Erinnerungen 3: Heute fängt der Krieg an …

Der Mannheimer Künstler Herbert Halberstadt kann sich noch sehr gut an die NS-Zeit und den Krieg erinnern. Sven Kaulbarsch hat mit ihm ein Gespräch geführt, das länger dauerte, als beabsichtigt …

Halberstadt, Jahrgang 1935, ist im Stadtteil Neckarstadt-West geboren und aufgewachsen, sodass seine Biografie unweigerlich mit der Geschichte des Ochsenpferchbunkers verbunden ist.

Erinnerungen an den Kriegsbeginn

Am 1. September 1939, dem Tag, an dem der Zweite Weltkrieg begann, erinnert sich Herr Halberstadt noch sehr genau: „Ich war damals vier Jahre alt und meine Familie lebte in der Waldhofstraße 123. Meine Großmutter setzte mich an diesem Tag auf unseren Küchentisch und zog mir ein paar Strümpfe an. Voller Freude sagte sie zu mir „Herbertel heut, heut fängt der Krieg an“.

Was er in diesem Moment gedacht hat, frage ich nach: „Soll er halt anfangen, habe ich mir gedacht. Wissen Sie, was soll denn ein vierjähriges Kind über das Thema Krieg schon großartig denken können. In dem Alter hat man noch keine richtige Vorstellung davon.“

Die ganze Familie wohnte bis 1939 im Haus der Großmutter in der Bürgermeister-Fuchs-Straße. Dann bekam der Vater eine Wohnung in der Erlenhof-Siedlung. Foto: H. Halberstadt

Der heute über achtzigjährige Künstler wird bei der Erinnerung an diesen Tag sehr nachdenklich: „Heut fängt der Krieg an… Ein Krieg fängt nicht einfach so an. Es muss heißen: Hitler hat den Krieg begonnen“.

Dass ein vierjähriges Kind sich den Gefahren des Krieges noch nicht vollkommen bewusst sein kann, verdeutlicht auch seine Antwort auf die Frage nach seiner allgemeinen Wahrnehmung des Krieges: „Der Krieg war für uns Kinder zunächst einmal eine Mordsgaudi, denn bei Fliegeralarm war immer was los. Heut ist wieder Alarm haben wir Kinder uns dann gegenseitig zugerufen“.

Für uns waren die ersten Fliegerangriffe ein richtiges Erlebnis. Ich erinnere mich noch daran, wie eine der ersten Bomben über Mannheim abgeworfen wurde. Das war an der Ecke der U-Schule und ganz Mannheim ist dahin gepilgert, um sich den Bombentrichter anzuschauen.“ Aber, erinnert er sich auch: „Mit der Zeit wird das Ganze recht langweilig und sobald man die ersten Toten gesehen hat, auch deutlich ernsthafter“.

Zuflucht im Bunker

Mit zunehmender Intensität der alliierten Bombardements suchte die Mannheimer Bevölkerung, unter ihnen auch die Familie Halberstadt, vermehrt Zuflucht in den neu errichteten Luftschutzbunkern: „Unsere Familie hatte von Anfang an eine Zelle im Ochsenpferchbunker, ich glaube es war die Zelle 417. Wenn der Heulton der Sirene den Voralarm ankündigte, hieß es für uns alles zusammenpacken und zum Bunker rennen. Von der Waldhofstraße bis zum Bunker sind es über einen Kilometer, daher war das manchmal ziemlich knapp. Häufig hatten wir erst die halbe Strecke zurückgelegt, als bereits der Hauptalarm einsetzte und die Flakstationen das Feuer eröffneten. Und bei Nachtangriffen war der Himmel von den Christbäumen erhellt und man konnte sehen, wie die Suchscheinwerfer die Flieger ins Kreuz genommen haben.“

Zur Verdeutlichung: der Fußweg von der Wohnung bis zum Bunker.

Mit fortlaufender Kriegsdauer wurden die alliierten Fliegerangriffe für die Familie Halberstadt sowie Mannheims Bevölkerung zum Alltagsritual: „Ständig sind wir in den Bunker gerannt und nach der Entwarnung zurück nach Hause. Wir mussten ja schauen, ob unser Haus noch steht. Dabei mussten wir wegen den ganzen Häuserbränden häufig die Straßenseite wechseln. Als Kleinkind empfand ich das Glühen der Häuser allerdings eher als abenteuerlich und nicht unbedingt als lebensbedrohlich“.

Erinnerungen an den Ochsenpferchbunker

„Der Bunker war an sich recht kahl. Die Betonwände waren nicht gestrichen und auch nicht verziert. In den Treppenhäusern gab es nur eine Notbeleuchtung und auf jedem Stockwerk des Bunkers waren unter der Decke Lautsprecher angebracht. Aus den Lautsprechern kam immer so ein Klopfen, das sich wie ein Herzschlag angehört hat und darauf folgte eine Frauenstimme die sagte: „Achtung, Achtung Befehlsstelle Mannheim, mehrere Kampfverbände im Anflug auf unseren Raum. Ich wiederhole…“ Das war für uns die Ankündigung, dass es gleich unruhig wird und kurz darauf hat man bereits die Einschläge der Bombenteppiche vernommen. Wenn ein Angriff ganz schlimm war und die Leute in Panik geraten sind, hat der Bunkerwart auch schon mal geschrien „Alles zurück in die Zellen!“.

Der Onkel hatte ein kleines Häuschen mit Garten in der BASF-Siedlung in Ludwigshafen. Die Aufnahme ist von 1939. Foto: H. Halberstadt

Wie nimmt ein Kind solche Szenarien wahr, möchte ich von Herrn Halberstadt wissen. „Im Bunker selbst habe ich nie Angst verspürt, der war bombensicher. Größere Sorgen haben mir die Bettwanzen im Bunker bereitet. Das waren richtige Plagegeister. In unserer Zelle gab es nämlich zweistöckige Holzbetten. Immer wenn das Licht aus war, kamen die über die Wände und haben sich von der Decke fallen gelassen. Also haben wir denen aufgelauert, sie mit Nadeln aufgespießt und uns gegenseitig zugerufen, wie viele wir erwischt haben. Dieser kleine Wettbewerb war dann unser Zeitvertreib.“

Und wie vertreibt sich ein Kind sonst die Zeit im Bunker, frage ich nach. „In jeder Zelle gab es ein Loch für die Außenluft. Wegen dem Splitterschutz führte das Loch aber nicht direkt nach außen hin, sondern über einige Ecken hinweg. Neben dem Loch hing an einer Kette ein Holzstopper. Mit dem konnte man das Loch verschließen, wenn der von den Bomben verursachte Lärm zu laut war oder wir Brandgeruch vernommen haben. Mein Privileg war es, diese Aufgabe zu übernehmen. Ansonsten haben wir Kinder auf den Gängen so lange Fangen gespielt, bis es vom Bunkerwart hieß: „Ruhe jetzt!“.

Außerdem haben wir Kinder das Ende der Luftangriffe herbeigesehnt, um wieder nach Granatsplittern suchen zu können, die ja beim Flakbeschuss entstehen. Diese Splitter haben wir dann in Zigarrenkisten gesammelt und untereinander getauscht. Wir Kinder haben auch gerne ein Lied gesungen, an dessen Herkunft ich mich aber nicht mehr erinnern kann. Es ging so „Heut ist mondhell/da kommen die Bomber schnell/und werfen Bomben ab/aufs Monnemer Lumpenpack.“

Bombentreffer, Zwangsarbeiter und tote Kinder

Und dann hat Halberstadt noch besondere Erinnerungen. „Besonders im Gedächtnis ist mir der Tag geblieben, an dem der Ochsenpferchbunker von einer Bombe getroffen wurde. Da hat der ganze Bunker gewackelt und gerumpelt und bei den Leuten brach große Panik aus. Alle hatten große Angst davor, dass der Bunker gleich umkippt. Neben dem Bunker, also in der Bürgermeister-Fuchs-Straße, hat die Bombe einen riesen Krater hinterlassen. Es gibt aber noch andere Erlebnisse, die sich mir besonders eingeprägt haben“.

Einschulung 1941 in der Humboldt-Schule in der Neckarstadt-West. Foto: H. Halberstadt

Welche Erlebnisse das waren, frage ich nach. „Das betrifft die sogenannten ‚Fremdarbeiter‘, die ja in Wahrheit ‚Zwangsarbeiter‘ waren. Normalerweise war es ihnen strengstens verboten, in den Bunkern Zuflucht zu suchen. Bei irgendeinem Luftangriff waren allerdings einige Russinnen im Ochsenpferch, mit denen jedoch niemand sprechen durfte.

Meine Mutter und eine befreundete Frau haben sich allerdings nicht um dieses Verbot geschert und haben den Russinnen irgendetwas zugesteckt. Das muss der Bunkerwart aber mitbekommen haben, denn er kam zu meiner Mutter und fauchte sie an: ‚Wenn Sie das noch einmal machen, werden Sie deportiert!‘ Meine Mutter entgegnete ihm daraufhin: ‚Mein Mann kämpft für Sie in Russland. Es wäre besser für Sie, wenn Sie auch mal nach Russland kämen.‘ Damit war die Sache dann erledigt“.

„Und dann war da noch ein Ereignis, an das ich mich allerdings nur vage erinnern kann. Es war in den letzten Kriegstagen 1945. Wir waren eine Gruppe von fünf bis sechs Kindern und spielten an einem Sandhaufen, der an der Jungbuschbrücke lag, die damals noch Hindenburgbrücke hieß.

Plötzlich gab es einen fürchterlichen Schlag und wir sahen, dass es ein Einschlag am Bunker gewesen ist. Um uns herum war nur Geschrei, Lärm und Dreck. Wir Kinder sind dann schnell zum Bunker gerannt, wo es bereits Panik und Gedränge gab. Ein Freund von mir hat bei diesem Angriff einige Granatsplitter ins Knie bekommen. Viele Leute sind an diesem Tag vor dem Bunker sinnlos ums Leben gekommen. Wenn ich mich richtig erinnere, auch zwei Kinder, die ich kannte.“

Vor der Lutherkirche in Dammstraße – Konfirmation 1948. Foto: H. Halberstadt

Weihnachten 1944

„Eine besondere Erinnerung habe ich auch an das Weihnachtsfest 1944. Zu dieser Zeit war ich sehr in ein Mädchen verliebt, deren Familie auch stets im Bunker Zuflucht suchte. Wir beide haben uns allerdings nur angeschaut – gesprochen haben wir nie. Weihnachten 1944 war ich stark krank und lag mit hohem Fieber, einem richtigen Fieberwahn um genau zu sein, im Bett unserer Zelle. Die Partei organisiert damals Weihnachtsgeschenke für die im Bunker befindlichen Kinder. Zur Auswahl gab es dabei zwei Geschenke: Entweder sechs Zinnsoldaten oder sechs Tafeln Schokolade.

Da ich als Kind später ja auch einmal Soldat werden wollte, entschied ich mich für die Spielzeugsoldaten. Das Mädchen hingegen wählte die Schokolade. Am nächsten Tag wurde das Mädchen mitsamt ihrer Familie dann evakuiert. Kurz vor ihrer Evakuierung kam sie noch einmal zu mir ans Bett und schenkte mir drei ihrer Tafeln. Danach habe ich sie nie mehr wieder gesehen…“

Wie man den Krieg verarbeitet

Angesichts der geschilderten Erlebnisse stellt sich mir die Frage, inwieweit diese Zeit Einfluss auf seine persönliche Entwicklung hatte? Halberstadt kann das nur bestätigen: „Aus eigener Erfahrung kann ich da auf den Psychoanalytiker Tillmann Moser verweisen. Diese Erinnerungen bleiben haften und sie fließen unbewusst in die Kunst ein.“ Um den Wahrheitsgehalt seiner Aussage zu untermauern, zeigt mir der Künstler daraufhin einige seiner Werke.

Die Erinnerungen an die Luftangriffe verarbeitet Halberstadt auch heute noch in seinen Arbeiten. Hier eine Fotomontage mit der Jesuitenkirche im Vordergrund. Foto: H. Halberstadt

„Zu mir wurde mal gesagt: ‚Ihre Kunst und Bilder sind so düster‘ Darauf konnte ich nur entgegen: ‚Wissen Sie, ich bin ja ein Kriegskind. Wenn ganz Mannheim gebrannt hat, dann sah der Himmel halt so aus und nicht strahlend blau. “

Als ich nach vier Stunden sehr bewegt die Wohnung der Halberstadts verlasse, fliegt mit lautem Motorengeräusch ein Passagierflugzeug über mich hinweg, gen Süden zum Flughafen. Ich stelle mir kurz vor, es wäre 1941 und das Flugzeug wäre ein anderes …. Und bin plötzlich sehr dankbar, dass ich in einer Zeit und vor allem an einen Ort lebe, an dem keine Bomben aus dem Himmel fallen. Mit kommt  das kontrovers diskutierte Zitat des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl in den Sinn: „Die Gnade der späten Geburt.“ Selten war ein Zitat so passend, wie in diesem Moment…

Bedrohlich: Baumgewirr auf der Reiss-Insel. Halberstadt übermalt seine Fotos. Foto: H. Halberstadt

Der Marchivum-Blog Bedankt sich ganz herzlich bei Herr und Frau Halberstadt für ihre Gastfreundschaft und für das Interview.

Wenn auch Sie uns von Ihren Erinnerungen berichten möchten, würden wir uns über eine Kontaktaufnahme freuen.

 

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