Fassadenbemalung als Zeitdokument

Viele Bunker prägen heute noch das Stadtbild deutscher Städte. Während ihre hohen Betonmauern einst Schutz boten, dienen heute viele davon als Leinwand für Kunstprojekte. In Bremen und Düsseldorf finden sich zwei außergewöhnliche Beispiele für die „Kunst am Bunker“.

 Der Bunker Pastorenweg in Bremen

Obwohl nicht höher als die umliegenden Wohnhäuser, sticht im Bremer Pastorenweg im Stadtteil Gröpelingen ein Gebäude besonders hervor: ein auf drei Seiten bemalter Bunker. 1978 gestaltet der Künstler Jürgen Waller mit Studierenden der Bremer Hochschule für Künste die Wandfläche von insgesamt 531 m2. Sie erschufen mit dem politischen Wandfries ein Historienbild mit der bewegten hundertjährigen Geschichte des Stadtteils, die besonders durch die Schiffswerft AG Weser geprägt ist.

Die östliche Querwand zeigt die vorindustrielle Idylle. Quelle: spurensuche-bremen.de

Die östliche Querwand mutet dabei zunächst noch sehr idyllisch an. Ein Pärchen in Rückenansicht blickt auf eine kleine Ansammlung von Häusern, die von einer Windmühle überragt werden. Doch bereits auf der rechten Seite macht sich mit verschiedenen Maschinen im Vordergrund und einem großen Baukran als Gegensatz zur Windmühle die aufkommende Industrialisierung bemerkbar.

Die Längsseite des Bunkers zeigt die Gesichte des Stadtteils bis nach dem 2. Weltkrieg. Quelle: Foto: Alena Zeman (fotos-bilder.de)

Das Motiv des Krans wird auf der Längsseite des Bunkers wieder aufgenommen. Dort verweist er mit dem Luxusschiff „Bremer“ auf die aufstrebende Werft AG Weser. Neben dem Luxusdampfer wurden jedoch auch während des 1. Weltkrieges Kriegsschiffe produzierte. Der erste Weltkrieg wird dabei durch einen übergroßen Soldaten und einer ängstlich unter ihrem Tuch hervorblickenden Figur neben dem Soldaten verdeutlicht.

Zahlreiche regionale Personen und Geschehnisse des Krieges werden bis zu einer zerbrochene Säule mit dem Hakenkreuz und dem Reichsadler im Wandbild festgehalten. Diese Säule symbolisiert schließlich den zweiten Weltkrieg und sein Ende 1945.

Gröpelingen nach dem Zweiten Weltkrieg. Quelle: Foto: Alena Zeman (fotos-bilder.de)

Von diesem Punkt aus werden die Farben des Gemäldes, welche zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg auf grau und braun reduziert wurden, mit grünen und blauen Akzenten wieder heller und freundlicher. Ein kahler Baum, der in Richtung der vergangenen Kriege wächst, wird auf seiner Seite die in die Zukunft weist wieder grün und ist damit ein Symbol der Hoffnung. Doch die Zeit nach 1945 brachte auch für den Stadtteil Gröpelingen nicht nur Positives mit sich. Das Viertel versinkt in seinem Wohlstandsmüll der Nachkriegsgesellschaft. Gleichzeitig ist es jedoch auch durch Aufbau und Neubeginn geprägt und zeigt durch die Darstellung eines großen Computers seinen Schritt in die Zukunft.

Prägend für das Viertel bleibt auch in den Nachkriegsjahren die Werft AG Weser, in der erneut ein großes Schiff liegt. Mit seiner Positionierung an der Schnittstelle der Längs- und Querseite des Bunkers bekomm das Schiff eine Dreidimensionale Wirkung und scheint sich aus dem Gemälde herauszulösen.

Der Niedergang der Werft deutet sich schon auf dem Wandbild des Künstlers an. Foto: Alena Zeman (fotos-bilder.de)

Die zweite Querseite des Bunkers zeigt jedoch keine ausgelastete Werft mit vielen Arbeitern, sondern den Niedergang der seit 140 Jahren bestehenden Werft. Die Arbeiter stehen vor einem leeren Dock und bangen um ihre Arbeit. Das Gemälde zeigte bereits den Arbeitskampf der Werftarbeiter. Eine weitere Seite des Bunkers ist nicht bemalt. Doch sie würde leider kein besseres Bild zeichnen: 1983 wurde die Weser-AG geschlossen.

Der Bilker-Bunker in Düsseldorf

Die Fassadenbemalung „Zeit-Reisende“ am Bunker des Düsseldorfer Stadtteils Bilk wurde 1995 vom Künstlerverein Farbfieber e.V. unter der Leitung von Klaus Klinger innerhalb von zehn Wochen realisiert. Dabei unterstützten und förderten eine Reihe von regionalen Initiativen das Projekt.

Das Wandbild thematisiert das Zusammenleben, sowohl im Stadtteil als auch auf der ganzen Welt. Dafür arbeitete ein internationales Team mit Künstlern und Helfern aus Kuba, Kolumbien, Argentinien, der Türkei, den Niederlanden und Deutschland an der Umsetzung des Kunstwerks auf der 700qm großen Bunkerfassade.

Panoramabild „übers Eck“ – Zeitreisende (1995) Foto: Klaus Kleber, Farbfieber e.V.

Das surrealistische Bild zeigt eine Gruppe unterschiedlicher Personen und Gegenstände, die zusammen in einem Karton auf dem Meer rudern. Ein zweites Bildelement ist ein Leuchtturm, der den Eingang zu einer ehemaligen Schule hinter dem Bunker markiert, worin sich viele kulturelle Einrichtungen befinden, die auch an dem Projekt beteiligt waren.

Die Menschendarstellungen zeigen zum einen prominente Figuren aus der Geschichte Düsseldorfs, wie z.B. Heinrich Heine oder den „schwarzen Fürsten“ aus einen Gemälde Paul Klees; zum anderen symbolisieren sie Menschen unterschiedlicher Nationalität und Kultur.

Ein Ausschnitt des surrealistischen Wandgemäldes Foto: Klaus Kleber, Farbfieber e.V.

Zusammengepfercht in der schon leicht ramponierten Pappschachtel greift die Symbolik die Instabilität und Dynamik des Miteinanders in der globalisierten Welt auf. Nach der letzten großen Flüchtlingsbewegung der 1990er Jahre wurde damit auf ein Thema Bezug genommen, welches heute noch an Aktualität gewonnen hat.

Damit ist das Wandgemälde zu einem weiteren Zeitdokument geworden, welches durch den Verkauf des Bunkers nicht zerstört werden sollte. Dafür hat sich die Bürgerinitiative „Bilk pro Bunker“ eingesetzt, nachdem der Investor den Bunker 2013 für den Bau neuer Eigentumswohnungen abreißen lassen wollte. Durch ihr Engagement gelang es, den Hochbunker in der Aachener Straße unter Denkmalschutz zu stellen, und somit auch dessen Fassadenkunst zu bewahren.

Kreative Bilker Bürger gestalteten Plakate, die in der BiBaBuZe-Buchhandlung zusammen mit Unterschriftenlisten abzuholen waren.
Fotos: Peter Schulz, Bürgerinitiative Bilk pro Bunker

Ein Ziel des Kunstprojekts war es, die Bewohner zur gedanklichen Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte in Beziehung zu anderen Ländern und der kreativen Mitgestaltung einer friedlichen Koexistenz der Kulturen in ihrem Stadtteil anzuregen, denn Bilk verfügt über einen hohen Ausländeranteil. Dies war schon damit erreicht, dass sich nach dem Bekanntwerden des Projekts über 20 freiwilliger Helferinnen und Helfer unterschiedlichsten Alters und sozialer Herkunft, sowie aus fünf verschiedenen Nationen meldeten.

Parallel entwickelte sich in einem benachbarten Cafe eine Art Stammtisch während der Malphase. Durch die Arbeiten wurden viele spontane Diskussionen mit Passanten und Anwohnern angeregt. Während ältere Bewohner von ihren Kindheitserlebnissen mit dem Bunker im Zweiten Weltkrieg erzählten, wurde Jüngeren oft erst durch die Aktion bewusst, um was für ein Gebäude es sich handelt.

Zwei Künstler am Werk, Fotos: Peter Schulz, Bürgerinitiative Bilk pro Bunker

Nachdem der Bunker 2013 für eine Jahresausstellung des Vereins Düsseldorfer Künstler unter dem Motto „Schutzraum“ zum ersten Mal für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, wurden auch die „Häuserwachküssgesellschaft“ Küssdenfrosch auf das Gebäude aufmerksam. Sie erwarben 2016 das Objekt und beschlossen, ähnlich wie beim Marchivum, nur einen neuen Aufsatz mit Eigentumswohnungen zu bauen, während der ehemalige Bunker als kulturelle, von den Bürgern mitbestimmte Einrichtung genutzt werden sollte. In einem Ideenwettbewerb wurde Ende 2016 beschlossen, ein Kino in dem alten Schutzraum zu installieren. Der Umzug selbst soll in einem studentischen Projekt dokumentiert werden.

Mit einer Sambagruppe demonstrierten die Bilker für den Erhalt des Bunkers.Fotos: Peter Schulz, Bürgerinitiative Bilk pro Bunker

Quellen

Bunker im Pastorenweg Bremen:

https://www.artificialis.eu/artificialisold/de-groepelingen.html

http://www.spurensuche-bremen.de/spur/bunkerbemalung-pastorenweg/

Bilker Bunker Düsseldorf an der Aachener Straße:

http://farbfieber.de/UNIQ151223721314016/doc97A.html
http://bilk-pro-bunker.de

http://www.kuessdenfrosch.haus/#presse
Der Bunker vor der Sanierung:

https://www.youtube.com/watch?v=NmE-WdU6vso&feature=youtu.be&autoplay=true

Dokumentationsfilm: „Bunkerwand – der Hochbunker in Düsseldorf-Bilk wird zum mahnenden Kunstwerk“: https://www.youtube.com/watch?v=S0aF5xmzJiw

Reportage: „Schutzraum – Kunst im Bunker“:

https://www.youtube.com/watch?v=tZLsdN4p7yM

http://www.wz.de/lokales/duesseldorf/bilker-bunker-kommt-ins-kino-1.2429556

Kommentare

  1. Zunächst einmal ist es am sinnvollsten, Bunker einer wirtschaftlichen praktischen Nutzung zuzuführen (wie beim Ochsenpferchbunker). Dies sollte aber nicht ausschließen solche Bauwerke äußerlich lebendiger zu gestalten, wie man es in Mannheim bereits ansatzweise vom Projekt Stadt.Wand.Kunst bei Wohnblocks kennt (http://www.stadt-wand-kunst.de/). Dort ist allerdings die Vergänglichkeit bewusst Teil des Konzepts. Die Überschrift „Fassadenbemalung als Zeitdokument“ hingegen würde Dauerhaftigkeit implizieren – mit späteren, zeit- und kostenaufwändigen Erhaltungs- und Restaurierungsmaßnahmen.

  2. Verfolge den Blog schon sehr lange. Immer wieder sehr gute Artikel zu MA, zum Marchivum natürlich, aber auch zu anderen Bunkern in anderen Städten. Diesmal der Bericht zum Bunker in meiner Heimatstadt Düsseldorf. Natürlich gibt es auch hier in D nicht nur den farbenfrohen Bilker Bunker.
    Freue mich auf weitere Artikel, denn bis zum Einzug ins Marchivum sind ja noch ca. 3 Monate Zeit.

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