Beton, Kriegsbauten, Kirchen – Die Kirche von Nevers

Bunker bieten, wie andere Kriegsbauten auch, die Möglichkeit auf empathische und symbolhafte Art menschliche Regungen zu gestalten. Man projiziert Monumentalität und Schutzhaftigkeit in das Gebäude, genauso wie eine gewisse dramatische Emotionalität. Eine Frage jedoch stellt sich: in wie weit ist ein Kriegsbau, speziell ein Bunker, als Kirchensymbol und Sakralbau angemessen?

Das Material, der Beton, kann konstruktiv und auch gestaltend in Einsatz kommen. Durch Gussverfahren und Schalungsmethoden, werden Formen und Ornamente erstellt. Ist aber Kriegsmaterial als Kirchenkunst akzeptabel?

In wie weit dies anerkannt wird, hängt von der Gemeinde und der Auffassung der Gestalter und Architekten ab. Sieht man den Bunker unter der Funktion des Schutzraum als Gestaltungsmittel, so steht die Parallele fest: Schutz bietet die Religion, vor innerlicher Verwüstung und Schäden. Ebenso dient der Bunker in einem Übertragenen Sinne zum Schutz vor äußerer Gewalt.

Der Baustoff Beton ist leicht transportabel und kann vor  Ort hergestellt werden. Wasser, Zement und Zuschlagsstoffe werden dazu benötigt; diese Banalität an Herstellung schafft eine Größe: die Kirche. Dies zeigt, wie „kleine Dinge Großes schaffen“.

Foto aus der Zeit kurz nach der Fertigstellung. Foto: astudejaoublie.blogspot.de

Foto aus der Zeit kurz nach der Fertigstellung. Foto: astudejaoublie.blogspot.de

Ste-Bernadette-du-Banlay wurde 1964-1967 von Claude Parent und Paul Virilio erbaut. Sie stellt einen bunkerbauähnlichen Charakter da, welcher geprägt wurde durch die Kindheitserinnerungen an Krieg und Zerstörung von Virilio. Die Architektur wird somit als aktive Reaktion betrachtet, in dem sie die Thematik von “Leben“ behandelt. Seit 2006 gehört Nevres Kirche zu den Nationaldenkmälern und steht unter denkmalpflegerischem Schutz.

Foto: astudejaoublie.blogspot.de

Foto: astudejaoublie.blogspot.de

Parent gründete mit Virilio die Gruppe „Architecture principe“ im Jahr 1963, in der künstlerisch-literarisch thematisierte Darstellungen dieser Aspekte diskutiert und entworfen wurden. Hier schrieb Virilio in der Publikationsreihe der Gruppe erstmals über Bunker.

Die Kirche zeigt konstruktivistische Formen und stellt ein geometrisches Motiv dar. Die Formen sind kantig und winklig. Das Gebäude wirkt monolithisch. In Christian Welzbachers Buch „Bunker… Expeditionen zum Nullpunkt der Moderne“ wird deutlich, dass Nevres Kirche „keine militärische Einrichtung ist, sondern ein Verwaltung von Macht, auf anderer, eigener, eigendynamischer Ebene.“

Ähnlichkeiten zu Le Corbusier werden ausgeschlossen, da Ste-Bernadette-du-Banlay lediglich an einen Bunker erinnern soll und keinen darstellen sollte. Zur Entstehungszeit war die Kirche durch das noch nicht verabschiedete zweite  Vatikanische Konzil in einem Umwälzungsprozess. Dazu schreibt Welzbacher: „Halten wir also fest: Die Kirch von Nevres entstand inmitten eine fundamentalen Umbruchprozesses, der Experimente solcher Art möglich machte, da sie als Teil einer Suchbewegung begriffen werden konnten, auf dem Weg hin zu einer sichtbaren Erneuerung der Kirche als Ganzem.“ […]

Blick ins Innere der Kirche während der Bauzeit. Foto: astudejaoublie.blogspot.de

Blick ins Innere der Kirche während der Bauzeit. Foto: astudejaoublie.blogspot.de

Claude Parent sagte über diese Kirche: „Die Kirche in Nevres ist, wie ich einmal gesagt habe, ein grauer Kreisel. Sie steht auf einem Feld im Nirgendwo in einem benachteiligten Vorort. Was haben wir nun gemacht? Wir haben sie kaputt gemacht, zerbrochen. Wir haben einen virtuellen Hammer gesucht und diesen Kreisel entzweigebrochen. Dann haben wir beide Hälften gegeneinander verschoben und einen der Appendixe entwickelt, der die Form wieder zusammenführt, ohne sie zu schließen.“.

Wichtige Schlagworte, welche sich auch auf Kirche im Allgemeinen beziehen lassen sind: Nirgendwo (Standort), Kreisel (Kreislauf), zerbrochen (Zerstörung), Hälften verschieben und zusammenführen (ein Kaputtes zum Ganzen machen).

Metaphern der Krieges und Metaphern für die Kirche. Man schafft an un-scheinbaren Plätzen etwas Heiliges. Führt etwas Zerstörtes (durch Krieg?!) wieder zusammen. Ästhetik, Symbolgehalt, Funktion, alles spielt bei diesem Bau eine Rolle.

Bunker werden als Negativform gedeutet, sie werden im Zusammenhang des Krieges gesehen, von welchem der Schrecken und die Zerstörung im Vordergrund stehen. Die Schutzfunktion steht dabei im Hintergrund. Einen emotionalen Apell, der subjektiv im Menschen verarbeitet werden muss, transportiert die an einen Bunker erinnernde Kirche in Nevres allemal.

Kommentare

  1. Sehr guter Blog: abwechslungsreich, interessante Informationen, regelmäßiges Erscheinen.

  2. Sehr gelungener Umbau – sicher nicht so gemeint, aber durchaus in der Tradition der mittelalterlichen Wehrkirchen.

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