Achtung, frisch gestrichen!

Das Farbkonzept für das MARCHIVUM steht ganz unter dem Motto: Kontraste.

Dabei sollen sich die neu hinzugefügten Bauelemente ganz klar vom alten Bunker unterscheiden, innen wie außen. So ergibt sich ein spannungsreicher Effekt zwischen „damals“ und „heute“.

Für die Außenfassade bedeutet das, dass ein helles Grau als Anstrich für die Fassade des ehemaligen Bunkers gewählt wurde, welches sich deutlich von dem verglasten Kubus, der oben aufgesetzt wurde, abhebt. Durch die Reflexionen erscheint die Glasfassade des Kubus bei Tageslicht nämlich dunkel.

So oder so ähnlich wird das fertig Foyer einmal aussehen. Foto: Architekturbüro Schmucker

Besucher dürfen sich auf den durch Deckenbeleuchtung hell erstrahlenden Eingangsbereich freuen. Im Foyer zeichnet sich dann sogleich das Konzept ab, das den gesamten Innenbereich des Bunkers durchzieht: alle neu eingezogenen Wände sind durch ihr intensives Karminrot erkennbar. Im Gegenzug dazu blieb der Charakter des bestehenden Bunkers weitgehend erhalten: die Betonwände sind größtenteils unverputzt – vorhandene Farbanteile wurden entfernt – und Spuren des Verschleißes aus den mehr als 70 Jahren, die der Bunker nunmehr schon existiert, wurden bewusst nicht ausgebessert.

Artefakte wie dieses Überdruckventil wurden bewußt im Altbau belassen. Foto: R.Rosemann.

Auch einzelne Bauelemente, wie zum Beispiel Überreste der Lüftungsanlage oder die Bunkertüren, die damals als Zugang dienten, wurden an ihren ursprünglichen Stellen belassen. So kann man immer noch ein authentisches „Bunker-Feeling“ erleben.

Im Erdgeschoss wird im Archivshop neben der Kasse und einem Verkaufsbereich auch eine kleine Cafeteria eingerichtet werden, in der man nach dem Besuch des Dokumentationszentrums bei einer Tasse Kaffee das Gesehene noch einmal Revue passieren lassen kann. Dabei kann man durch das neu eingefügte Fenster sehen, wie dick die Außenwände des Bunkers sind, die dafür aufgesägt werden mussten. Die großformatigen Glastüren sorgen dafür, dass der Foyerbereich offen und geräumig erscheint.

Betongrau trifft Signalrot

Von dort aus gelangt man auch gleich in den mehrstöckigen Ausstellungsbereich. Auch hier steht der mit weißen Deckensegeln abgehängte Deckenbereich in starkem Kontrast zu dem neunen, rot gestrichenen Mauerwerk und den schwarzen Türen.

Die Triologie von Schwarz, Weiß und Rot wurde dabei auch unter historischem Bezug gewählt: die klassische Farbgebung moderner Architektur waren auch die deutschen Nationalfarben des 19. Jahrhunderts, welche die Nazis für Ihre Zwecke missbrauchten.“Da der Bunker aber vor allem ein Zeitzeugnis ist, sind diese Farben auch nicht eben unpassend,“ erklärt Jörg Deffner.

Die neuen Deckensegel bieten eine Akustik-, Heiz- und Kühlfunktion. Foto: R. Rosemann

Das NS-Dokumentationszentrum soll hier an den ursprünglichen Verwendungszweck des Bunkers gemahnen. Der Bunkercharakter bleibt durch viel Rohbeton allgegenwärtig. „Leider war es nicht möglich, alle Wände im Originalzustand zu retten“ bedauert Architekt Deffner, „die waren durch die massiven Eingriffe teilweise schon zu sehr zerbröselt“. Sie wurden neu verputzt und in betongrau überstrichen. Ein Durchgangsbereich, aus dem eine Zwischendecke herausgetrennt wurde, kommt der Multimedialität der geplanten Ausstellung zugute: die Bearbeitungsspuren an der Bunkerwand verhelfen zu einem interessanten Effekt, wenn diese als Projektionsfläche für Filme oder „Slideshows“ verwendet wird.

Zu großen Anteilen wurde der Originalboden im gesamten Bunker bewahrt, abgeschliffen und auf Hochglanz poliert. Wo neuer Belag eingefügt wurde, verwendete man das gleiche Material, jedoch kontrastiert die neue Fläche in Terrazzo-Technik mit den dunklen Asphaltfliesen aus Bitumen, welche in einem goldbraun schimmern. So findet sich die deutliche Abgrenzung zwischen „alt“ und „neu“ auch auf dem Fußboden wieder.

Die 2., 3. und 4. Etage wird die neue „Heimat“ des eigentlichen Archivs, der originalen historischen Dokumente der Stadt Mannheim. Dieser Bereich ist den Mitarbeitern des MARCHIVUMs vorbehalten. Obwohl die Architekten keinen Einfluss auf notwendige Elemente, wie die beweglichen Regale im Archivbereich hatten, fügen diese sich mit ihren standardisierten Grautönen und teilweise roten Kurbeln nahtlos in das farbliche Gesamtkonzept ein.

Die alten Treppen erscheinen nach dem Abschliff in einem grau getrübten Roséton. Dazu wurde das in den achtziger Jahren angebrachte Geländer in Schwarz gestrichen. Für den Transport von Personen und Aktenmaterial sind zwei unterschiedlich große Aufzüge installiert worden, die auch in ihrer Erscheinungsform ein verbindendes Element zwischen dem Bunker und seinen zwei neu gebauten Stockwerken werden sollen: mit einer Spiegelwand, weiß bedruckten Glaswänden und großflächiger Deckenbeleuchtung. So werden die Besucherinnen und Besucher durch Licht vom Eingangsbereich über den Aufzug bis in den Neubau geleitet. Schon für den Bereich vom Parkplatz bis zum Eingang ist geplant, durch ein Lichtkonzept den Weg zum MARCHIVUM zu erleichtern. (Hier der Artikel dazu)

Durch Nacht zum Licht: Willkommen in Neubau

Das Erscheinungsbild in den Etagen des Aufbaus stellt einen neuerlichen Kontrast zu den Bunkerräumen dar. Der Weißanteil nimmt hier wesentlich mehr Platz sein, es wirkt hell und modern, nicht zuletzt auch durch das Tageslicht, welches in den Ausstellungsräumen gänzlich fehlt. Darüber hinaus wurde auf dem gesamten Boden Teppich in Grautönen verlegt.

Breite Fensterbänke aus Eiche sorgen für Wohnlichkeit in den Büroräumen. Foto: R. Rosemann

Um mit einem lebendigen Material für eine wohnlichere Atmosphäre zu sorgen, wurden hier Akzente mit heller amerikanischer Eiche gesetzt; dazu gehören beispielsweise die breiten Fensterbänke und eine Garderobenwand. Dieses Holz wurde bereits für die Ausstattung des Archivshops und die Garderobe im Eingangsbereich verwendet. „Das Konzept hat während des zwei Jahre dauernden Bauprozesses auch eine Entwicklung durchgemacht“, berichtet Jörg Deffner. So war in einem früheren Entwurf noch vorgesehen, auch die Bürotüren aus Eichenholz zu fertigen. „Wichtig ist immer der Dialog mit dem Bauherren“, erzählt der Architekt weiter, „unsere Aufgabe dabei ist es, die Vorschläge aufzugreifen und zu prüfen, wie sie in das Gesamtkonzept integriert werden können. Direktor Nieß bevorzugt einen eher technisch-modernen Stil“.

Auffällig ist das rote Pixelmotiv im Teppichbelag des zentralen Multifunktionsraumes. Foto: R. Rosemann

Im Flur des öffentlichen Stockwerks tauchen daher Farben auf, die symbolisch für Gegenwart und Zukunft stehen. Ein besonderer Hingucker ist das rote Motiv aus großen Pixeln im Teppichbelag des zentralen Multifunktionsraumes vor den Vortrags- und Lesesälen. Das Mannheimer Stadtarchiv gilt europaweit als führend in der Digitalisierung von historischen Akten. Durch zeitgenössische Gestaltungselemente soll sich eine Assoziation mit dieser Technik ausdrücken. Das Pixelmuster des Bodenbelags korreliert dabei mit dem der äußeren Glasverkleidung: von innen ist diese nur durch verschieden große Punkte am oberen Rand der Fenster zu erkennen. Die Punkte muten wie ein vergrößertes Druckraster an, während sie, gruppiert in quadratischen Flächen, von Weitem wie überdimensionale Pixel erscheinen.

Eine Computersimulation des Keramikaufdrucks auf dem Glaskubus mit Wolkenspiegelung. Foto: Architekturbüro Schmucker

Durch die unterschiedlichen Größen der Rasterpunkte ergibt sich ein dreidimensionaler Effekt, der im Zusammenspiel mit der doppelten Glasschicht des Überbaus noch verstärkt wird. „Je nachdem, aus welchem Winkel man darauf guckt, erscheint die Optik anders“, erklärt Deffner. Mit dem Muster sollen die Wolken nachempfunden werden, die sich am Tag auf der Oberfläche spiegeln können. In der Nacht wird der durch die Fassadenbeleuchtung reflektierende Keramikdruck dafür sorgen, dass das MARCHIVUM schon von der Jungbuschbrücke aus gut zu sehen ist.

Die integrierte Holzbox für die Handbibliothek. Foto. R. Rosemann.

Neben dem Sekretariat und der Institutsleitung befinden sich in der 6. Etage auch ein großer Veranstaltungsraum inklusive Cateringküche, die Bauakteneinsicht und der historische Lesesaal. Hier sticht noch einmal ein kleiner, ganz in Rot gehaltener Bereich heraus, der in eine hölzerne Box integriert ist. Er erinnert ein wenig an das Signet „Mannheim im Quadrat“ und soll später als Raum für die Handbibliothek dienen. Auch das vollflächige Geländer des neuen Treppenhauses setzt nochmals einen roten Akzent. Das Digitalisierungszentrum und der Großteil des Personals werden zukünftig im fünften Obergeschoß untergebracht sein. In dieser Büroetage wurde die Farbe Rot stark reduziert eingesetzt. „Bunt wird es dann schon durch die Mitarbeiter“ meint der Architekt.

Ganz frisch gestrichen: das Geländer im neuen Treppenhaus. Foto: R. Rosemann.

Noch ist das MARCHIVUM Baustelle. Es kristallisiert sich aber schon langsam ein Bild heraus, wie es einmal aussehen wird, wenn es fertig ist. Bis zur Eröffnung wird sich aber auch noch viel tun. Der Gesamteindruck wird sich noch einmal deutlich weiterentwickeln, wenn erst das Mobiliar und vor allem die multimediale Ausstellung installiert werden. Man darf gespannt sein.

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