Bunkerordnung – Theorie und Praxis

Wer durfte bei einem Luftangriff eigentlich in einen Luftschutzbunker und wer nicht? Und welche Regeln gab es dort  für einen Aufenthalt? Das ist heute nicht mehr einfach zusammenzutragen. Sven Kaulbarsch hat recherchiert.

Die Theorie

Gemäß den Vorstellungen der Nationalsozialisten konnten die Luftschutzbunker prinzipiell von jedem deutschen Volksgenossen aufgesucht werden. Dies bedeutete jedoch im Umkehrschluss, dass all denjenigen, die nicht Teil der sogenannten Volksgemeinschaft waren, der Zutritt zu einem Bunker untersagt war.

Somit waren insbesondere die jüdischen Mitbürger den alliierten Bombardements schutzlos ausgeliefert, da ihnen insbesondere durch die Nürnberger Rassengesetze von 1935 nach und nach sämtliche Rechte aberkannt wurden. Ebenso war auch den ausländischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern die Nutzung der Bunker untersagt.

Bezeichnenderweise galt diese Restriktion selbst für vermeintlich freiwillige Zivilarbeiter aus den Staaten, die eigentlich mit dem Dritten Reich verbündet waren: So war es in Mannheim sogar italienischen Zivilarbeitern untersagt, bei Fliegerangriffen einen Luftschutzbunker aufzusuchen. Im Gegensatz zu den jüdischen Bürgern war den oben genannten Bevölkerungsgruppen zwar zumindest das Aufsuchen eines öffentlichen Luftschutzraumes gestattet, doch ist dieser Umstand keineswegs positiv zu bewerten: Die für Ausländer bereitgestellten Schutzräume waren zuvor bereits durch Bombenangriffe zerstört und anschließend wieder instandgesetzt worden, wodurch in diesen Räumen vermutlich nicht einmal mehr ein Mindestschutz vorhanden war. Darüber hinaus boten öffentliche Luftschutzräume gegen die zunehmenden Bombenangriffe der Alliierten ohnehin keinen nennenswerten Schutz.

An der Zugangskarte sieht man sehr deutlich, dass es keine zentralen Vorlagen gab – diese Karte ist per Hand erstellt – und die Partei und nicht die Stadtverwaltung vergab die Zutrittskarten. Aus dem Nachlass der Fam. Ulrich im Stadtarchiv MA. Foto: SK

Obwohl die Luftschutzbunker somit generell der deutschen Bevölkerung vorbehalten waren, gab es auch innerhalb der Volksgemeinschaft gewisse Differenzierungen: Die in den Bunkern vorhandenen Zellen, die als Schlafunterkunft fungierten, durften nur von denjenigen Volksgenossen genutzt werden, die über eine spezielle Zulassungskarte verfügten. Wer diese LS-Bunkerkarte besaß, hatte im Angriffsfall somit die Garantie auf einen Schutzplatz in dem ihm zugewiesen Bunker.

Mit einer Bunkerkarte war jedoch noch ein weiteres Privileg verbunden: Die Inhaber einer Zulassungskarte sollten auch stets in ihren Bunkerzellen übernachten. Dies hatte den Vorteil, dass sich viele Familien bei einem überraschenden Nachtangriff bereits im sicheren Bunker befanden und diesen nicht erst aufsuchen mussten. Den Mannheimer Ratsprotokollen zufolge nutzen viele Familien dieses Privileg tatsächlich und hatten ihre Zellen bei Fliegeralarm verschlossen, um unter sich zu bleiben.

Da die restliche Bevölkerung faktisch somit lediglich einen nachrangigen Anspruch auf einen Schutzplatz hatte, offenbart sich auch in diesem Umstand die von den Nazis propagiert klassenlose Volksgemeinschaft als eine Plattitüde.

Aus heutiger Sicht drängt sich allerdings die Frage auf, nach welchen Kriterien die LS-Bunkerkarten vergeben wurden. Wurden bei der Zellenvergabe, wie es im Falle von Ehestandsdarlehen nachweisbar ist, möglicherweise Bürger begünstigt, die Mitglied der NSDAP waren? In den Mannheimer Ratsprotokollen ist hierzu vermerkt, dass bei den in Betracht kommenden Volksgenossen […] [,] [d]ie Auswahl […] über die Partei erfolgen“ werde.

In der LS-Bunkerordnung waren jedoch noch weitere Regeln festgeschrieben. So waren die Bunkerinsassen stets dazu aufgefordert, „[i]n allen Räumen […] auf[s] peinlichste Ordnung und Sauberhaltung zu achten.“  Zudem sollten „[a]lle Personen […] im LS-Bunker […] [b]eim Versagen der elektr. Beleuchtung […] äußerste Ruhe […] bewahren.“ Darüber hinaus war es den Bunkerinsassen verboten, sich in den Treppenhäusern, Gängen oder im Eingangsbereich aufzuhalten:

Nur in den Aufenthaltsräumen oder Bunkerzellen war dies gestattet. „Transportmittel und andere sperrige Gegenstände“ durften nicht in den Bunker mitgenommen werden und „Personen mit ansteckenden Krankheiten“ war das Betreten des Bunkers untersagt. Eine Zuwiderhandlung gegen die Bestimmungen der Bunkerordnung sollte mit Geld- und/oder Gefängnisstrafen geahndet werden. Dabei reichte es für das Vorliegen eines Strafbestandes aus, wenn, so der NS-Jargon, „bedeutende Werte gefährdet“ wurden.

Die Realität

In der Praxis scheint sich ein Bunkeraufenthalt deutlich von den theoretischen Vorgaben der Nationalsozialisten differenziert zu haben. So enthalten interne Dokumente des damaligen Polizeipräsidenten Hinweise darauf, dass 1943 für diverse Mannheimer Bunker noch keine Bunkerkarten ausgegeben waren.

In seinem Bericht beanstandete der Polizeipräsident daher eine mangelnde Kontrolle der Bunkerbesucher. Zudem deutet auch die Zeitzeugenaussage der Mannheimerin Johanna Göttel darauf hin, dass nicht in allen Bunkern eine strenge Kontrolle der Bunkerkarten erfolgte: „Unser Bäcker hatte so eine Zelle, da durften wir dann immer rein, sonst hätte man im Gang stehen müssen.“

Angesichts der zunehmend überfüllten Bunker stellten umfassende Kontrollmaßnahmen somit lediglich eine utopische Wunschvorstellung der Nationalsozialisten dar. Insofern verwundert es nicht, dass der Polizeipräsident 1944 anordnete, die Bunkerzellen im Alarmfall für sämtliche Schutzsuchende offen zu halten.

Bunkerordnung aus einem Bunker in Össterreich. Foto: www.ooegeschichte.at

Im Alltag des Bombenkrieges wurden aber noch weitere Vorschriften der LS-Bunkerordnung missachtet. So wurden im Ochsenpferchbunker drei Schutzräume für militärische Zwecke eines Flakbataillons genutzt, obwohl die Aufbewahrung sperriger Gegenstände in den Bunkern untersagt gewesen war. Ebenso wurden im Kunsthallenbunker zwischenzeitlich diverse Räume mit Kunstwerken des gleichnamigen Museums belegt. Und auch die Zivilbevölkerung verletzte diese Vorgabe beispielsweise durch die Mitnahme von Liegestühlen, welche in den Bunkergängen aufgestellt wurden.

Darüber hinaus konnte die Einhaltung von Sauberkeit und Hygiene nicht in jedem Bunker gewährleistet werden: Diverse Schriftquellen zeugen von Bettwanzen und Ungeziefer sowie von durch Monatsbinden verstopfte Abwassersysteme.

Wie im Zusammenhang mit den Bunkerzellen bereits angedeutet wurde, gab es allerdings auch durchaus nachvollziehbare Verstöße gegen die LS-Ordnung. So wurde, entgegen der amtlichen Vorschrift, kranken Personen ein Aufenthalt im Bunker zugestanden, sofern sie nicht an einer ernstzunehmenden Erkrankung wie zum Beispiel Typhus oder Diphterie litten. Und keine bürokratische Vorschrift konnte verhindern, dass bei einem Volltreffer auf einen Bunker und dem damit einhergehenden Ausfall der Beleuchtung Panik ausbrach.

Hier hat jemand mit viel Humor und Engagement die bestehende Bunkerordnung auf die Schippe genommen und an eine Wand in einem holländischen Bunker aufgemalt. Foto: www.bunkerart.nl

Der herausragendste Verstoß gegen die LS-Bunkerordnung betrifft jedoch das Zutrittsrecht. Denn obwohl die Bunker nur den deutschen Bürgern vorbehalten waren, scheint es in Mannheim Einzelfälle gegeben zu haben, in denen auch andere Bevölkerungsgruppen in den Bunkern Zuflucht fanden.

So berichtet beispielsweise der Mannheimer Künstler Herbert Halberstadt von einem Bombenangriff, bei dem auch russische Zwangsarbeiterrinnen in den Ochsenpferchbunker flüchteten. Allerdings war es den Bunkerbesuchern untersagt, mit diesen Zwangsarbeiterrinnen zu kommunizieren.

Auch aus den Berichten des Polizeipräsidenten geht hervor, dass im Bunker in der Güterhallenstraße offenbar Kriegsgefangen Zuflucht gewährt wurde: Ein Vorfall, den der Polizeipräsident sogleich als rechtswidrig beurteilte und dessen Wiederholung untersagte.

Die Recherche zeigt, dass die Umstände des Bombenkrieges es unmöglich machten, die theoretischen Vorgaben der Nationalsozialisten einzuhalten. Insofern war die LS-Bunkerordnung eine utopische Wunschvorstellung der NS-Führungselite.

Quellen

Stadtarchiv Mannheim: Bildsammlung, Akten und Ratsprotokolle der Stadt Mannheim

 

Kommentare

  1. Total interessant, danke! Bewundernswert, dass es trotz der strengen Verordnungen doch noch einigen gelang, auch Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern Zuflucht zu gewähren. Das war bestimmt gefährlich. Viele solcher „kleinen“ Heldentaten sind uns gar nicht bekannt.

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