Ein vermeidbares Unglück? – Die Feudenheimer Bunkerkatastrophe im September 1944

Am Freitag dem 25. September 1944 starben in Feudenheim am Bunker bei einer Massenpanik über 30 Menschen.

Gegen 21:27 Uhr kündigten die Sirenen, wie bereits am Vormittag des gleichen Tages, einen weiteren alliierten Fliegerangriff auf Mannheim an. In sämtlichen Stadtteilen, auch im Vorort Feudenheim, strömten die Menschen in Richtung der Luftschutzbunker, von denen sie sich eine sichere Zufluchtsstätte versprachen. Die Bevölkerung hatte noch nicht einmal die Hälfte des Fluchtweges zurückgelegt, als die ersten Flieger bereits die sogenannten Tannenbäume, Vorboten des nahenden Bombardements, abwarfen.

Panische Angst brach unter den Menschen am Eingang der Feudenheimer Bunkeranlage aus. Sie drängten in die Bunkereingänge. An den Eingängen führte diese Angst zu einer Massenpanik, die ein verheerendes Unglück auslöste. Durch das Gedränge der Schutzsuchenden stürzten zahlreiche Bürger, die nun von den nachströmenden Menschenmassen überrannt und zu Tode gequetscht wurden.

Blick auf den Feuenheim Bunker, 1944. Foto: StadtA MA – ISG

Nach Angaben des Polizeipräsidenten starben bei dem Unglück 39 Menschen, darunter viele Frauen und einige Kinder: Das jüngste Opfer, Günther Schnemann, war gerade drei Jahre alt, 70 Menschen wurden verletzt, 50 davon schwerwiegend.
In den Akten des Stadtarchivs sind allerdings nur 38, vom Polizeipräsidenten persönlich ausgestellte, Sterbeurkunden auffindbar.

Das Tragische an diesem Unglück: Bei dem Luftangriff wurden zwar diverse Stadtteile bombardiert, aber über Feudenheim selbst wurde keine einzige Bombe abgeworfen.

Wie bei jeder menschlichen Tragödie stellte sich die Frage nach den Ursachen für deren Entstehung. War die Feudenheimer Bunkerkatastrophe möglicherweise vorhersehbar gewesen und hätte somit verhindert werden können?

Ursachenforschung

Bereits kurz nach der Katastrophe nahmen die polizeilichen Behörden die Ermittlungen auf, um die Ursache des Unglücks zu rekonstruieren. Die Beamten der Kriminaldienststelle Mannheim kamen dabei zu der Erkenntnis, dass für den Tathergang „allein die Aufregung der in den Bunker strömenden Menschen“ verantwortlich gewesen ist. Jegliches Fremdverschulden von öffentlichen Institutionen oder Mitarbeitern wurde somit ausgeschlossen.

Auch der Mannheimer Polizeipräsident, der in Personalunion die Funktion des örtlichen Luftschutzleiters ausübte, schloss sich in seinem Bericht diesem Urteil grundsätzlich an.

Allerdings enthält der Bericht des Polizeipräsident einen interessanten Hinweis, der im Dokument der Kriminaldienststelle fehlt: Der Polizeipräsident verweist darauf, dass vor dem Angriff keine öffentliche Luftwarnung erfolgte, sondern gleich der Hauptalarm einsetzte. Dieser Umstand bedeutete, dass der Bevölkerung bis zum Beginn des Angriffs nur ein verkürzter Zeitraum blieb, um sich vor den Bomben in Sicherheit zu bringen. Durch diese Tatsache, sowie den Abwurf der sogenannten Tannenbäume wäre die Bevölkerung daher derart verunsichert worden, sodass die Massenpanik vor dem Feudenheimer Bunker eine tragische Konsequenz gewesen sei.

Der Bericht des Polizeipräsidenten ist insofern bemerkenswert, da hier implizit auf ein Versagen der öffentlichen Behörden referiert wird.

Doch es gibt noch einen weiteren Hinweis darauf, dass öffentliche Institutionen eine Mitschuld an dem Unglück hatten. So beschwerte sich der Stadtrat Neckarmann, ein Vertreter der Baupolizei, beim NS-Oberbürgermeister Renninger darüber, dass seine Ermittlungen zum Bunkerunglück durch den Oberbaudirektor Josef Zizler behindert würden. Nur unter schwersten Umständen wäre es für ihn möglich gewesen, ein Gutachten zu erstellen, in dem er bauliche Mängel am Bunkerkomplex festhielt. Diese Mängel, so Neckarmanns Einschätzung, bestünden vor allem in den Haupteingängen des Bunkers, deren „nur 80cm breite Engpaß“ eine architektonische Fehlkonstruktion darstelle.

Angesichts von Neckarmanns Behauptungen drängt sich somit die Frage auf, ob das Bunkerunglück vermeidbar gewesen ist.

Ein vorhersehbares Unglück?

Bereits am 9. Februar 1944, mehr als ein halbes Jahr vor der Katastrophe, erreichte ein Schreiben eines besorgten Bürgers das Mannheimer Rathaus sowie das Polizeipräsidium. In diesem Schreiben beanstandete der Feudenheimer P. Weicker mangelnde Sicherheitsvorkehrung am Feudenheimer Bunkerkomplex, wobei er explizit den zu eng gebauten Eingang erwähnte. Die städtischen Behörden teilten Weickers Einschätzungen offenbar nicht, denn das städtische Hochbauamt versicherte ihm, dass „die 8 Eingänge am Bunker Aubuckel selbst für den stärksten Andrang genügen.“

Feudenheim Bunker beim Bau im Februar 1941. Foto: StadtA MA – ISG

Erstaunlicherweise waren die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen am Aubuckel-Bunker kein Einzelfall: Interne Dokumente des Polizeipräsidenten zeugen davon, dass bereits im Oktober 1943 an diversen Bunkern erhebliche Mängel festgestellt wurden.

Nicht weniger interessant ist der Umgang der lokalen NS-Presse mit dem Bunkerunglück. Denn in dem NS-Organ Hakenkreuzbanner ist kein größerer Artikel auffindbar, in dem die Feudenheimer Geschehnisse objektiv aufgearbeitet wurden. Dem aufmerksamen Leser dürfte aber damals nicht entgangen sein, dass in den Wochen nach dem Unglück die Bestattungen auf dem Feudenheimer Friedhof zunahmen. Und sicher war das Unglück allgemeines Tagesgespräch in Feudenheim un Mannheim. Könnte die NS-Presse das Unglück absichtlich nicht thematisiert haben, um den Fragen nach einer eigenen Mitschuld auszuweichen und die Bevölkerung nicht weiter zu verunsichern?

Angesichts der dargelegten Faktenlage drängt sich der Eindruck auf, dass die Feudenheimer Bunkerkatastrophe auch auf das Versagen der öffentlichen Behörden zurückzuführen war und  durchaus hätte verhindert werden können.

Gedenken an die Opfer

Die meisten Opfer der Katastrophe fanden auf dem Feudenheimer Friedhof ihre letzte Ruhestätte. Hier erinnern granitene Steinplatten, die mit den Namen der Toten verziert sind, an den Ausgang jener verhängnisvollen Septembernacht des Jahres 1944.

Zudem wurde im Jahr 1959 auf dem Mannheimer Hauptfriedhof ein Ehrenfeld errichtet, um sämtlichen Opfern des Luftkrieges zu gedenken. Auf dem Hauptfriedhof befindet sich ebenso das Grab des dreijährigen Günther Schnemann, der zu den Opfern des Unglücks gehörte.

Ehrendenkmal für alle Opfer des Luftkriegs am Hauptfriedhof Mannheim. Foto: Friedhöfe Mannheim

Dennoch scheinen sich, zumindest außerhalb von Feudenheim, die Geschehnisse des 25.09.1944 lange Zeit nicht im kollektiven Gedächtnis der Stadt Mannheim manifestiert zu haben. Dass der Feudenheimer Bunkerkatastrophe heutzutage jedoch eine größere Aufmerksamkeit gewidmet wird, liegt vor allem an der ehemaligen Bezirksbeirätin Elisabeth Weiß. Durch Frau Weiß´ Engagement wurde unmittelbar neben dem Hochbunker eine Gedenkstele errichtet, um zukünftige Generationen an die Opfer des Unglücks zu erinnern. Die Einweihung der Stele erfolgte zum 64. Jahrestag der Katastrophe (25.09.2008), wobei der Gedenkstein genau zu jener Stunde enthüllt wurde, als sich vor 64 Jahren das Unglück ereignete.

Wir bedanken uns bei Herrn Dieter Kern und Frau Elisabeth Weiß für die Informationen  bei der Recherche!
Quellen:

Stadtarchiv Mannheim: Bildsammlung, Plansammlung, Akten.

Altmann, Christina: Es war einmal in Feudenheim, Mannheim 2010.

Bürgergemeinschaft e. V. Mannheim-Feudenheim: 1250 Jahre Feudenheim, Mannheim 2016.

 

Kommentare

  1. Fast immer, wenn etwas Tragisches passiert (z. B. Breitscheidplatz oder Hochhausbrand sowie etliche weitere Beispiele) erfährt man hinterher, dass das Unglück sehr wahrscheinlich hätte verhindert werden können (rechtzeitige Ingewahrsamnahme des späteren Attentäters feuerpolizeiliche Brandschutzmaßnahmen…). So war es ja auch bei der Panik am Feudenheimer Bunker! 80 cm breite Eingangstüren bei einem Bunker sind eine Fehlentscheidung sondergleichen! —
    Ich frage mich, wie die Verantwortlichen mit Ihrer Fehlentscheidung leben können.

Kommentieren