Abriss bedeutet Verlust von Geschichte

In Ludwigshafen haben sieben Geschichtsbegeisterte einen Bunkerverein gegründet, der ein Bunkermuseum eröffnen will.

Archive sind magische Orte. Dicht an dicht stehen Papiere und Bücher in Regalen gedrängt und verdecken das Weiß der Wände. Es riecht nach alten Ereignissen und Druckerschwärze und inmitten befinden sich die Archivare, die Wege zu längst vergangenen Tage aufzeigen können. Unter ihnen ist Klaus-Jürgen Becker. Doch Becker ist nicht nur stellvertretender Leiter des Stadtarchivs Ludwigshafen, sondern auch Geschäftsführer eines Bunkervereins, um Geschichte direkt erlebbar zu machen.

1947: Blick auf die zerstörte Stadt mit den drei Bunkern in der Stadtmitte, Foto: Stadtarchiv Ludwigshafen

Becker gründete zusammen mit sechs anderen Mitgliedern im Februar dieses Jahres den Verein „Arbeitskreis Bunkermuseum Ludwigshafen e.V.“. „In Ludwigshafen hat das Bunkersterben begonnen. Als ich gelesen habe, dass der Würfelbunker abgerissen werden soll, habe ich die Initiative ergriffen“, sagt er. „Jetzt haben wir noch Zeitzeugen. Jetzt können wir noch die Geschichte festhalten und zu Zeitzeugen gehören eben auch Bunker“, sagt Lucia Taglieber. Die 26-Jährige ist eine der Gründungsmitglieder des Vereins, sowie die Vereinsvorsitzende und arbeitet gerade mit Becker im Stadtarchiv Ludwigshafen zusammen. So auch die 24-jährige Hermine Lauer: „Die Stadt braucht ein weiteres Museum, dass sie repräsentiert.“

Bunker im Stadtteil West als Museum

Denn momentanes Ziel des Vereins ist es, den Bunker in der Valentin-Bauer-Straße im Stadtteil West zu einem Museum umzubauen. „Der Zustand des Bunkers ist so, wie er 1950 verlassen wurde. Die Lüftungsanlagen sind noch original und wurden nicht etwa Atomkrieg-tauglich erneuert. Das ist extrem authentisch“, so Becker. Ob das Projekt realisiert werden kann, steht im Moment noch nicht fest, doch der Verein steht im Gespräch mit dem Stadtteil-West. Dieser erhoffe sich von der Museumsnutzung eine Aufwertung des Viertels. „Wir stehen auf jeden Fall in den Startlöchern“, sagt Becker lachend. „Und auch so haben wir viel zu tun. Wir organisieren Führungen und Vorträge, stehen in Verbindung mit anderen Vereinen und führen Zeitzeugengespräche“, so Taglieber. Gerade werden die Gespräche zu Hörstationen für das Stadtmuseum Ludwigshafen konzipiert. „Im Gespräch mit den Menschen merkt man, wie die Menschen das Erzählte noch einmal durchleben. Das nimmt einen oft mit“, erzählt sie. „Aber es geht auch um positive Erinnerungen.“

Bemalter Luftschutzbunker imJahr 1988 in der Rohrlachstraße Nr. 36. Foto: Stadtarchiv Ludwigshafen

Das ambivalente Verhältnis zu den Bunkern, das in den Zeitzeugengesprächen aber auch in ihrer Nutzungsgeschichte deutlich wird, teilt auch Becker: „Einerseits hätten die Menschen ohne die Bunker nicht überlebt. Andererseits hätte man ohne den deutschen Angriff auf Polen auch keine Bunker bauen müssen.“ Man müsse die Bunker kritisch betrachten, aber ohne die Vergangenheit könne man nicht für die Zukunft lernen. „Und durch den Abriss von Bunkern entfernt man Geschichte“, ergänzt ihn Taglieber.

Völkerverbindende Angelegenheit

In Ludwigshafen bei Becker, Lauer und Taglieber spürt man die Kraft der Geschichte und die Wichtigkeit von Erinnerungsorten. Und das gilt generationenübergreifend für alle. Allein die drei Gründungsmitglieder machen das deutlich: So stehen Lauer mit 24 und Taglieber mit 26 Jahren noch am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn. Becker als stellvertretender Leiter eines Archivs mit Doktortitel hat hingegen schon einiges erreicht.

Wollen mit der Öffnung des Bunkers ein Stück Geschichte transparent machen: (v.l.) Hermine Lauer, Klaus-Jürgen Becker, Lucia Taglieber. Foto: Stadtarchiv Ludwigshafen

„In einer aktiven Auseinandersetzung mit der Geschichte sind Bunker völkerverbindend“, sagt Becker. Er erzählt begeistert von einem Besuch eines Bunkers in Belgien bei Lüttich vor einigen Monaten, durch den Franzosen, Belgier und Deutsche gemeinsam geführt wurden. „Eine Führung war auf Deutsch und eine auf Französisch.“ Wäre der Bunker der Öffentlichkeit nicht zugänglich, hätte es für Becker diese nationenübergreifende Erfahrung nicht gegeben. „Ich kann nicht verstehen, warum man Geschichte abschließt“, sagt er.

Krankenzimmer in einem Bunker, 1940er Jahre. Foto: Stadtarchiv Ludwigshafen

Mit ihrem Verein wollen die drei Geschichte aufschließen. Ihr Ziel sind regelmäßige Führungen durch den Bunker in der Valentin-Bauer-Straße während regulärer Öffnungszeiten und außerhalb für Schulklassen. Auch möchte der junge Verein über den Luftkrieg in Ludwigshafen publizieren. „Wir beanspruchen von uns, dass wir Profis sind und haben uns schon viele Museen zum Vergleich angeschaut“, sagt Becker. „Wir wollen kein All-in-Museum und uns stattdessen auf den Luftkrieg über Ludwigshafen konzentrieren.“ Eine detailreiche Ausstellung zu einem Thema sei besser, als den ganzen Nationalsozialismus in einer Ausstellung darstellen zu wollen. „Wir wollen niemanden mit Exponaten aller Art erschlagen.“

Ihre Idee besgeistert: Seit seiner Gründung hat sich die Mitgliederzahl im Verein auf über 20 mehr als verdoppelt.

Am Tag des offenen Denkmals am 10. September wird der Bunker in der Valentin-Bauer-Straße im Stadtteil West durch den Verein geöffnet.

Am 4. November veranstaltet der Verein einen Vortrag über den Westwall im Stadtarchiv Ludwigshafen.

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