Bunkerpilze aus Bremen

Im letzten Jahr startete die Zuverdienst-Firma GiB in Bremen ihr neues Projekt.

Wir haben bereits über die Pilzzucht in Mannheimer Bunkern berichtet . In der Nachkriegszeit diente die Pilzzucht Kriegsversehrten als Arbeitsmöglichkeit mit einer psychotherapeutischen Komponente: Menschen, deren Erwerbsfähigkeit eingeschränkt ist, hilft es, wenn sie einer sinnvollen Tätigkeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten nachgehen können. Dieses Konzept ist also nicht neu, aber immer noch aktuell. Wir haben mit Michael Scheer, dem Geschäftsführer der Bremer GiB (Gesellschaft für integrative Beschäftigung mbH) gesprochen, der die Pilzzucht im Bunker durch ein ähnliches Projekt wiederaufleben lässt.

Die GiB ist ein gemeinnütziger sozialer Träger, der im Rahmen der Eingliederungshilfe nicht-erwerbsfähigen, geistig oder seelisch beeinträchtigten Menschen arbeitsmarktnahe Beschäftigungsmöglichkeiten bietet und ihnen auf diese Weise soziale Teilhabe ermöglicht. Zu den Einsatzorten gehört die Gemüsewerft, auf der mitten im Bremer Stadtgebiet urbane Landwirtschaft betrieben wird.

Grünkohlanbau (‚Oldenburger Palmen‘) an den Flanken des Tiefbunkers. Es sind auch zwei Lüftungsschächte zu erkennen. Foto: Gemüsewerft Bremen

Neben einem angegliederten Gemeinschaftsgarten sorgen eine Vielzahl an Veranstaltungen für Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Ein eigener Gastronomiebetrieb, in dem die selbst produzierten Lebensmittel verarbeitet werden, befindet sich nur 700 Meter vom Anbauterrain entfernt. Das Team der Gemüsewerft besteht derzeit aus sieben Beschäftigten und einem Gärtner. Mit ihren insgesamt drei Zweckbetrieben erwirtschaftet die GiB einen Großteil ihrer Kosten durch eigene Erlöse. Dafür müssen sich ihre Dienstleistungen und Produkte mit denen gewerblicher Konkurrenten auf dem ersten Arbeitsmarkt messen lassen. Mit ihrer Leistungsbilanz rangiert die GiB unter den Top 10 der Zuverdienstbetriebe in Deutschland.

Hopfen auf dem Bunkerdach

Die Gemüsewerft bewirtschaftet zwei Flächen mit insgesamt ca. 6.000 m², auf dem Gemüse, Obst und Kräuter angebaut werden. Auf dem Terrain im Stadtteil Gröpelingen befindet sich ein Tiefbunker, der lange Zeit brachlag, und nur noch als Geocoaching-Hotspot Bedeutung fand.

Blick in den Bunker vor der Renovierung. Foto: Gemüsewerft Bremen

Aufgrund von Prostitution, Drogenkonsum und -handel auf dem Gelände musste der Bunker von der Liegenschaft versiegelt werden. 2014 hat das Team der GiB das Grundstück gepachtet und in Eigeninitiative saniert. Es dauerte anderthalb Jahre, bis der Bunker hergerichtet war. Dazu musste er zunächst von Wildwuchs und Baumwurzeln befreit werden. Nachdem dann 2015 finanzielle Hilfe durch die Stadt Bremen bewilligt war, konnten alle 16 Räume neu mit Strom versorgt und mit Notbeleuchtung ausgestattet werden.

Heute befindet sich direkt auf dem „Dach“ des Tiefbunkers eine Hopfenplantage, aus deren Ernte die Bremer Braumanufaktur Craft-Beer herstellt. Foto: Gemüsewerft Bremen

Auch als Eventlocation wird der 300 m² große Bunker regelmäßig genutzt – neben Brauseminaren und Grünkohlessen auch für künstlerische Veranstaltungen wie Videoprojektionen oder Performances – und immer gut besucht.

Herstellungsprozess in Handarbeit

Seit letztem Herbst werden dort nun auch Austernpilze gezüchtet. Dafür sind Bunker ideal geeignet. Das Klima ist leicht feucht und immer stabil bei 12-14 Grad.

Damit es nicht schimmelt, muss mit Hilfe der vorhandenen Belüftungsschächte und mit zusätzlicher Ventilation für Sauerstoffaustausch gesorgt werden. Der Pilzanbau erfolgt über das „Pritschenprinzip“: An den Deckenhaken, an denen früher Betten befestigt wurden, werden nun Säcke mit pasteurisiertem Stroh aufgehängt, in denen die Pilze heranreifen.

Ein Pilzsubstratsack wird am Pritschenhaken montiert. Foto: Gemüsewerft Bremen

Die Säcke enthalten 4 kg Substrat. Zur Pasteurisierung des Substrats wird das Stroh für mindestens 20 Minuten mit heißem Wasserdampf auf über 80 Grad erhitzt. Nach anschließender Zugabe des Myzels dauert es dann noch einmal 20 Tage, bis die Pilzfrucht beginnt über präparierte kleine Löcher aus dem Plastiksack herauszuwachsen.

Mit Hilfe von Zeitschaltuhren und LED-Beleuchtung werden die Pilze zwölf Stunden pro Tag beleuchtet. „Pilze sind nämlich doof“ scherzt Michael Scheer, „die merken den Unterschied zu Tageslicht nicht“.

Nach weiteren 14 Tagen kann geerntet werden. Die erste Probeernte aus einem einzigen Substratsack betrug 1,8 Kg Austernpilze. Derzeit wird nur ein Raum für den Anbau genutzt, die Infrastruktur ist aber schon für weitere zwei Räume ausgelegt. Bei einer hypothetischen Nutzung von 14 Räumen käme man auf 3,5 Tonnen Ertrag pro Jahr.

Die Ernte ist ganz einfach: Einfach die Pilze abschneiden. Foto: Gemüsewerft

Die komplette Pilzernte wird von zwei Abnehmern aus dem Gastronomiebereich aufgekauft, denn die Nachfrage nach regionalen Angeboten ist sehr hoch. Eine Kooperation mit Rewe lehnte Scheer jedoch ab. „Deren Abnehmermentalität war nicht passend“ sagt er. Der Umweltaspekt ist ein Ideal, dem er sich verpflichtet fühlt. Die Belieferung erfolgt deshalb auch nur im innerstädtischen Regionalbereich, um eine positive Ökobilanz aufrecht zu erhalten.

Weitere Infos auf www.gemüsewerft.de

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