Der Bunker – Ein Roman von Gerhard Zwerenz

Bunkerbauten sind auch oft Motive in der Literatur. Der satirische Roman „Der Bunker“ von Gerhard Zwerenz aus dem Jahr 1983 ist dabei auch gleich noch ein Stück Zeitgesichte.

Er erzählt vom Kalten Krieg im Jahre 1984 und gibt einen satirisch-fiktiven Ausblick in die Zukunft. Gerhard Zwerenz gehört in den 1970er Jahren zu den bekanntesten Autoren der westdeutschen Linken.

Die Sowjetunion und USA führen einen grausamen Atomkrieg aus – Mitteleuropa, darunter auch Deutschland, werden zum betroffenen Zentrum der nuklearischen Auseinandersetzung der beiden Supermächte. Der Roman ist inmitten dieses Kriegsszenariums aus der Perspektive des ehemaligen Pressesprechers Landauer geschrieben, welcher dem Leser seine Beobachtungen schildert.

Während der Rest der Bevölkerung von den möglichen Auswirkungen des Krieges zunächst unwissend bleibt, zieht sich die Regierung Deutschlands in ein unterirdisches Bunkersystem in der Eifel zurück, darunter auch der erzählende Protagonist Landauer. Dieser soll als Chronist die Lage dokumentieren, jedoch mit dem Auftrag die Mitschuld der deutschen Regierung am herrschenden Chaos zu verschleiern.

Von dort aus wird in eindrucksvoller detaillierter Erzählung von den Erfahrungen im Bunker und den Auswirkungen der immer näher rückenden nuklearen Bedrohung berichtet. Die Angst der Bunkerinsassen und auch die zunehmende Angst der Bürger außerhalb des Bunkers wachsen für den Leser spürbar.

Das weitverzweigte Bunkersystem in der Eifel bleibt in diesem Roman jedoch ein scheinbar elitärer, geschlossener Bau, welcher den Bürgern verwehrt bleibt und lediglich den Staatsoberhäuptern und weiteren für die Regierung nützlichen Personen vorenthalten ist. Die Ambivalenz zwischen elitären geschütztem Bunker und hilflosen, anfangs teils unwissenden Bürgern außerhalb, ist bedrückend.

Ein Friseursalon, inkl. Trockenhaube für die weblichen Mitglieder der Bundesregierung – an alles wurde im Regierungsbunker gedacht. Foto: Bunker Dokumentationsstätten Marienthall

Auch der Bundeskanzler, welcher keine reale historische Figur, sondern eine fiktive Person, als Mischung aus Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Franz Josef Strauß beschrieben wird, sucht im Bunker Schutz und spielt eine wichtige Rolle: An ihm lässt sich das zunehmende Schuldgefühl der Regierung an der bedrohlichen Situation Deutschlands erkennen.

„Wohin das Auge auch schweifte, dort unten war jedes Leben erstarrt. Die Ruhe der Erwartung lag über dem Land. In den Ortschaften sah man lange Reihen geparkter Kraftfahrzeuge. Keins bewegte sich. Kein Mensch wurde sichtbar. Sie waren in ihre Keller, Bunker, Unterstände gekrochen und lagen dort voller Angst und Ungewissheit vor dem war kommen werde.“ (S. 94)

Der Bunker wird beim Lesen eines solchen Romans nochmal aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet als bei heutigen Streifzügen durch leere oder anderweitig genutzte Bunker. Dem Leser wird die angespannte Lage in solch einem Lebensraum förmlich vor Augen geführt. Auch wenn die thematisierte Situation fiktiv ist, so besticht der Roman vor allem durch seine realistische, glaubhafte Schilderung der Ereignisse.

Zwerenz behandelt in diesem satirischen Roman die Kalte Krieg-Problematik, die auch in der Entstehungszeit des Romans tatsächlich eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Nachdem die beiden Supermächte bereits 1962 knapp einem neuen Weltkrieg im Rahmen der Kubakrise entkamen und der Welt womöglich erstmals die Gefahren eines möglichen Atomkrieges bewusst wurden, spielten nukleare militärische Auseinandersetzungen in den 1970 Jahren eine tragende Rolle.

Als die Sowjetunion ihre Mittelstreckenraketen durch modernere SS-20- Raketen ersetzte, forderten die USA eine Nachrüstung nuklearer Raketen, welche in Westdeutschland stationiert werden sollten. Infolgedessen wuchs seit 1979 die westdeutsche Friedensbewegung, die gegen einen solchen Atomkrieg war, welche letztlich in den beginnenden 1980 Jahren, zur Entstehungszeit des Romans, wohl ihren Höhepunkt erreichte. So wurden in dieser Zeit des Kalten Krieges auch tatsächlich viele städtische Bunker „atomsicher gemacht“ oder auch neu gebaut, darunter auch der Regierungsbunker südlich von Bonn, der Vorlage für das Bunkersystem im Roman ist.

Beitrag im Marchivum-Blog zum Regierungsbunker

Diese Zeit spiegelt sich auch in der fiktiven Szenerie des Romans „Der Bunker“ wieder, wobei der Bunker als elitärer Zufluchtsort in einen ungewöhnlichen Blickwinkel gerückt wird.

„Aber“ wende ich ein, „hier in unseren Schutzräumen besitzen Sie eine reale Überlebenschance.“ Sie hält kurz still, das seidene Knistern erstirbt mit ihren leichten, schattenhaft gleitenden Bewegungen, Ihre Augen sind bernsteinhell. „Wozu überleben?“ (S.348)

Zum Autor

Gerhard Zwerenz (1925-2015) meldete sich als Jugendlicher 1942 freiwillig zur Wehrmacht, geriet 1944 nach seiner Desertion zur Roten Armee bei Warschau in sowjetische Kriegsgefangenschaft.

1948 wurde er zur Volkspolizei verpflichtet, der er bis 1951 angehörte. Von 1949 bis 1957 war Zwerenz Mitglied der SED. Den Einsatz als Dozent an der Ingenieurschule Zwickau beendete eine Tbc-Erkrankung und ein längerer Aufenthalt in einem Sanatorium. Er studierte 1953 bis 1956 Philosophie bei Ernst Bloch in Leipzig. Ab 1956 arbeitete er als freiberuflicher Schriftsteller. 1957 wurde er aus der SED ausgeschlossen und floh nach West-Berlin. Gerhard Zwerenz lebte gemeinsam mit seiner Frau, der Autorin Ingrid Zwerenz,  in München, Köln, Offenbach/Main und zuletzt in Oberreifenberg/Taunus. Für die SED-Nachfolgepartei PDS saß er von 1994 bis 1998 im Bundestag.

Gerhard Zwerenz 1968 bei einer Podiumsdiskussion. Foto: blogs.taz.de

Zwei seiner Werke sorgten für größeres gesellschaftliches Aufsehen: In seinem Buch „Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond“ entwarf er die Figur eines jüdischen Spekulanten, die ihm den Vorwurf des Antisemitismus‘ einbrachte. Das Buch war die Vorlage für Rainer Werner Fassbinders umstrittenes Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“, das 1985 wegen Protesten abgesetzt wurde. 1988 löste Zwerenz‘ Essay „Soldaten sind Mörder“ einen Skandal aus.

Gerhard Zwerenz, Der Bunker, Roman, Schneekluth 1983

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