Die geplanten Ausstellungen für das MARCHIVUM

Wie plant man eine stadtgeschichtliche Ausstellung, wie ein NS-Dokumentationszentrum? Zwei Ausstellungsteams des künftigen MARCHIVUM stehen vor dieser Aufgabe.

Inhalte werden erarbeitet, Gestaltungsmöglichkeiten diskutiert, Experten zu Rate gezogen, Entscheidungen revidiert und neue auf den Weg gebracht. Mit anderen Worten: Die Köpfe rauchen. Ein Einblick in die Ausstellungsplanung.

Stadtgeschichtliche Ausstellung im Erdgeschoss

Soviel stand von Anfang an fest:  Die stadtgeschichtliche Ausstellung soll ihren Platz im Erdgeschoss erhalten. Rund 500 qm stehen dort zur Verfügung. Gerne hätte das für diesen Bereich zuständige Team noch mehr Raum gehabt, aber im Erdgeschoss soll ja auch der MARCHIVUM-Shop, sollen Garderoben und Toiletten und das großzügige Foyer, von dem die beiden Aufzüge nach oben fahren, ihren Platz finden. Nicht zu vergessen ein Raum für Wechselausstellungen, damit in regelmäßigem Turnus auch Sonderausstellungen gezeigt werden können.

Also bleiben vom Erdgeschoss knapp Zweidrittel für die stadtgeschichtliche Ausstellung, was letztlich dann doch nicht so wenig ist und ausreichend Raum bietet, vier Jahrhunderte Mannheimer Stadtgeschichte in all ihren Entwicklungen darzustellen.

Einblick in die Planung der stadtgeschichtlichen Ausstellung: Wege-, Raum- und Stationsplan. Die Pfeiler zeigen die Richtung des Rundweges an, die Nummern die geplanten Stationen (interaktive Bildschirme, Rauminstallationen, Projektionen und Informationstische). Foto: StadtA MA – ISG

Rasch war man sich darin einig, dass der Grundriss des Erdgeschosses die Gliederung der Ausstellung bestimmen soll. Denn die räumlichen Gegebenheiten sind geradezu ideal, bieten sie doch die Möglichkeit, einen Rundgang auszuweisen, der rechts des Foyers mit einem Stadtmodell als markantem Auftakt anfängt. Das Modell soll den Wandel der Stadt über die Zeit hinweg veranschaulichen.

Im folgenden Raum richtet sich der Fokus auf das 17. Jahrhundert. Mannheim wurde bekanntlich 1607 gegründet. Aber gab es nicht auch das Dorf Mannheim, das viel älter ist, und sogar Siedlungsspuren aus römischer Zeit? Deshalb wird es hier auch einen Rückblick auf frühere Epochen geben.

Den nächsten Raum teilen sich das 18. und 19. Jahrhundert, die sich beide jeweils sehr unterschiedlich entwickelten. Umso spannender ist die Aufgabe, diesen Bereich zu bespielen. Sodann führt ein Brückenraum mit einer Inszenierung zum Ersten Weltkrieg in das 20. und 21. Jahrhundert. Ihren Abschluss findet die Ausstellung in einer Musik-Lounge mit Beispielen Mannheimer Musik und in einem Kino, in dem historische Filme aus Mannheim gezeigt werden. Der Rundgang endet sodann im Wechselausstellungsraum links vom Foyer.

Dass die Jahrhunderte den Ausstellungsbogen bestimmen sollen, diese Entscheidung lag nahe. Zur Debatte stand aber auch eine thematisch gegliederte Präsentation mit Querschnittsthemen über die Zeiten hinweg. Wäre es nicht sinnvoller jeweils eine Ausstellungseinheit zur politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Entwicklung zu bilden? Andererseits: Hat nicht jedes Jahrhundert seinen spezifischen Charakter? Und ist Stadtgeschichte nicht viel verständlicher, wenn man sie zunächst einmal chronologisch erzählt? Dann kann man bei bestimmten Themen immer noch vor- und zurückblicken.

Leichter gesagt als getan: Zunächst muss herausgearbeitet werden, was die einzelnen Jahrhunderte auszeichnet. Welche Spezifika weisen sie auf und welche Inhalte sollen präsentiert werden? Für das 17. Jahrhundert soll der Schwerpunkt auf die Gründung Mannheims und die Bedeutung der Festungsstadt gelegt werden. Im 18. Jahrhundert stehen die Kurfürsten und die wissenschaftlichen und künstlerischen Errungenschaften im Zentrum. Aber auch die Schattenseiten der glanzvollen Epoche sollen aufgezeigt werden.

Verkehr und Industrie das sind zentrale Themen des 19. Jahrhunderts, doch auch die Sozialgeschichte und die politischen Ereignisse, wie die Revolution von 1848, dürfen nicht vergessen werden. Im 20. Jahrhundert wiederum gilt es, nicht nur Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau, sondern auch die Entwicklung Mannheims zu einer modernen Großstadt in den Fokus zu nehmen.

Was hier in wenigen Worten zusammengefasst ist, kann die Inhalte der Ausstellung und die ihnen zugrunde liegenden methodischen Überlegungen nur andeuten. Zugegebenermaßen ist dies auch ganz im Sinne der Ausstellungsplaner, die sich dann doch nicht allzu tief in die Karten blicken lassen möchten. Schließlich ist Vieles noch nicht abschließend entschieden. Und vor allem: Es soll ja noch ein bisschen Spannung sein bis zur Ausstellungseröffnung. Wann dies sein wird?

Das MARCHIVUM im Bau. Während das Gebäude Gestalt annimmt, laufen auch die Planungen für die stadtgeschichtliche Ausstellung und das NS-Dokumentationszentrum auf Hochtouren. Foto: Kathrin Schwab, Stadtarchiv Mannheim–ISG

Es wäre zu früh, ein genaues Datum zu nennen. Nur so viel: Das MARCHIVUM soll in drei Abschnitten eröffnet werden. 2018 zunächst im Archivbereich. 2019 werden dann nach jetziger Planung nacheinander die stadtgeschichtliche Ausstellung und das NS-Dokumentationszentrum folgen.

NS-Dokumentationszentrum im 1. Obergeschoss

Wer dann das MARCHIVUM besucht, wird also im Erdgeschoss die stadtgeschichtliche Ausstellung und im Stockwerk darüber das NS-Dokumentationszentrum besichtigen können. Im 1. Obergeschoss wird sich auf einer Fläche von rund 700 qm nicht nur ein Ausstellungsbereich zur Geschichte des Naziherrschaft und ihrer Auswirkungen in Mannheim ausbreiten, sondern auch ein Forum mit Recherchestationen, in dem die Besucher die Möglichkeit haben, die Biographien von Opfern, aber auch Tätern der NS-Diktatur zu erkunden.

Darüber hinaus wird es einen Seminarraum für Schulklassen und andere interessierte Gruppen geben. In Ihm können dann Themen zur NS-Zeit oder anderen Epochen der Mannheimer Stadtgeschichte gemeinschaftlich erarbeitet und vertieft werden.

Wichtig ist, dass auch die Geschichte des historischen Ortes erzählt wird, in dem das NS-Dokumentationszentrum eingerichtet ist, also des ehemaligen Weltkriegsbunkers, der bis 2018 zum MARCHIVUM umgebaut sein wird. Die Geschichte dieses Bunkers und anderer Luftschutzbauten in Mannheim soll ebenfalls im 1. Obergeschoss in einem noch einzubauenden Sonderraum präsentiert werden.

Auch beim NS-Dokumentationszentrum ist der Wege-, Raum- und Stationsplan eine wichtige Grundlage für die weiteren Bearbeitungs- und Planungsschritte. Foto: StadtA MA – ISG

Das Stadtarchiv Mannheim hat sich seit vielen Jahren die mahnende Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Opfer zur Aufgabe gemacht. Bisher geschah dies meistens auf der Basis von Vorträgen und Publikationen, außerdem im Rahmen des Stadtinformationssystems der STADTPUNKTE und in der Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Mannheim-Sandhofen. Das NS-Dokumentationszentrum setzt diesen Anspruch konsequent fort und stellt ihn mit der Ausstellung und den dort angebotenen Recherchemöglichkeiten auf eine neue Basis.

Wie aber ist die Ausstellung gegliedert? Sie setzt mit einem Rückblick auf die Zeit der Weimarer Republik ein, um die politische Radikalisierung und den Aufstieg der Nationalsozialisten im Laufe der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre aufzuzeigen. Danach wird der Fokus auf das Jahr 1933 gerichtet, um die Auswirkungen der „Machtergreifung“ auf Mannheim und seine Menschen aufzuzeigen.

In den weiteren Ausstellungseinheiten werden die Schwerpunkte auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen während der Diktatur gelegt. Zentrale Themen sind die Judenverfolgung und Deportation, die anderen Opfergruppen sowie die Militarisierung der Gesellschaft und der Zweite Weltkrieg.

Selbstverständlich wird die Ausstellung nicht mit dem Jahr 1945 enden. Auch die Nachkriegszeit und der Umgang mit dem schwierigen Erbe des Nationalsozialismus werden beleuchtet. Ebenso soll der Blick auf rechtsradikale sowie andere antidemokratischen Tendenzen in unserer Zeit gelenkt werden.

Diese Hinweise mögen genügen, um zu verdeutlichen, dass die Planer auch beim NS-Dokumentationszentrum vor einer komplexen Aufgabe stehen. So wie die Kollegen, die sich der Stadtgeschichte annehmen, werden sie fachlich von einem wissenschaftlichen Beirat begleitet.

Analog oder digital?

Bei all den Inhalten stellt sich die Frage: Wie werden die Themen präsentiert, analog oder digital? Mit echten Dokumenten, Gegenständen, Artefakten? Oder alles virtuell?

Auch dies wurde intensiv diskutiert. Die Vor- und Nachteile einer analogen oder digitalen Ausstellung wurden untersucht – mit dem Ergebnis, dass das MARCHIVUM die Möglichkeiten der Digitalisierung konsequent nutzen möchte. Mannheims Haus der Stadtgeschichte und Erinnerung soll ein Ort multimedialer Angebote sein, um den Ausstellungsbesuchern vielfältige interaktive Möglichkeiten zu bieten.

Ein Vorteil der multimedialen Präsentation ist: Die Inhalte können jederzeit verändert, ergänzt oder durch neue Themen ersetzt werden. Dies verhindert statische Dauerausstellungen und bietet den Besuchern den Anreiz zu mehrmaligen Besichtigungen, bei denen sie ihren Weg durch die Ausstellungen interaktiv gestalten können. Sie können Themen, über die sie mehr erfahren möchten, selbst auswählen und sie zum Teil auch spielerisch erschließen.

Das multimediale und interaktive Konzept macht die Planung der Ausstellung allerdings nicht einfacher. Viele technische Fragen sind zu klären, angefangen von der Wahl der Bildschirme und Beamer bis hin zur Software und der Gestaltung der Oberflächen.

Spätestens bei diesen Fragen sind Ausstellungsexperten nötig. Einen solchen hat das MARCHIVUM mit dem Kanadier Stacey Spiegel gefunden, einem international tätigen Spezialisten für multimediale Inszenierungen. Er begleitet die Arbeit der beiden Ausstellungsteams, berät in Fragen der technischen Möglichkeiten und gibt wertvolle Hinweise, wie die komplexen Inhalte multimedial und interaktiv umgesetzt werden können.

Mitunter holt er die ambitionierten Ideen der beiden Teams auf den Boden der Realität zurück, noch öfter aber weist er auf Möglichkeiten hin, an die zuvor nicht gedacht wurde. Zum Beispiel beim großen Stadtmodell im Erdgeschoss. Es soll den Wandel der Stadt von der Gründung bis zur Gegenwart verdeutlichen, muss also veränderbar sein: Projektionen mit 3-D-Effekten scheinen die Lösung. Technisch nicht einfach umzusetzen ist auch die Idee einer virtuellen Zeitreise durch Mannheims Straßen auf einem Benz-Automobil. Die Besucher sollen die Möglichkeit erhalten, die Reise in die Vergangenheit selbst zu steuern.

Die Planung dieser und anderer Stationen der beiden Ausstellungsbereiche erfordert viel Zeit, Kreativität und technisches Knowhow. Damit nicht genug: Auch die Ausstellungsarchitektur, die Gestaltung der Räume und ihrer Installationen machen aufwendige Planungsschritte notwendig, die mit den inhaltlichen und technischen Anforderungen Hand in Hand gehen müssen.

Vorbilder und Exkursionen

Zum Glück gibt es Vorbilder: Museen und andere Ausstellungshäuser, die ebenfalls multimedial aufgestellt sind. Internetrecherchen sind hier sehr hilfreich, aber auch Besichtigungsreisen, sofern sie nicht zu aufwendig sind und den Stadtsäckel nicht zu stark belasten. Einmal ging es nach München ins NS-Dokumentationszentrum, ein anderes Mal nach Bremen und Bremerhaven in die Gedenkstätte Bunker Valentin (http://www.marchivum-blog.de/2016/08/17/denkort-bunker-valentin/) sowie ins Deutsche Auswandererhaus. Vor kurzem war das Ausstellungsteam in Brüssel, wo es das PARLAMENTARIUM und das Haus der Europäischen Geschichte besichtigte.

Die Tour erfolgte auf Anregung und mit Betreuung des Europaabgeordneten Peter Simon und bot wertvolle Hinweise über die vielfältigen Möglichkeiten, die neuen Medien zu nutzen. Das PARLAMENTARIUM zeigt die Geschichte des Europäischen Parlaments auf anregend-abwechslungsreiche Weise. Es hebt die Bedeutung der Institution für die Menschen in Europa hervor und nutzt dazu teils überraschende interaktive Installationen, beispielsweise eine Landkarte, über die der Besucher mit einer Art Einkaufwagen schreitet, mit dem sich Informationen über bekannte und weniger bekannte Orte in Europa abgerufen lassen.

Die Ausstellungsteams in Brüssel, gemeinsam mit dem Europaabgeordneten Peter Simon (3. von links). Links neben dem Europaabgeordneten: Prof. Dr. Ulrich Nieß und Dr. Andreas Schenk, rechts: Dr. Harald Stockert, Dr. Anja Gillen, Dr. Hanspeter Rings und Karen Strobel. Nicht auf dem Bild: Dr. Susanne Schlösser und Marco Brenneisen, die an diesem Tag leider verhindert waren. Foto: Büro Peter Simon

Das Haus der Europäischen Geschichte zeichnet die politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und  kulturelle Entwicklung Europas nach und zieht die Besucher mit einer Kombination von digitalen und analogen Präsentationen in den Bann. Die realen Objekte wurden in ganz Europa gesammelt, hinter jedem steckt eine ganz eigene Geschichte, die teilweise digital abgerufen werden kann.

Beim Gedankenaustausch mit den Ausstellungsmachern beider Häuser ging es um den langen Weg von der Planung bis zur Umsetzung der Präsentationen, um inhaltliche, technische und gestalterische Fragen, selbstverständlich auch um Organisatorisches und Finanzielles. Schnell wurde klar: Auch in Brüssel rauchten die Köpfe. Heute sind das PARLAMENTARIUM und das Haus der Europäischen Geschichte erfolgreiche Besuchermagnete. Ohne Schweiß also kein Preis. Mit anderen Worten: Die Ausstellungsplaner des MARCHIVUM sind auf gutem Weg!

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