Meßplatzbunker: der Fall Harry Scholz

Der aus Breslau stammende Malermeister Harry Scholz träumte davon, sich durch ein kleines Einkaufszentrum im Meßplatzbunker eine neue Existenz aufbauen zu können.

Anfang der Kriegsjahre gebaut, stellte sich der für Passanten gedachte Schutzraum unter dem Alten Meßplatz als nicht standhaft genug für die Bomben heraus. Zunächst wurde er noch von den Mannschaften der Fesselballone und des Nebeltrupps genutzt, welche die Friedrichsbrücke verteidigten, später als Lagerraum. Die Gemeinnützige Baugesellschaft verwaltete die Räume. Ursprünglich war geplant gewesen, den Bunker nach dem Krieg in eine „Bedürfnisanstalt“ umzuwandeln.

Im April 1948 bewarb sich die Ringtauschzentrale dort unterzukommen, jedoch gab es „nach der Währungsreform keinen Bedarf mehr für eine solche Institution. Vier Monate später stellte sich der aus Breslau stammende Heimatvertriebene Malermeister Harry Scholz bei der Gemeinnützigen Baugemeinschaft Mannheim mit der Bitte vor, den Bunker mieten zu dürfen. Dies wurde bewilligt. Scholz bezog drei Räume, in denen er eine Maler- und Tüncherwerkstatt unterbrachte, sowie einen Verkaufsraum für Farben, Lacke, Tapeten
und Linoleum. Er beschäftigte einen Lehrling und zwei Gehilfen.

Ein viertel Jahr später bat er bei der Stadtverwaltung um die Genehmigung, einen überdachten Verkaufsstand am Eingang des Bunkers errichten zu dürfen, in welchem er in Vitrinen Ware auszustellen, sowie Zigaretten, alkoholfreie Getränke und Obst anzubieten gedachte. Zusammen mit einem Bekannten beantragte er mutmaßlich bei der Lebensmittelbehörde, zusätzlich eine Eisdiele führen zu dürfen.

Scholz verkaufte zu dieser Zeit im Bunker schon Lebensmittel: Zeitzeugen erzählen, dass ihre Großeltern dort immer Lebensmittel eingekauft haben, weil es nämlich sogen. „kleine Gebinde“ gab, die man damals mit dem wenigen Geld, das da war, bezahlen konnte. Foto: StadtA MA – ISG

Ende Dezember bat Scholz die Baugemeinschaft, an die Eheleute Baier untervermieten zu dürfen, die aus Schlesiens Hauptstadt Liegnitz geflüchtet waren und dort ein großes Damenkonfektionskaufhaus geführt hatten.

Ebenso hatte sich die Möbelhandlung Hoffrichter & Co „bei ihm eingenistet“, so die Baugemeinde, „unter dem Vorwand, dass es sich um eine Möbelbeschaffungsstelle für Flüchtlinge handele“. Ko-Inhaber waren die Schlesier Hoffmann und Starfinger. Bei letzterem handele es sich zugleich um den ehemaligen Verwalter des Ochsenpferchbunkers, der wegen 10.000 Mark Zahlungsrückstand bei den Stromkosten abgesetzt werden musste.

Hsns Roden fotografierte 1949 die verschiedenen Läden, die sich im Meßplatzbunker befanden. Foto: StadtA MA – ISG

Harry Scholz war Schlesier. Durch die Flucht hatte der Malermeister sein Hab und Gut verloren, war in Mannheim gelandet, wo er zusammen mit seiner Frau und seinem 14-jährigen Sohn ein einziges, möbliertes Zimmer zur Untermiete bewohnte. Zu seinen wenigen Besitztümern gehörte ein Luftschutzbett, auf welchem wohl der Junge geschlafen haben mag.

Ein Gutachten der Fürsorge beschrieb die Verhältnisse als „ärmlich, aber recht ordentlich“. Der Familienvater sei sehr bemüht, eine neue Existenz aufzubauen, habe aber schwer zu kämpfen. Aufgrund eines durch ein amerikanisches Militärfahrzeug verschuldeten Unfalls im Jahr 1945 war er erwerbsgemindert und hatte noch Schulden bei der AOK für die Behandlung. Auch kostete der Besuch der Oberschule seines Sohns in damaliger Zeit Gebühren.

Auch einen Schuhverkauf scheint es im Meßplatzbunker gegeben zu haben. Die Aufnahme ist von 1949. Foto: StadtA MA – ISG

Nachdem der Antrag auf den Bau des oberirdischen Verkaufsstandes nach über 6 Monaten immer noch nicht bearbeitet wurde, schaltete sich die Flüchtlingshilfe ein. Aufgrund einer Anfrage des Vorsitzenden der Flüchtlingsvereinigung Mannheim e.V. kam schließlich eine Antwort. Es stellte sich heraus, dass Scholz die Bunkerräume im Auftrag der Lack- und Farbengroßhandlung J. Steffen in Hilzingen (Hegau) als Auslieferungslager anmieten sollte, aber den Vertrag stattdessen mit seinem eigenen Namen unterschrieben hatte. Nach Angaben der Firma wollte er sie damit – eine Einstellung seinerseits betreffend – unter Druck setzen. Nachdem diese nicht auf seine Bedingungen eingehen wollte, sahen beide Parteien von einer Zusammenarbeit ab. Obwohl Steffen weiterhin an den Lagerräumen in Mannheim interessiert war, schien er jedoch den Vorfall nicht zur Anzeige gebracht zu haben.

Ebenfalls aus der Fotoserie von Hans Roden: Kleiderverkauf im Tiefbunker. Foto: StadtA MA – ISG

Die Stadtverwaltung entschied mit einer Ablehnung über Scholz‘ Baugenehmigungsantrag. Die Erfolgsaussichten wurden zu schlecht eingeschätzt: Der Maler war bereits vier Monate mit den Mietzahlungen im Rückstand, er habe seine Gehilfen wegen Arbeitsmangel entlassen und sein Geschäft sei in letzter Zeit häufig geschlossen gewesen. Auch Hoffrichter habe mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Man bezweifelte zudem, dass die Angabe selbst aufgebrachter Renovierungskosten von insgesamt rund 3000 Mark für alle drei Firmen korrekt sei, für die Scholz Flüchtlingshilfe beantragt hatte. Die Stadt hatte einige Aufwendungen übernommen und Scholz viele Arbeiten selbst verrichtet.

Im Vergleich zur Firma Rothärmel, welche die Flüchtlingshilfe in ihrer Argumentation nannte, fehle es dem zugezogenen Maler zudem an Bekanntheit. Rothärmel hatte ohne polizeiliche Genehmigung begonnen, einen Standort am Neckarufer zu bauen (Anmerk: Marchivum-Blog: in dem Bunker an der Schafweide – wir werden noch darüber berichten), der jedoch rückwirkend genehmigt wurde. Man habe zu bedenken, dass die Friedrichsbrücke damals zerstört und noch nicht vollständig wiederaufgebaut war.

Der Verbleib von Harry Scholz ist ungewiss. Sicher ist nur, dass der Messplatzbunker 1956 vom Bund an die Stadt Mannheim vermietet wurde.

Das Schicksal von Harry Scholz nur ist eines von vielen Flüchtlingsschicksalen nach dem Zweiten Weltkrieg in Mannheim. Die Unterlagen des Stadtarchivs lassen ihn als pfiffigen Geschäftsmann erscheinen, der große Visionen hatte und alles versuchte, um an Startkapital für seine Geschäftsideen zu kommen. Hätte die Stadt ihn finanziell unterstützt, wäre es vielleicht anders gelaufen. Die Akten zeigen auch, dass wenn die Not groß ist, oftmals zu kriminellen Methoden gegriffen wird, und dass der Zusammenhalt zwischen den Flüchtlingen gleicher Herkunft sehr stark war.

Quellen:

Stadtarchiv Mannheim: Bildsammlung, Plansammlung, Akten.

 

 

Kommentieren