Ein Stolperstein für die Forschung

Am Wochenende gab es auch eine Führung zu den Stolpersteinen in der Neckarstadt West.

Schulabbruch, Arbeitslosigkeit und Landstreichertum, danach Eintritt in die französische Fremdenlegion und Anwerbung durch den französischen Geheimdienst für Spionagetätigkeiten gegen die Nationalsozialisten. Was hier wie die schlagpunktartige Geschichte einer der unzähligen Agentenfilme über den Zweiten Weltkrieg klingt, spielte sich tatsächlich und nahe der eigenen Haustür ab.

Seinen Ursprung nahm dieser so durch Orientierungslosigkeit bestechende Lebenslauf in der Neckarstadt-West. 1943 wurde Richard Zembsch im Alter von 29 Jahren schließlich wegen „Landesverrats“ im Gefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Hier kam es 1935 zu einer Hausdurchsuchung bei der KPD-Abzeichen in einer Wanduhr gefunden wurden. Der Wohnungseigentümer, Friedrich Dürr, wurde daraufhin verschleppt. 1945 wurde er ermordet. Foto: Leon Igel

Ein sogenannter „Stolperstein“ vor seinem alten Wohnhaus in der Neckarstadt-West in der Schimperstraße soll an sein Schicksal erinnern.

Stolpersteine sind kleine vergoldete Messingtafeln des Kölner Künstlers Gunter Demnig, die an die Opfer der NS-Zeit und deren individuelle Geschichte erinnern, und wer sich aufmerksam durch die Stadt bewegt, der sieht ihr Gold oft glänzen. „In Mannheim gibt es bisher circa 120 Stolpersteine, wobei in Mannheim alle Opfergruppen gewürdigt werden und nicht nur vorrangig Juden, wie in anderen Städten“, sagt Hans-Joachim Hirsch.

Missgunst und Gewalt in der Neckarstadt

Der Spezialist für NS-Geschichte arbeitete am Stadtarchiv Mannheim, doch auch im Ruhestand kann er von der Geschichte nicht lassen.

Hans-Joachim Hirsch führt Interessierte durch die Neckarstadt-West. Auf dem Foto in seiner Hand ist links Richard Zembsch zu sehen. Foto: Leon Igel

Heute engagiert er sich unter anderem im Verein „Geschichtswerkstatt Neckarstadt“ und führt regelmäßig Gruppen durch die Neckarstadt um auf Schicksale wie das des orientierungslosen Jugendlichen Richard Zembsch aufmerksam zu machen, der den sich überschlagenden Ereignissen seiner Zeit zum Opfer fiel. „Das ist Herzblut, was ich ihnen heute erzählen werde“, sagt Hirsch zu Beginn seiner Führungen, aber auch, dass die 12 Jahre NS-Geschichte in Mannheim noch nicht so aufgearbeitet worden seien, wie er sich das wünschte.

„Man sagt der Neckarstadt nach, dass es dort als Arbeiterviertel keine Nazis gegeben hätte. Das ist heute widerlegt“, erzählt Hirsch. Hirsch vergleicht diese Annahme mit einen Stolperstein für die Forschung, über den jahrelang hinweggegangen wurde. Doch heute muss über den niemand mehr stolpern. In seinen Führungen durch die Neckarstadt wird das deutlich, denn diese gehen entlang der vielen individuellen Stolpersteine und ihren Geschichten und zeigen, dass es in der Neckarstadt sehr wohl zu Missgunst und Gewalt durch überzeugte, ansässige Nationalsozialisten kam.

Da geht es beispielsweise um eine Messerstecherei zwischen drei SA-Männern und Arbeitern auf der Mittelstraße, eine Hausdurchsuchung durch die Gestapo bei der KPD-Parteiabzeichen in einer Wanduhr gefunden wurden oder um einen verbotenen Besuch eines Juden im Volksbad, der mit einer Anzeige durch einen nicht-jüdischen Neckarstädter endete.

Patenschaften für Stolpersteine

Das Ausmaß des unmenschlichen Handels der Nationalsozialisten in Mannheim zeigen diese individuellen Geschichten und werden auch in Zahlen deutlich, die Hirsch in seinen Führungen durch die Neckarstadt gibt: So sei eine Liste von 450 Mannheimer Opfern aus dem KZ Dachau bekannt oder beispielsweise jene Zahl, dass zwischen 500 und 1000 Mannheimer Opfern heute keine individuelle Geschichte mehr zuordenbar sei. „Viele Menschen sind regelrecht von der Bildfläche verschwunden. Nicht wenige Familien aus Mannheim stellen jetzt erst fest, dass sie Angehörige haben, die den Nazis zum Opfer gefallen sind“, sagt Hirsch.

Stolpersteine sind in die Bürgersteige eingelassen. Hier erinnert der Stolperstein an Chaim Awstreich, der 1942 in Auschwitz ermordet wurde. Foto: leon Igel

Die Aufarbeitung von individuellen Schicksalen ist auch im Hinblick auf eine stadtbezogene Erinnerungskultur eine wichtige Aufgabe, denn nur so kann Erinnerung an Vergangenes und Unvorstellbares greifbar werden. „Das ist auch eine große Aufgabe für Mannheimer Schulen“, so Hirsch. Beispielsweise können Schulklassen Patenschaften für Stolpersteine übernehmen: „Dabei geht es nicht um die Übernahme der Kosten, sondern um die Möglichkeit für die Kinder, sich mit den individuellen Geschichten hinter den Stolpersteinen beschäftigen zu können.“

In seinen Erfahrungen mit der Jugendarbeit habe er erlebt, dass sich Jugendliche stark damit identifizieren können. Auch Erwachsene können Patenschaften für einen Stolperstein übernehmen und sich in einer Arbeitsgruppe dazu engagieren, Anlaufpunkt hierfür bietet die Geschichtswerkstatt.

Der orientierungslose Jugendliche und französische Spion Richard Zembsch ist heute im „Ehrenbuch der Opfer von Berlin-Plötzensee“ für seine Tätigkeiten gegen das Hitler-Regime gelistet. Ein goldener Stolperstein vor seiner ehemaligen Haustür in der Neckarstadt ist da nur eine Konsequenz.

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