Juni 1964 – Testlauf für den Ernstfall

Im Juni 1964 wurden im ersten ABC- sicheren Bunker Deutschlands, in Dortmund, 154 Menschen für 6 Tage unter die Erde geschickt.

Der Kalte Krieg: Fallende Bomben, Kriegsflüchtlinge und Kriegsdienst waren zu Erinnerungen geworden, doch der Konflikt West gegen Ost hing nun wie eine drohende Wolke über der Welt. Regierungen widmeten sich neben dem Alltagsgeschäft der Frage nach dem Schutz der Bevölkerung, Bunker spielten somit weiter eine Rolle und wurden noch weiter ausgebaut.

Mit der Atombombe kam zudem eine Gefahr hinzu, bei deren Kalkulierung man sich nur bedingt auf Kriegserfahrungen beziehen konnte. Hiroshima und Nagasaki sind noch heute schreckliche Mahnmale für die Grausamkeit und die Wirkkraft und so fragten sich in den 1950er und 1960er Jahren Politiker auf allen Ebenen, wie die Bevölkerung geschützt werden kann. Welche Eigenschaften muss ein Bunker haben? Welche Fläche brauchen Menschen, um auch über einen längeren Zeitraum hinweg an Ort und Stelle auszuharren?

Man kann heute noch ein Gefühl der Testsitutation bekommen: Tim Henrichs führt regelmässig durch den Bunker. Foto: Oliver Schaper Ruhrnachrichten

Das Experiment

Im Juni 1964 wurde ein Experiment organisiert, um ebendiese Frage zu beantworten. Im ersten ABC- sicheren Bunker Deutschlands, in Dortmund, wurden 154 Menschen für 6 Tage unter die Erde geschickt. Der Bunker wurde für 3.5 Millionen aufgerüstet und nun sollte ein Experiment zeigen, wie es sich im Extremfall, also einem Atomschlag unter der Erde leben lässt.

Die Teilnehmer waren alle Freiwillige, unter ihnen zehn Journalisten, und die Altersverteilung reichte von 16 bis 67. Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, wobei die Boulevardpresse berichtete, dass junge Männer nicht mit jungen Frauen zusammenkamen, um sexuelle Übergriffe zu vermeiden. Außerdem war die Teilnahme an dem Experiment mit einer Summe von 375 DM entlohnt, Teilnehmer, die es schafften, 6 Tage durchzuhalten erhielten eine zusätzliche Prämie von 75 DM. Es ist wichtig zu beachten, dass dies den durchschnittlichen Stundenlohn von 4,50 unterschritt, denn auch mit der Prämie betrug die Entlohnung nur 3,12 DM  pro Stunde.

Proteste gegen den Atombunkertest. Die einen gehen mit Rucksack in den Bunker, andere demonstrieren. Foto: Westfälische Rundschau vom 09.06.1964, Ausgabe Nr.: 131, Seite 7

Das Experiment war hochumstritten – Atomgegner warfen den Teilnehmern eine indirekte Unterstützung der atomaren Gefahr vor und es gab außerdem Zweifel, wie repräsentativ und nützlich eine solche Unternehmung überhaupt sein könnte.

Dennoch betraten am 08. Juni 1964 die Testpersonen den Bunker mit der Absicht diesen erst nach 144 Stunden wieder zu verlassen und bis dahin so authentisch wie möglich zu leben – mit einem 6-Stunden-Tagesrhythmus und rationiertem Wasser und dauernder Überwachung durch Psychologen und Ärzte.

Der damalige Leiter des Experiments, Professor Josef Schunk, erhofft sich davon Daten über „das psychologische, soziale und physiologische Verhalten der Teilnehmer unter den beengten Bedingungen dieser Unterbringung und vor allem auch unter den Gesichtspunkten der völligen Abschließung von der Außenwelt“.

Blick in den Atombunker. Foto: Oliver Schaper Ruhrnachrichten

Wie valide die Erhebung der Daten war, darf allerdings heute angezweifelt werden, u.a. auch, weil der psychologische Fragebogen von jungen Frauen wissen wollte, ob diese „beim Küssen erröten“. Auch darüber hinaus waren die Bewohner nicht so isoliert, wie es bei einem nuklearen Angriff der Fall gewesen wäre: Zweimal täglich konnten Bewohner Briefe in die Außenwelt schicken und erhielten selbst einmal täglich Post.

Somit beschränkte sich die Simulation vor allem auf die Machbarkeit in Bezug aus Ressourcen, wobei besonders die Frage nach dem durchschnittlichen Wasserverbrauch von großem Interesse war.

Jede Testperson bekam eine Tasse Tee bei jeder Mahlzeit, darüber hinaus gab es keinen Zugang zu Flüssigkeit – außerdem wurde die durchschnittliche Menge an Urin gemessen. Diese Daten waren insofern von Bedeutung, als dass Wasser die wichtigste Ressource darstellen würde, allerdings nach einem Atomschlag kein Frischwasser mehr in den Bunker gelangen könnte. Und auch das Abwasser stellte ein Problem dar, denn jede Form von Austausch mit der Außenwelt bedeutet das Risiko der Kontamination und über längere Zeit den sicheren Tod.

Foto: Oliver Schaper Ruhrnachrichten

Es kam nie zu einem nuklearen Angriff, der kalte Krieg ging nie in die heiße Phase über und spätestens mit der Kuba-Krise verbreitete sich weltweit das Bewusstsein für Entspannungspolitik.

Die Tatsache, dass ein solches Experiment noch zwei Jahre später durchgeführt wurde, zeigt wie zerbrechlich der vermeintliche Frieden und wie angespannt die Lage noch immer war. Heute ist der Sonnenbunker vielmehr ein steinerner Zeitzeuge, der für Besucher geöffnet ist – und auch die Erinnerungen an das 6-tägige Experiment sind in Büchern nachzulesen.

Die Umrüstung des Bunkers kostete übrigens 3,5 Millionen DM.

Unter diesem Link kann der Bericht über den „Selbstversuch“ nachgelesen werden.

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