathaus in E5. Foto: Britta Hartmann

Das zweite war, als wir in E6 die Freske entdeckt haben.
GK: In einem Raum ist eine Wandmalerei, die übertüncht wurde, und nun bröckelt das so ein bisschen ab. Man erkennt schemenhaft eine menschliche Figur, man kann nicht genau sagen, ob es einen Ritter mit einem Drachen darstellt.
GS: Wir brauchen knapp 7000 Euro, um das von einer Restauratorin der Kunsthalle freilegen zu lassen. Da wir das Geld nicht haben, wäre es schön, wenn sich ein Spender finden ließe. Das ist eine ganz spannende Geschichte: Was verbirgt sich dort für ein Motiv hinter der geweißelten Wand?

Die Freske wartet auf ihre Freilegung – unten sind zwei Füße zu erkennen. Foto: Britta Hartmann

Was auch kurios war – beim Öffnen des Parkringbunkers haben wir festgestellt, dass er komplett phosphorisiert ist. Das wusste auch keiner, und als wir mit dem Hausmeister dort runter gegangen sind, ging das Licht nicht. Wir waren mit Taschenlampen unten. Erst ungefähr einen Monat später haben wir es bemerkt, da hatte der Hausmeister das Licht repariert. Wir haben eine normale Führung gemacht, und am Ende beim Ausschalten des Lichtes hat der Bunker geleuchtet. Wenn wir jetzt dort Führungen machen, schalten wir am Ende das Licht aus, das ist dann wie bei Harry Potter, es flimmert grünlich. 70 Jahre alter Phosphor ist hinter der Wandfarbe. Man kann auch mit der Taschenlampe Namen an die Wand schreiben. Und wenn vorher die Neonröhren an waren, kann man sich im Bunker komplett orientieren ohne Licht, es ist dank des Phosphors hell. Das ist wirklich sehenswert, denn andere Bunker haben nur Leuchtstreifen an den Wänden, und keine komplette Phosphorisierung.

Alte Technik, neuer Stromzähler. Foto: Britta Hartmann

Wie werden die Bunkerführungen von den Teilnehmenden angenommen?
GK: Wir bekommen sehr viel positives Feedback. Manche Leute nehmen auch mehrmals teil, und viele kommen von außerhalb. Wir sind gut ausgebucht.
GS: Es ist ein großes Interesse vorhanden, und es macht Spaß, den Leuten die Bauten zu zeigen. Die Leute melden sich ja an, weil das Thema „Mannheim unterirdisch“ sehr spannend ist. Es geht im Prinzip nicht nur um Bunker; architektonische unterirdische Zeitzeugen aus 400 Jahren Stadtgeschichte irgendwann in einer Führung zeigen zu können, das ist meine Vision. Dass wir einen Barock-Keller haben, eine Kasematte, einen Bunker – dass wir aus jeder Epoche etwas Unterirdisches zeigen können, ist eigentlich die ursprüngliche Idee gewesen. Mit den Bunkern sind wir bisher am weitesten, da wir hierbei vom OB Kurz unterstützt wurden.

Hier war einst eine riesige Batterie angeschlossen, im selben Raum befand sich auch ein Generator. Foto: Britta Hartmann

Welche Zielgruppen nehmen teil?
GS: Privatpersonen, Firmen, Institutionen, Verwaltungen, Vereine und Gruppen – gewerblich und privat. Vom Teilnehmeralter her reicht es von jungen Leuten und Studenten bis zu Zeitzeugen und Rentnern. Es ist interessant und auch schön, immer so eine gemischte Gruppe zu haben.
GK: Man denkt, das interessiert eher ältere, aber z.B. am Denkmalstag im September waren überwiegend junge Teilnehmer da.

Wie viele Personen dürfen teilnehmen?
GS und GK: 25.

Gegenüber der ehemaligen Energieversorgung befindet sich noch weitere Maschinerie. Foto: Britta Hartmann

Gibt es in Mannheim noch nutzbare Bunker?
GS: Es gibt noch ca. 30 Bunker aus der Kriegszeit, als Bunker nutzbar ist keiner. Manche wurden später zu Zivilschutzbunkern umgebaut, wie z.B. der Pfalzplatz- oder der Ochsenpferchbunker. Das Zivilschutzprogramm ist 2007 aufgegeben worden. Die Bunker waren im Besitz des Bundes und wurden bzw. werden entwidmet, d.h. der Stadt übergeben.

Teil der Belüftungsanlage – Ähnliches ist in Mannheim öfter zu entdecken, wenn man genau hinsieht. Foto: Britta Hartmann

Was können Sie uns noch zum Tiefbunker in E6 erzählen?
GS: Wir haben den Plan, den E6-Bunker als Museum/Denkmal zu nutzen bzw. auszubauen. Dazu haben wir eine Freigabe vom OB. Wir wollen u.a. eine Familienzelle und die Bunkerküche einrichten, und Exponate in Vitrinen ausstellen, wie z.B. eine Bunkerapotheke, die ich geschenkt bekommen habe.

Eine „Luftschutz Hausapotheke“ ist Teil der Ausstellung. Foto: Britta Hartmann

Spannend war der Denkmalstag im September, organisiert von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in Bonn. Der Bunker in E6 war eines der meistbesuchten Denkmäler, da kamen 400 Besucher, die wir in abgezählten Gruppen durchgeführt haben. Die Leute standen Schlange. Wir waren zu fünft, doch wir sind nicht mal dazu gekommen, unsere Pausenbrote zu essen. Aber wir konnten nicht aufhören! Sonst wäre der Stau noch länger geworden. Nächstes Jahr sind wir mehr Leute und organisieren das ein bisschen anders.
GK: Wir wollten die Besucher nicht einfach nur durchlaufen lassen, sondern auch etwas zum Bunker erzählen.

Ein- und Ausstieg des E6-Tiefbunkers. Foto: Britta Hartmann

Gibt es Pläne für das Jahr 2017, bzw. was wünschen Sie sich für die Zukunft von „Mannheim unterirdisch“?
GK: Noch 2-3 Gästeführer dazu holen, einen Barock-Keller ins Programm aufnehmen, die Freilegung der Freske in E6, Zugang zum Zivilschutzbunker in N1…
GS: …Zugang zur Kasematte in L5, das ist ein Wehrgang aus dem 17. Jahrhundert. Und, wenn es möglich ist, hätten wir gerne Zugang zum Flakbunker auf der Schafweide. Das ist die Idee – dass wir das Portfolio erweitern können, in Richtung 400 Jahre Mannheim, und dass wir Verstärkung brauchen.

 

Vielen Dank an MannheimTours für das ausführliche Interview.

Kommentare

  1. Liebe Frau Hartmann,
    Ihr Beitrag bzw. Interview „Spannende Einblicke in Mannheims Unterwelt“ hat mir sehr gut gefallen. Bei so einer Führung werde ich auch mal dabei sein! Ich denke aber die Kasematte in L5 ist aus dem 18. Jahrhundert als Oberstadt und Festungsring nach dem Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-1697) ab ca.1709 wieder aufgebaut wurde.
    Viele Grüße
    Marco Otto

Kommentieren