Die Luftschutz-Hausapotheke

Leben retten mit Hausapotheken? Zu  jeder Luftschutz-Ausrüstung gehörte auch eine vorschriftsmäßige Luftschutz-Hausapotheke, die in jedem Haus vorhanden sein sollte.

Allein 1942 warfen die Alliierten ca. 50.000 Tonnen Brand- und Sprengbomben über Deutschland ab. Bevor viele Menschen durch die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg ihre Häuser und Wohnungen verloren, so dass bei Fliegeralarm nur noch die Flucht in die Bunker blieb, nutzte man auch selbst eingerichtete Schutzräume im eigenen Zuhause.

„Kleine Luftschutz Hausapotheke“ um 1940 aus Lederersatzmaterial, mit nahezu ungebrauchtem Inhalt. Foto: Dt. Aptoheken-Museum

Der Regierung war die Eigenverantwortung der Bürger wichtig und sie sorgte schon lange vor Kriegsbeginn dafür, dass die Bevölkerung auf Luftangriffe vorbereitet war. Auch die routinierte Erstversorgung von Verletzten wurde systematisch gefördert.

Luftschutz-Erziehung im 3. Reich

Anfang des 20 Jahrhunderts schritten die technischen und naturwissenschaftlichen Entwicklungen in Europa rasant voran. Trotz den Schrecken des Ersten Weltkriegs machten diese auch vor dem Militärwesen keinen Halt. Insbesondere im Bereich der Luftwaffe beäugte man die Nachbarländer argwöhnisch.

Schon 1923 wurde daher im Reichswehrministerium vorsorglich eine erste „Anleitung für den Reichsluftschutz“ entworfen. 1932 gründete sich der Deutsche Luftschutzverband (DLSV) e.V., welcher mit der „Luftschutz-Rundschau“ eine populär gehaltene Publikation herausgab, welche die Aufklärung der Bevölkerung anstrebte und Anleitungen zu praktischen Selbstschutzmaßnahmen enthielt.

Am 29. April 1933 wurde der Reichsluftschutzbund (RLB) von Hermann Göring gegründet, in welchem der DLSV zusammen mit anderen Vereinigungen aufging. Er hatte die Aufgabe der „Erziehung der Bevölkerung zum Selbstschutz, die Schaffung der psychologischen Voraussetzungen hierzu und die Anleitung und Ausbildung der Beteiligten“. Dafür betrieb der RLB massive Propaganda auf allen Kanälen, bis hin zu persönlichen Hausbesuchen.

Nachfolgezeitschriften des „Luftschutzrundschau“ und offizielle Presseorgane des RLB waren „Der Reichsluftschutz“ und „Die Sirene“. Dort wurde die Vorbereitung auf einen möglichen Luftangriff und „Erziehungsarbeit“ am Volk dringlich gefordert. Am 1. April 1934 hatte der RLB bereits 12 Millionen Mitglieder.

Das Luftschutzgesetz

Am 26. Juni 1935 wurde das Luftschutzgesetz erlassen. Eine der wichtigsten Bestimmungen war die Einführung der Luftschutzdienstpflicht. Dieser verpflichtete „alle Deutschen zu Dienst- und Sachleistungen, sowie zu sonstigen Handlungen, Duldungen und Unterlassungen, die zur Durchführung des Luftschutzes erforderlich“ waren. In jedem Wohnhaus sollte gemeinsam eine Selbstschutzorganisation, die Luftschutzgemeinschaft, geschaffen werden. Innerhalb dieser wurde ein Luftschutzhauswart bestimmt, der für die Einhaltung der Regeln verantwortlich war. Dem Hauseigentümer oblag die Bereitstellung der Selbstschutzgeräte, jedoch sollte im Sinne von Rohstoffersparnis auf bereits vorhandene Möglichkeiten zurückgegriffen werden und sich die ganze Hausgemeinschaft mit Spenden daran beteiligen.

Luftschutz-Hausapotheke: Schwarzer Koffer mit Metallnieten und -kanten. Innen im Deckel eingeklebt Inhaltsangabe und der Stempel des Herstellers. Durch Pappeinlagen in vier Fächer unterteilt. Die Hausapotheke selbst datiert 1940, der Inhalt  ist von 1941-1942.
Enthält: Arzneifertigwaren I B 2472-2477. Verbandsmaterial und Pulver IV B 0378-0389. Meßgefäß III R 0071. Enthält zusätzlich graue Blechdose mit Würfelzucker („Zucker“) (4 Päckchen mit je 3 Würfeln), braune Pappschachtel mit vier Würfelzuckerpäckchen („Zucker“), rote Pappschachtel mit 12 Sicherheitsnadeln, 2 Holzspatel. Papier – „Vertriebsgenehmigung … Kleine LS-Hausapotheke“ v. 16.01.1940. Beipackzettel mit Inhaltsangabe, zwei Zettel mit Hinweis auf leere Baldrianflasche und nicht beiliegender alkalischer Augensalbe.
Foto: Dt. Aptoheken-Museum

Ausgewählte Bewohner wurden vom RLB in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz ausgebildet, um nach einem Luftangriff erste Hilfe leisten zu können. „Hier eröffnet sich insbesondere der Frau ein weites Tätigkeitsfeld“ hieß es in der „Sirene“. Neben Frauen wurden auch Jugendliche besonders in die Pflicht genommen, denn „je früher unsere Jugend erzogen wird, die Fragen des Luftschutzes nicht nur zu verstehen, umso eher wird es gelingen, das ganze deutsche Volk zu erfassen“.

Bereits Anfang des Jahres 1934 waren die Voraussetzungen für die Aufnahme entsprechender Arbeiten in den Schulen geschaffen, aber erst am 1. November 1939 begann die offizielle Ausbildung. Es wurde angeordnet, dass in jeder Schule eine Lehrkraft als Luftschutzobmann aufzustellen sei; insgesamt betrug die Anzahl rund 12.000 Lehrer. Darüber hinaus wurde jährlich der letzte Jahrgang des Deutschen Jungvolks und des Jungmädelbundes (13-14jährige) in Sonderlehrgängen zu Selbstschutz ausgebildet und im Rahmen einer Reichsluftschutzwoche ein Jugendluftschutztag veranstaltet.

Die Luftschutz-Hausapotheke

Zu Luftschutz-Ausrüstung gehörte auch eine vorschriftsmäßige Luftschutzhausapotheke, die in jedem Haus vorhanden sein sollte. Sie war „das für den Selbstschutz wichtigste Luftschutzsanitätsgerät und gleichzeitig das einzige, ausschließlich für den Luftschutz bestimmte Hilfsmittel der Laienhelferinnen.“ Sie stellte jedoch ausdrücklich keinen Ersatz für eine ärztliche Behandlung dar.

Deshalb war der Inhalt nur auf das Notwendigste beschränkt, „wobei natürlich die Kosten eine Rolle gespielt haben“. Im Gegensatz zu herkömmlichen Hausapotheken musste der Inhalt eine möglichst lange Lagerfähigkeit besitzen. Der Aufbewahrungskasten war besonders widerstandsfähig, um auch in feuchten oder häufigen Temperaturschwankungen unterworfenen Räumen untergebracht werden zu können.

Ein Verbandkasten für den Luftschutz, 1938, der Firma W. Söhngen & Co., aus grauem Weißblech, Maße: 15 x 3,5 x 6
Verbandskästchen aus Luftschutzausrüstung, lang-ovale Stülpdose, außen grau lackiert, mit Firmenaufklebern seitlich und auf dem Boden: sowie auf dem Deckel eingeprägte Nummer „Ld. 1938“. Inhalt: Verbandmittel, Pflaster und ein umfangreiches Universal-Inhaltsverzeichnis mit einem Hinweis auf Merkblätter zur Hilfeleistung bei Erkrankung durch chem. Kampfstoffe.
Foto: Dt. Aptoheken-Museum

Die Luftschutz-Hausapotheke für Betriebe und Industrie bestand aus 0,52 mm, die Tür aus 0,75 mm starkem Schwarzblech. Die Tür wurde durch Hakenzugverschlüsse geschlossen gehalten und war durch eine Einlage aus beständigem Material (z. B. Gummiasbest) abgedichtet. Die 455 mm hohen, 360 mm breiten und 130 mm tiefen Kästen waren mit je zwei Griffen, sowie Aufhängösen ausgestattet. Im Deckel war eine Gebrauchsanweisung eingeklebt. Solche LS-Hausapotheken waren nur durch Apotheken zu beziehen. Die vorschriftsmäßige Ausstattung wurde dort überprüft und mit einem Stempel in der Gebrauchsanweisung bestätigt.

Auch mussten die Herstellerfirmen eine gesetzliche Genehmigung dafür haben und eine Kennnummer führen, die auf der Rückseite vermerkt war. Im Oktober 1939 führte die Deutsche Apothekerschaft auf Anweisung des Reichsministeriums die „Kleine Luftschutz-Hausapotheke“ zum Selbstschutz ein.

Eine alkalische Augensalbe war der einzige Bestandteil der LS-Apotheke, der damals apothekenpflichtig war. Die Salbe wurde vor dem Verkauf frisch aus Borax, Natriumbikarbonat, Wollfett, destilliertes Wasser und Vaseline zubereitet. Bei Augenreizungen sollte diese – nach der von den ErsthelferInnen selbst zubereiteten Spülung – mit beiliegenden Stäbchen an der Innenseite der Augenlieder aufgebracht werden. Ohne diese durften die Kästen auch von spezialisierten Einzelhandelsgeschäften vertrieben werden. Sie enthielten dann einen Zettel, mit dem die Augensalbe in der Apotheke nachkaufen konnte.

Der Preis für die kleine Hausapotheke betrug 14 Reichsmark. Im August 1940 erhöhte sich der Preis der Augensalbe auf um 35 Pfennig. Die genormten Hausapotheken konnten nicht in ausreichender Anzahl hergestellt werden, weshalb der Inhalt aus dem Apothekenbestand zusammengestellt werden durfte. Ab 1941 gab es Ausnahmebestimmungen bezüglich der Emaille- und Glasgefäße. Auch speziell für Tiere gab es einen Luftschutzkasten, der vor allem zur Erstversorgung von Pferden, Rindern und Schweinen eingesetzt wurde.

Was befand sich in einer solchen Apotheke ?

Die Inhalte aller Luftschutz-Hausapotheken waren exakt vorgeschrieben und genormt, von der Form der Flaschen bis hin zur Anzahl der Zuckerwürfel, auf die man Baldriantropfen träufeln konnte. Die meisten Stoffe und Materialen, die in der Apotheke enthalten waren, werden auch heute noch mehr oder weniger häufig in der medizinischen Versorgung eingesetzt – zum Glück aber nicht mehr für die Bekämpfung von Wunden durch Phosphor- oder Senfgasbomben.

Natriumbicarbonat (Natron) beispielsweise neutralisiert Säure. Was damals in Wasser aufgelöst zum Abwaschen von Verbrennungen, zum Gurgeln bei Rachenreizungen oder zur Augenspülung verwendet wurde, ist immer noch ein bekanntes Hausmittel gegen Sodbrennen. Gegen Phosphorverbrennungen konnten damit nur eingeschränkt Linderungen erzielt werden, denn solche müssen nach wie vor über lange Zeit stationär behandelt werden.

Mit Chloraminpulver konnte ein Brei angerührt werden, um Hautschäden durch Kampfstoffe damit zu bestreichen. Dieser dient als starkes Desinfektionsmittel, welches bei falscher Anwendung jedoch starke Nebenwirkungen hervorrufen kann, z.B. durch das Einatmen von Chlorgas. Das Pulver ist daher heute in Deutschland nicht mehr frei verkäuflich, aber z.B. in den Niederlanden noch erhältlich. Nach der Behandlung mit dem Chloramin wurden die Verletzungen mit Kaliseife gewaschen. In der heutigen Zeit werden damit manchmal Flechten oder Krusten auf der Haut eingeweicht, jedoch kann die Seife auch Hautreizungen hervorrufen.

Luftschutz-Gastasche, ca. 1940, Maße: 21,5 x 20 cm
der Fa. Kermes-Hainichen SA, aus  Leder, mit unvollständigem Inhalt (lt. eingeklebtem Inhaltsverzeichnis). Beiliegendes Abzeichen: – Mitglied des Reichsluftschutzbundes; im Felde: RLB (Hakenkreuz) blau auf silbernem Stern (D 7,5). Ledertasche mit Schließen zum Anhängen. Dt. Aptoheken-Museum

Zum Abschluss konnte man die geschädigte Haut mit weißer Vaseline einreiben. Dass außerdem Riechfläschchen mit einem Methol-Eukalyptus-Gemisch oder Salmiakgeist gegen Ohnmachts-Anfälle und Baldriantropfen zur Beruhigung in dem Set enthalten waren, wirkt angesichts der traumatisierenden Erlebnisse, welche die Menschen durch die Bombardierungen erfahren mussten, geradezu makaber. Vervollständigt wurde die Ausrüstung durch Utensilien zum Anfertigen und Auftragen der Medikamente, sowie Verbandsmaterialien.

Eine Untersuchung von „Kleinen Luftschutz-Hausapotheken“ zeigte, dass diese offenbar tatsächlich als „Erste-Hilfe-Kasten“ nach Luftangriffen verwendet wurden. Was nach Kriegsende noch übrig war, wurde oftmals, wie so vieles in der damaligen Zeit größter Not, zweckentfremdet oder eingetauscht.

Dennoch finden sich auch heute noch viele vollständige oder teilweise erhaltene Exemplare dieser Luftschutzapotheken, für die Sammler auf Internettauschportalen Preise bis zu mehreren hundert Euro zahlen. Auch im Bunkermuseum Schönau und im Deutschen Apothekermuseum im Schloss Heidelberg kann man sich die Luftschutzapotheken als Ausstellungsstücke anschauen.

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