Der Mannheimer Schlossbunker als Kunstort

1995 wurde das erste Mal in Mannheim ein Bunker zum Ausstellungsort. Ein Gespräch mit Karl Schwarzenberg über die interessante Verbindung von Kunst und Bunker.

Der Mannheimer Künstler Karl Schwarzenberg stellte unter anderem schon im Tiefbunker unter dem Ehrenhof des Mannheimer Schlosses und im Hochbunker Köln-Ehrenfeld aus und hat somit bereits Erfahrungen mit Bunkern als Ort der Kunst gesammelt. 1995 zeigte er in einer Ausstellung im Schlossbunker Mannheim seinen Bilderzyklus „Lufttraum“.

Arbeit „runway zero niner“, 1994. Foto: K. Schwarzenberg

Die gleichnamige Ausstellung wurde am 8. Mai 1995 eröffnet. Dieser Tag markierte den 50. Jahrestag des Kriegsendes und der damit zusammenhängenden Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und fand in den Medien dementsprechend viel Beachtung. Zum 50. Jahrestag zeigte Schwarzenberg im Schlossbunker 50 Werke, von denen jeweils ein Werk in je einer Parzelle  des Bunkers gezeigt wurde. Die Bilder zeigen Start- und Landebahnen für Flugzeuge, Flugsituationen sowie Schutz- und Bunkerräume und ziehen besonders durch ihre kalte, bedrohliche Atmosphäre in ihren Bann.

Inwiefern der Bunker selbst zur Wirkung der Bilder beitragen konnte und wie das ganze bei den Besuchern ankam, erzählte uns Karl Schwarzenberg in einem Interview:

Marchivum: Sie haben bereits öfters Ihre Kunst in Bunkern ausgestellt, wie beispielsweise im Schlossbunker Mannheim und im Hochbunker Köln-Ehrenfeld. Wie kam es überhaupt dazu, in Bunkern auszustellen und weshalb wurde schon häufiger ein Bunker als Ausstellungsort gewählt?

Schwarzenberg: Die Idee kam daher, dass ich Leute vom Industrietempel, eine Mannheimer Kulturinstitution, die für ihre Veranstaltungen außergewöhnliche Orte suchen, kannte. Der Industrietempel  hat sozusagen den Schlossbunker für sich an Land gezogen und hat dort zuvor auch schon eine Aktion gemacht. Der Ort war quasi da und dann hat sich das Thema des 50. Jahrestages des Kriegsendes ergeben. Ich fand, dass das ein sehr spannender Ort für eine solche Ausstellung sein könnte. So kam es schließlich dazu.

M: Finden Sie dass die Kunst in den Bunkern eine andere Wirkung hat als in anderen Ausstellungsräumen?

S: Ja, ohne Zweifel. Die Räumlichkeit ist ganz anders und die Wahrnehmung der Ausstellung eine andere. Es ist ja auch eine sehr bedrückende Umgebung. Und wenn man dann noch eine Ausstellung zum Thema „Jahrestag des Kriegsendes“ macht und den Schrecken des Krieges in diesen Räumen ein wenig besser nachvollziehen kann, auch wenn man den Krieg nicht selbst erlebt hat, dann ist das eine besondere Atmosphäre und Situation.

M: Waren Ihre Ausstellungen in Bunkern alle speziell für den jeweiligen Bunker konzipiert?

Arbeit „Schutzraum“. Foto: K. Schwarzenberg

S: Die Ausstellung „Luftraum“ habe ich speziell für den Schlossbunker und für diesen Jahrestag damals gemacht. Es war ein Bilderzyklus, der genau zu diesem Zweck entstanden ist und es sind hierbei keine anderen Bilder gezeigt worden. Ein Auszug aus dieser Ausstellung ist dann ein paar Monate später im Hochbunker in Köln-Ehrenfeld gezeigt worden.

M: Das war dann aber vermutlich noch nicht Ihre numerische Kunst?

S: Teilweise. Ich habe mit der Numerischen Kunst im Grunde ein bis zwei Jahre vorher angefangen und diese Numerik ist sozusagen in den  „Luftraum“-Bildern auch enthalten, indem solch eine Ziffernreihe quasi am Horizont erscheint. Die Wiederholung des immer Gleichen in der Ziffernreihe stellt diese Bilder in einen überhistorischen Kontext. Krieg und Bombardierungen sind heute leider genauso aktuell, wie damals. Aber motivlich geht es auch um etwas anderes.

Im Grunde spielte die Ausstellung damals mit der Dialektik zwischen dem Fliegen und dem Eingegrabensein in der Erde. Es sind einerseits  Start- und Landebahnen zu sehen auf ganz tristen Landschaften. Sehr reduziert, fast wie computerspielartige Designs sind die Arbeiten aufgebaut. Im Gegenzug dazu sind auf den Bildern auch Schutz- und Bunkerräume zu sehen, die das Eingegrabensein in der Erde signalisieren. Der zweite Weltkrieg war der erste große Bombenkrieg, in dem die Bevölkerung zu leiden hatte und deshalb habe ich versucht, mich dem Thema auf diese Weise zu nähern.

M: Wie war die Rezeption hierzu? Gab es andere Rezensionen in den Ausstellungen im Bunker als bei anderen Ausstellungen?

S: Ja die Rezeption war schon anders. Meine numerische Kunst beispielsweise wird häufig nicht verstanden oder sie wird als eine zeitgemäße künstlerische Ausdrucksform positiv wahrgenommen. Da bekomme ich viele anerkennende Rückmeldungen. Bei der Bunkerausstellung war das Spektrum ganz anders.

Arbeit „temporary reserved airspace“, Foto: K. Schwarzenberg

Viele Besucher zeigten sich sehr berührt oder betroffen durch den Gesamteindruck. Andere erkannten die Bedeutung und die historische Dimension und würdigten die Realisierung der Ausstellung zu dem Datum an diesem Ort. Manche kamen vielleicht auch nicht in erster Linie wegen der Kunst, sondern sie nutzten die Möglichkeit, so einen Bunker mal von innen zu sehen, da diese Bunker zu dieser Zeit nicht ohne weiteres begehbar waren. Heute ist das ein bisschen anders.

M: Der Bunker wurde somit also auch selbst zum Ausstellungsobjekt

S: Ja, der Bunker unter dem Schloss beispielsweise ist ja riesig. Das sind über 2.000 m² in kleine einzelne Zellen geteilt, durchzogen von vier Verbindungsgängen. Die Decken sind sehr flach und niedrig. Es gleicht einem Labyrinth. Die ganze Atmosphäre ist wirklich enorm bedrückend.

M: Abschließend kann man schon sagen, dass der Bunker mit seiner Geschichte die darin ausgestellte Kunst sehr beeinflusst?

S: Ja, und eben auch unterstreicht. Ich bin zu der inhaltlichen Thematik auch erst dadurch gekommen, dass ich diesen Ausstellungsraum zur Verfügung hatte. Der Raum war quasi zuerst da und dann kam die Frage „Wie gehe ich mit dem Thema um“? Und dabei hat auch eine Rolle gespielt, dass ich selbst zu dieser Zeit geflogen bin als Segelflieger und „Hobbypilot“. Da war es für mich naheliegend, die Thematik des Fliegens zu mit einzubringen.

Wir bedanken uns bei Karl Schwarzenberg für das interessante Interview!

Weitere Information zu Karl Schwarzenberg finden sie hier.

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