Wärme fürs Marchivum – Teil 2

In der Woche vor Ostern wurden die Wärmetauscher für die innovative Heiztechnik des Marchivum im Kanal vor dem Gebäude eingebaut.

Wir hatten im Oktober 2016 schon über den ersten Bauabschnitt berichtet. Das Marchivum wird seine Wärme zu 60% aus Mannheims Abwasser beziehen, das auf dem Weg zum Pumpwerk Ochsenpferch in einem großen Kanal direkt am Gebäude vorbeifließt. Dabei wird die thermische Energie aus dem warmen Abwasser entzogen und über eine Wärmepumpe an das Heizsystem im Gebäude weiter gegeben.

Die Nutzung von Abwasser zum Heizen ist für Mannheim nicht neu, denn das denkmalgeschützte Pumpwerk Ochsenpferch und auch das neue Gebäude der Stadtentwässerung Mannheim in der Käfertaler Straße werden bereits so geheizt bzw. gekühlt.

Montage der Wärmetauscher auf dem Kanalboden. Foto: Silvia Köhler

Was für Aussenstehende aufregend erscheint, ist für Christian Bechler und seine Mitarbeiter eher Alltagsgeschäft. Anlagen wie diese vor dem Bunker, baut die Firma Uhrig acht bis zehnmal im Jahr. Trotzdem gibt er im Gespräch zu, dass jeder Einstieg in den Kanal auch immer wieder spannend ist. Und vor allem bei der Vorbereitung gibt es einen sehr hohen Planungs- und Koordinationsaufwand. Viele verschiedene Stellen müssen für so ein Projekt eingebunden werden. Aber in Mannheim sei das super organisiert gewesen.

Stundengenau geplant: Jedem sind klare Aufgaben zugewiesen …. Foto: Silvia Köhler

Der Plan für den Einbau von Projektleiter Marcus Schäffner von der GBG, legte für die Woche stündlich fest, wer welche Aufgaben hat: von der Einrichtung der Baustelle und Straßensperrung, der Materialanlieferung, der Kanalreinigung bis hin zur Abnahme.

Bereits am Freitag vorher hatte das Team der Stadtentwässerung den Kanal an der Stelle Dammstraße / Ecke Alphornstraße mit dem im Oktober gebauten Sperrsystem abgesperrt.

Der Steg, der letzten Herbst am Kanaleinstieg Dammstraße eingebaut wurde. Damit ist es möglich die Sperrbalken einzusetzen und den Kanal zu sperren. Foto: Stadtentwässerung Mannheim

Für die Zeit der Montage floß das Abwasser über einen Bypass parallel ab und wurde vor dem Bunker in einen anderen Abwasserkanal umgeleitet. Zusätzlich wurde am Einstieg Dammstraße ein Sensor inklusive Stromaggregat zur Pegelüberwachung eingebaut, der ständig die Höhe des Abwassers maß und sofort Signal an Bechler und seine Kollegen gab, falls der Pegel überschritten würde.

Ein Sicherungsposten überwachte die ganze Woche vor Ort das Strömungsverhalten im Kanal und stieg mehrmals am Tag nach unten.  Und auch im Pumpwerk Ochsenpferch überwachte ein Mitarbeiter das Kanalsystem ständig über Monitore.

So funktioniert die Kanalabsperrung mit den Sperrbalken. Foto: Stadtentwässerung Mannheim

Was man bei einem solchen Projekt allerdings nicht genau planen konnte, war das Wetter. Starker Regen und den damit verbundenen hohen Wasserstand im Kanal hätten das Aus für den Einbau bedeutet. Aber das Wetter war in dieser Woche einfach perfekt.

22 Meter lang ist die Strecke der Wärmetauscher, die auf dem Boden des Kanals direkt vor dem Gebäude in 44 Einzelmodule eingebaut und über ein faserverstärktes Polyethylenrohr an eine Wärmepumpe im Gebäude angeschlossen wurde.

So sehen die eingebauten Wärmetauscher im Kanal aus. Foto: Fa. Uhrig

Die Wärmetauscher produziert die Firma Uhrig selbst. Verwendet wird Material, das seit vielen Jahren in Kläranlagen eingesetzt wird. Es ist sehr hochwertig und äußerst robust, denn es muss viele Jahre überstehen und auch die Zusammensetzung des Abwassers aushalten, das in jeder Stadt anders ist. Daher macht die Firma Uhrig vor den meisten Projekten eine genaue Analyse des Abwassers.

So sieht der Wärmetauscher aus. Foto: Fa. Uhrig

Ich frage Herrn Bechler nach dem sogen. „Sielhaut-Effekt“ – ob das nicht die Leistung der Anlage verringert. Die Ablagerungen aus dem Abwasser auf den Wärmetauschern sei kein Problem, versichert er mir. Die Anlage ist genau aus diesem Grund ca. 40% höher als benötigt ausgelegt, damit man wirklich auf der sicheren Seite sei.

Es muss auch kein Mitarbeiter regelmäßig in den Kanal steigen und die Wärmetauscher von Hand reinigen. Es reicht, wenn der Kanal und damit auch die Oberfläche der Wärmetauscher alle zwei Jahre mit einem Spülfahrzeug gereinigt werden. Die Fa. Uhrig geht von einer Nutzungsdauer der Wärmetauscher von ca. 50 Jahren aus.

Die Firma Uhrig sitzt seit 50 Jahren in Geisingen (Schwarzwald/ Bahr-Kreis). Es sind Bauingenieure, die sich auf Spezialtiefbau, Anlagenbau und mechanische Kanalreinigungssystem spezialisiert haben. Einleuchtend, das in diesem Umfeld irgendwann die Idee entstand, die Wärme aus dem Abwasser zu nutzen. Vor allem, weil für Uhrig das Thema „Umweltschutz“ bei all ihren Produkten im Vordergrund steht.

Die Technik, aus Abwasser Wärme zu gewinnen, gibt es schon seit den 1980er Jahren. Die Uhrig hat mit der Produktpalette „Thermliner“ ein modulares System für Kanalwärmetauscher entwickelt, mit dem sie seit 2006 auf dem Markt vertreten ist.

Die Systeme werden weltweit eingebaut. Seit 2007 wird mit der Wärme aus Abwasser zum Beispiel der Elysée Palast in Paris beheizt, für die Firma Uhrig war dies bereits die achte Anlage in Paris.

Können auch normale Haushalte Wärme aus Abwasser gewinne nutzen, frage ich Herrn Bechler. Eigentlich ja meint er, vor allem bei einem Mehrfamilienhaus macht das Sinn. Man muss aber schon etwas auf die Wirtschaftlichkeit einer solchen Anlage schauen. Damit man solch eine Technik nutzen kann, benötigt man Abwasser vom mindestens 5.000 Einwohner auf einen Kanal. Das ist so die unterste Grenze, bei der sich diese Technik noch rentiert.

Und sein ungewöhnlichstes Einbauprojekt? Da muss er nicht lange überlegen: Das war der Einbau von Wärmetauschern in einem nicht begehbaren Kanal in Kirchheim/Teck, der nur einen Durchmesser von 70 cm hatte. Da übernahm ein von Uhrig eigens entwickelter, modifizierter Kanalsanierungsroboter, ferngesteuert, den Einbau.

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