„Die Mannheimer wollen niemals mehr in die Bunker …“

Diese Äußerung des Mannheimer Oberbürgermeisters Hermann Heimerich stieß wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sicherlich auf breite Zustimmung in der Bevölkerung.

Damals dienten die Zellen des Hochbunkers aufgrund der Wohnraumnot als willkommene Quartiere, die allerdings nach und nach zu Obdachlosenunterkünften abgewirtschaftet wurden. Erst 1966 war das erklärte Ziel der Stadtverwaltung erreicht, allen Bewohnern den Auszug aus den ärmlichen und verkommenen Behausungen des sogenannten Ochsenpferchbunkers in der Neckarstadt West zu ermöglichen. Der folgende Beitrag wirft einige Schlaglichter auf das Schicksaal des Bunkers während des Kalten Kriegs.

Der Ochsenpferchbunker in der Nachkriegszeit. Foto: StadtA MA – ISG

Unmittelbar nach Kriegsende 1945 blieben die Mannheimer Bunker zunächst in der Verwaltung der Stadt, bis schließlich 1952 nach Konstituierung des Landes Baden Württemberg der Bundesminister der Finanzen verfügte, dass „die bombensicheren Hoch- und Tiefbunker, die auf Kosten des ehemaligen Reiches erbaut und verwaltet worden sind, als reichseigener Besitz zu behandeln und nunmehr von den zuständigen Oberfinanzdirektionen zu verwalten sind.“ Das staatliche Luftschutzgesetz von 1957 besagte sodann, dass die Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg soweit möglich für den Luftschutz instand zu setzen wären.

Oberbürgermeister Dr. Hermann Heimerich (1949–1955) war diesbezüglich allerdings anderer Meinung, wie im Badischen Volksecho von 8. November 1954 zu lesen ist: „Die Mannheimer wollen niemals mehr in die Bunker. Weder zu Wohnzwecken noch als Schutzsuchende vor neuem Bombenhagel. Deshalb müssen die Bunker alle restlos zugemauert werden.“

Aber bereits unter Hans Reschke (1956–1972), dem Nachfolger von Heimerich ging man davon aus, dass „in der kommenden Zeit mit einer Intensivierung der Luftschutzmaßnahmen gerechnet werden muss.“ Heimerich war von Amts wegen Luftschutzleiter der Stadt Mannheim, die nach wie vor als Luftschutzort erster Ordnung galt.

Damit die Bunker für den Zivilschutz bereitgestellt werden konnten, war es ein dringendes Anliegen, die letzten Bunkerbewohner umzuquartieren. 53 Personen lebten nach dem Zeitungsbericht der RNZ vom 19. August 1966 offensichtlich noch im Ochsenpferchbunker. Räumung und Reinigung sollten bis Ende August 1966 abgeschlossen sein.

Trotzdem war man offensichtlich nicht bereit, einem erneuten Krieg ins Auge zu schauen. Man versuchte ihn im wahrsten Sinne des Wortes zu verbergen. In einer Verfügung vom 25. März 1968 wurde die Frage aufgeworfen „ob und wie die einzelnen Hochbunker im Stadtgebiet mir Gehölzen abgeschirmt werden können.“ Dabei erkannte man beim Ochsenpferchbunker diesbezüglich „Dringlichkeitsstufe I“: Das Grünflächenamt veranschlagte 640 DM für vier Bäume und sechs Baumgruben für wilden Wein. Der ganz und gar nicht martialische Wunsch nach Verschleierung der eigentlichen Funktion des Bunkers fand darin seinen Ausdruck.

Auch in den Folgejahren schien die Bereitstellung der alten Bunker für einen eventuell eintretenden Kriegsfall nicht die oberste Priorität einzunehmen. 1975 fand eine Bunkerbegehung durch Vertreter der Stadtverwaltung statt, um die Möglichkeit einer zivilen Nutzung zu eruieren: „Bezüglich der zivilen Nutzung sowohl der Tiefbunker als auch der Hochbunker ist festzustellen, daß eine Nutzung nur möglich sein wird, wenn Investitionen vorgenommen werden, die in keinem Verhältnis zu dem erzielbaren Nutzen stehen….

  1. Die Bunker sind nicht ausreichend belüftet, da sie sehr dicke Wände und Decken und nur kleinste Öffnungen haben.
  2. Die Isolierung gegen Feuchtigkeit ist sehr schlecht.
  3. Die vorhandenen Eingänge müßten bis auf jeweils einen zugemauert werden, da immer wieder Bunkereinbrüche vorgenommen wurden und Unrat in den Bunkereingängen abgelagert wurde.
  4. Die sanitären Einrichtungen und die Lüftungsanlagen sind nicht betriebsbereit.
  5. Wenn Entfestigungsmaßnahmen durchgeführt würden, fielen hier ebenfalls sehr hohe Kosten an und die Bunker wären dann nicht mehr als Schutzbauten zu gebrauchen.“

Besichtigt wurden acht Bunker, darunter auch der Hochbunker in der Bürgermeister-Fuchs-Str.: „Dieser Bunker ist ebenfalls sehr groß…Sein genauer Zustand konnte jedoch nicht festgestellt werden, da auch in ihm kein Licht brannte. Im 2. Kellergeschoß steht auch Wasser.“

Aufgrund der hohen Kosten für eine zivile Nutzung richtete schließlich Oberbürgermeister Prof. Ludwig Ratzel (1972–1980) am 21. Juni 1976 die Bitte an die Oberfinanzdirektion Karlsruhe, die Bunker instand setzen zu lassen und ihnen ein freundlicheres Äußeres zu geben, denn „die aus der Bevölkerung ständig vorgebrachten Beschwerden über diese häßlichen Fremdkörper bestehen m.E. zu recht.“

Weiterhin wurden aber selbst in diesen Zeiten des Kalten Krieges neue Funktionen für die Bunker in Betracht gezogen. Zum Beispiel erwog man 1978 aufgrund der beginnenden Parkplatzsorgen in der Innenstadt 1978 in Zusammenhang mit der Neubebauung von N1 im Bunker unterm Paradeplatz ein Parkhaus einzurichten und bittet das RP Karlsruhe um „Befreiung vom Beseitigungsverbot des Schutzraums.

Doch die wachsende Angst der Bevölkerung vor einem Atomkrieg gemahnte daran. die eigentliche Aufgabe der Bunker, die des Zivilschutzes, im Auge zu behalten. Nicht nur die Bürgerinitiative „Selbstschutz vor dem Atomtod“ glaubte damals ernsthaft, dass ein Schutz vor Atomstrahlung in Schutzräumen und ABC-Bunkern möglich war. Doch hätten in Mannheim ohnehin nur vier Bunker mit etwa 7300 Plätzen vermeintlich Schutz vor einem ABC-Schlag für 10-14 Tage geboten: Die Tiefbunker in N 1, Q 6 und in der Hochuferstraße sowie der sogenannte Böcklinbunker, ein Hochbunker in Neuostheim.

Der Bunker im Umbau während des Filteranbaus 1980. Foto: StadtA MA – ISG

Am 12. Juli 1978 unterschrieb Bürgermeister Dr. Watzinger (1962-1978) eine Übernahmebereitschaftserklärung für einige Bunker, darunter auch für „Nr. 15 Bgm.-Fuchs-Straße“. Der Bunker würde in die Verwaltung der Stadt übernommen, wenn er nach den „baufachlichen Richtlinien für die Nutzbarmachung vorhandener öffentlicher Schutzbunker“ instandgesetzt sein würde. Der Schutz der Zivilbevölkerung und somit Betrieb und Unterhaltung der Schutzbauten wurde zur Aufgabe der Gemeinden. „Eine plötzlich beginnende kriegerische Auseinandersetzung mit den Staaten des Warschauer Paktes“ war nicht mehr ausgeschlossen. Europa galt als Schlachtfeld eines atomaren Krieges.

Aus verschiedenen Aktennotizen geht hervor, dass vom Bund beabsichtigt war, den Bunker „Nr. 15 Bgm- Fuchs-Straße“ für Notfälle instand zu setzen. Dafür wurden folgende Maßnahmen im Innenausbau durchgeführt: Größere Räume entstanden durch Entfernung der Zellenwände, Türschleusen mit Zählanlagen sollten eingebaut werden, außerdem Liegen, die an der Decke festgezurrt werden konnten und Klappsitze, die nur im Bedarfsfall zur Verfügung stehen.

Dieseltanks sollten bis zu 14 Tage Generatoren in Betrieb halten. Am Treppenhaus wurden Mauern eingezogen, die den Zugang zu den Stockwerken verengten. 1980 schließlich wurden die Stutzen der alten Belüftungsanlage auf dem Dach abgebrochen. Bei einem Ortstermin am 11. Juni 1980 im Rahmen der Instandsetzung des Ochsenpferchbunkers legte das Staatliche Hochbauamt eine neue Planung für den Filteranbau an der Neckarseite vor: Der Anbau erstreckte sich über dem Eingangsbereich bis zum 3. OG und griff die horizontalen Gesimse der Bunkerfront auf, die Vorderfront sprang hinter den vorhandenen Eckbauten nur leicht zurück. Der Umbau war im Folgejahr fertig, der Aufenthalt sollte auf zehn Stunden beschränkt bleiben.

Mit diesem Protokoll vom November 1980 wurde der Bunker wieder zum öffentlichen Schutzraum umgebaut. Foto: StadtA MA – ISG

Im Anschluss an die Sanierung der Betonaußenflächen ab März 1981 wurde nicht zum ersten Mal eine farbliche Gestaltung des Bunkers in Erwägung gezogen – siehe auch Facelift für Mannheims Hochbunker.

Mit der Fertigstellung des Bunkers kam die Stadt Mannheim ihren Pflichten gemäß dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts nach: „Gemeinden sind verpflichtet, öffentliche Schutzräume und deren Ausstattung zu verwalten und zu unterhalten.“

Daraus begründete sich auch der Antrag der Grünen zur Gemeinderatssitzung vom 24. September 1985, die Verwaltung möge Fragen zur Anzahl der Bunkerplätze, zur Art der Schutzräume und zur Dauer des Schutzes vor ABC-Waffen beantworten. Die Antwort erfolgte wenig später durch OB Gerhard Widder (1983-2007): Demnach waren in Mannheim 30.070 Schutzplätze vorhanden. Allerdings wurden nur die bereits oben genannten vier Bunker in N 1, Q 6, in der Böcklin- und in der Hochuferstraße genannt. Das mag daran liegen, dass der Bunker in der Bgm.-Fuchs-Str. ebenso wie der Wohlgelegenbunker für das Klinikum zur Verfügung stehen sollte. Die Finanzierung aller Bauten im Stadtkreis Mannheim erfolgte durch den Bund mit 27 Millionen DM.

Der Bunker nach Umbau und Bemalung 1982. Foto: StadtA MA – ISG

Der Hochbunker in der Neckarstadt West wurde demnach durch Maßnahmen in der Zeit des Kalten Krieges, als man bundesweit viele der Luftschutzbauten aus dem Zweiten Weltkrieg zu atomsicheren Nato-Bunkern umbaute, stark geprägt.

Heute wissen wir, dass es trotz allem nicht möglich gewesen wäre, die Bevölkerung vor den Auswirkungen eines Atomschlages zu schützen. Schließlich wurden 1990 die Bunker aus der Zivilschutzbindung entlassen und kamen zunächst in den Besitz der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA). Daraufhin entstanden erneut Konzepte zur Umnutzung, zeitgleich wurde der Denkmalwert der Bunker sowohl als Relikt der NS-Zeit als auch der Epoche des sogenannten Kalten Krieges erkannt. Bevölkerung und Denkmalschutz setzten sich für den Erhalt der noch vorhandenen Hochbunker in Mannheim ein. Eine damit einhergehende mögliche Umnutzung gestaltet sich allerdings schwierig. Zunächst unterlagen bereits umgebaute Bunker sogar noch dem Veränderungsverbot der Zivilschutzbindung. Den Kommunen wurde eine weitere Nutzung für Zivilschutzzwecke unter Übernahme der Unterhaltungskosten angeboten.

Erst 2007 kam es durch Beschluss der Innenministerkonferenz zur Aufgabe des flächendeckenden Schutzraumkonzepts und der Rückgabe an die jeweiligen Grundstückseigentümer. In Mannheim wurden die Bunker nicht mehr für den Kriegsfall gewartet. Seit 2009 lagerten Akten des Stadtarchivs im Hochbunker in der Neckarstadt West, womit ein neuer Abschnitt seiner Geschichte begann.

Quellen: Akten im  Stadtarchiv Mannheim-ISG.

Kommentare

  1. Ich, nach dem Krieg 1946 geboren kenne die Vorgänge (Luftschutzalarm und von der Werftstrasse über die Jungbuschbrücke rennen zum Bunker)zwar nur von Erzählungen meiner älteren Geschwister. Habe jedoch über die DVD über den Bunker vieles nachvollziehen dürfen. Um so dankbarer bin ich über die Veröffentlichungen von Ihnen.Gefallen mir sehr gut.Da ich in Feudenheim wohne war ich von der informativen Gestaltung Ihres Berichtes über den Feudenheiner Bunker begeistert.

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